Die Türkei wird im laufenden Jahr von einer Reihe von schweren Anschlägen erschüttert. Es zeigt sich, dass kaum einem anderen Land der Spagat zwischen der Seitenwahl im Disput der Europäischen Union mit Russland schwerer fällt, als dem Bosporus-Staat.

Von der EU wieder einmal „maßlos enttäuscht“ in Sachen Visum-Freiheit und einem wohl in die Binsen gehenden „Flüchtlingsdeal“ rudert der umstrittene Staatspräsident Recep Erdogan in Sachen Russland nun verstärkt zurück, um nach dem im letzten Jahr erfolgten Jet-Abschuss wieder die Gunst von Wladimir Putin zu erobern.

Und in Russland, wo der Kreml in diesen Tagen verstärkt nach Allianzpartnern gegen die Phalanx des Westens sucht, wird die „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ augenscheinlich mit Wohlwollen aufgenommen.

Von zentraler Bedeutung: Pipeline-Projekte...

Und so verwundert es auch nicht, dass Russlands Staatskonzern Gazprom zuletzt bekannt gab, in den Startlöchern auf der Suche nach langfristigen Finanzierungen zugunsten eines Pipeline-Projekts in der Türkei zu stehen.

Die angedachte Pipeline, die zu einem späteren Zeitpunkt bis nach Südeuropa verlängert werden soll, würde nach deren Fertigstellung Erdgas von Russland an die Türkei liefern. Pläne zur Umsetzung des Baus der Pipeline von Russland in die Türkei seien gewissenhaft ausgearbeitet worden, so Gazprom.

Die Kosten für den Bau der viersträngigen Pipeline sollen sich auf insgesamt 11,5 Milliarden Euro belaufen. Zu Beginn der vergangenen Woche gab auch der Kreml bekannt, sich einem Dialog mit Ankara zur Umsetzung des Pipeline-Projekts öffnen zu wollen.

Kampfjet-Abschuss: Wirtschaftssanktionen statt militärischer Eskalation

Diese Ankündigung erfolgte, nachdem im Kreml eine offizielle Entschuldigung seitens des türkischen Staatspräsidenten Erdogan eingegangen war, der mit Blick auf den letztjährigen russischen Kampfjet-Abschuss an der syrischen Grenze Reue zeigte.

Was hatten sich beide Kontrahenten im Zuge dieses Ereignisses gefetzt, werte Leser? In manchen Publikationen ging gar schon die Furcht vor einem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch des Dritten Weltkriegs um.

Doch Russland antwortete nicht militärisch auf diesen Vorfall, sondern konzentrierte sich vielmehr auf eine schmerzhafte Verhängung von Wirtschaftssanktionen gegen Ankara. Auf diese Weise wurden vor allem türkische Obst- und Gemüsebauern hart getroffen.

Türkei: Zwar keine Weltmacht, aber geostrategisch sehr wichtig

Auch der Bau der angedachten Pipeline zwischen Russland und der Türkei wurde auf Eis gelegt. Es machte damals den Eindruck, als würde sich die Türkei allzu sehr in den Konflikt im Nachbarland Syrien hineinziehen lassen.

Doch nach allem Geplänkel herrscht nun offensichtlich plötzlich wieder Friede, Freude, Eierkuchen zwischen beiden Ländern. Wundern muss einen dies nicht. Das NATO-Mitglied Türkei ist augenscheinlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt worden.

Staatspräsident Erdogan hat wahrscheinlich wohl oder übel einsehen müssen, dass es sich im Falle Ankaras um keine Weltmacht handelt, auch wenn das vorderasiatische Land, dessen Bosporus-Spitze auf dem europäischen Kontinent liegt, stets als Zünglein an der Waage für einen Ausgleich zwischen Europa und dem asiatischen Kontinent fungiert.

Migrationskrise führt zur Neuorientierung

Nirgendwo zeigte sich dies zuletzt so sehr wie im Fall der Migrationskrise, in der Erdogan seine Karten gegenüber Berlin und Brüssel – wie zuvor auch gegenüber Moskau – deutlich überreizt hatte. Sich nun enttäuscht von Europa abwendend, flüchtet sich Erdogan wieder in die geöffneten Arme Russlands.   

Im Kreml dürfte man über diese Entwicklung der Geschehnisse höchst erfreut sein, zeigt sich doch, wie stark die einzelnen NATO-Partnerländer untereinander gespalten zu sein scheinen. Besiegelt wurde die offizielle Entschuldigung Erdogans und der Türkei durch eine prompt folgende Unterzeichnung einer Absichtserklärung

Gazprom und das türkische Unternehmen Botas waren die Unterzeichner, die den Bau der Pipeline gemeinsam vorantreiben wollen. Nach der Fertigstellung soll russisches Erdgas via des Schwarzen Meeres an die Türkei und zu einem späteren Zeitpunkt bis nach Südeuropa durchgeleitet werden.

NATO-Land Türkei: „Freund und strategischen Partner“ Russlands

Sonderbar, nicht? Wollte Europa sich in der Zukunft nicht unabhängiger von russischen Erdgaslieferungen machen? In einem durch Recep Erdogan unterzeichneten Kondolenzbrief bezeichnete der türkische Staatspräsident Russland „als Freund und strategischen Partner“.

Ein strategischer Partner möchte die Türkei für Russland sein. Wie verträgt sich das mit der NATO-Mitgliedschaft des Bosporus-Landes? Ich lasse diese Frage offen, machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken darüber. Ganz besonders gilt dies auch für den schärfer werdenden Ton zwischen Ankara sowie Berlin und Brüssel.

Vielleicht hat Herr Erdogan eingesehen, dass die EU der Türkei keine Zukunftsperspektive gibt, um das eigene geopolitische Fähnlein nun nach dem in der Welt vorherrschenden Wind auszurichten. Wer in diesen Tagen an die leeren Strände der Türkei und deren ausbleibende Urlauber blickt, wird wohl erkennen, aus welcher Richtung der Wind zu wehen scheint.

Trotz der sich quantitativ und qualitativ intensivierenden Terrorattacken, dem Konflikt mit Syrien und dem ungelösten „Kurdenproblem“ hat der Kreml seinen Staatsbürgern wieder grünes Licht erteilt, um die Strände des Bosporus-Landes zu bevölkern. Was schert einen auch groß die Sicherheit der eigenen Bürger, wenn es heißt: zurück zu business as usual?!