Einmal im Monat wartet der Kapitalmarkt sehnsüchtig auf die US-Arbeitsmarktdaten. Kurz vor dem Wochenende am Freitagnachmittag deutscher Zeit wird die Entwicklung der sogenannten „Nonfarm-Payrolls“ veröffentlicht. Es handelt sich dabei um die Veränderung der Arbeitnehmer (gemessen an der Anzahl der Lohnabrechnungen) außerhalb der Landwirtschaft. Dies sind ca. 80% aller US-Arbeitnehmer.

Prinzipiell gilt natürlich, dass mehr Menschen, die in Lohn und Brot stehen, positiv zu sehen sind. Schließlich darf man annehmen, dass diese Geld verdienen, konsumieren und es der Wirtschaft gut/besser geht. Wie so oft wäre eine solche Herangehensweise für die Kapitalmärkte jedoch deutlich zu einfach. Aus diesem Grund setzen sich, oftmals leider auch realitätsfremde, Volkswirte hin und ermitteln Prognosen für die Veränderung der Nonfarm-Payrolls des vergangenen Monats. Am Konsens, also dem Durchschnitt aller Schätzungen, orientiert sich dann der Kapitalmarkt. So kann es beispielsweise auch zu einem Kursfeuerwerk kommen, wenn Analysten einen starken Rückgang prognostiziert haben, die Veränderungen jedoch nur einen leichten Rückgang anzeigen. Zwar bedeutet dies, dass weniger Menschen in einem Arbeitsverhältnis stehen, jedoch nicht so viele weniger wie vermutet. Und schon hat die Börse einen Grund zu jubeln und zu kaufen. Neuerdings ist hingegen noch ein weiterer Faktor dazu gekommen, der es (für mich) unmöglich macht, solche Ereignisse überhaupt in irgendeiner Art auf die Märkte zu übertragen. Seit Beginn der Ankündigungen der US-Notenbank FED mit Janet Yellen an ihrer Spitze werden die US-Arbeitsmarktdaten stets mit potentiellen Zinserhöhungen in Zusammenhang gestellt. Die Kausalitätsketten sehen (fast willkürlich) dann oftmals so aus:

-        US-Arbeitsmarktdaten sind gut und übertreffen die Erwartungen - Der Markt reagiert positiv und steigt.

-        US-Arbeitsmarktdaten sind schlecht und erreichen die Erwartungen nicht - Der Markt reagiert negativ und fällt.

-        US-Arbeitsmarktdaten sind gut und übertreffen die Erwartungen - Der Markt reagiert negativ und fällt, da damit einhergehend mit früher steigenden Zinsen gerechnet wird.

-        US-Arbeitsmarktdaten sind schlecht und erreichen die Erwartungen nicht - Der Markt reagiert positiv und steigt, da man weiter auf niedrige Zinsen und „billiges Geld“ hofft.

Auf solche Ergebnisse zu traden entspricht generell nicht meiner Kapitalmarktphilosophie, jedoch sollen die genannten Kausalitäten darauf eingehen, wie unvorhersehbar solche Termine geworden sind.

Folgend eine Abbildung, die die Zunahme oder den Rückgang am US-Arbeitsmarkt grafisch darstellt. Es wird sehr deutlich, dass wir um 2007-2009 starke Rückgänge gesehen haben, welche im direkten Zusammenhang zur US-Immobilien- und Finanzmarktkrise stehen. So auch geschehen als um die Jahrtausendwende die Dot-Com-Blase platzte. Weitere starke Rückgänge sieht man u.a. um 1990 und 1980, was jeweils auch auf die jeweiligen Einbrüche am Rohölmarkt (Ölpreiskrise, -schock) zurückzuführen ist.

Für dieses Jahr sieht es zwar positiv aus, jedoch verbinden Anleger damit immer auch die Zinserhöhung, die wir im Dezember nochmals sehen könnten. Im Juni war man hierfür noch deutlich pessimistischer, was an den damals schwachen Arbeitsmarktdaten lag.

Ob und inwiefern der Markt eine Zinserhöhung erwartet, lässt sich simpler Weise an einem Tool der Börse CME bemessen. Dieses sogenannte FedWatch-Tool basiert auf den 30-Tage Fed-Fund-Future-Preisen. Während der Markt im November mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Zinserhöhung von 0,25% - 0,50% auf 0,50% - 0,75% erwartet, so sind die Erwartungen für Dezember bereits deutlich höher.

Mehr Schein als Sein? Ein Blick tiefer ins Detail

Wenn nun von steigenden Arbeitsmarktzahlen die Rede ist, so darf man diese sicherlich kritisch sehen. Zwar stehen mehr Menschen in Lohn und Brot, jedoch muss man dahingehend vor allem auch die Qualität der jeweiligen Arbeitsplätze begutachten. Ohne eine Berufsgruppe inhaltlich bewerten zu wollen, darf man aber natürlich konstatieren, dass eine Mehrzahl an Beschäftigungen im Niedriglohnsektor bei jedoch wegfallenden Arbeitsplätzen im gut ausgebildeten und teurer vergüteten Bereich kein positiver Trend wäre. Solche Beobachtungen lassen sich hingegen derzeit in den USA machen. Folgend dazu eine Grafik der einzelnen Sektoren in den USA mit jeweiligen Angaben der durchschnittlichen wöchentlichen Lohnzahlungen. In rot eingekreist sehen die den Ø Lohn der Arbeiter bei Versorgern mit 1,631.38 US$ sowie im Bereich Gesundheit mit 846.19 US$ und Pflege-Bereich mit lediglich 388.70 US$.

Ein Phänomen, das auch hierzulande oftmals kritisiert wird. Während Mitarbeiter in der Pflege deutlich zu wenig verdienen, sieht die Lohnstruktur in anderen Bereich essentiell besser aus.  In einem nächsten Schritt macht also die Betrachtung Sinn, wie sich die Beschäftigtenzahlen in den beispielhaften Sektoren entwickelt haben.

Aus der Abbildung wird demzufolge ersichtlich, dass Arbeitsplätze im Sektor mit hohen Löhnen stagnieren oder sogar abgebaut werden, während der Niedriglohnsektor einen Zuwachs erlebt. Ob die Jobs der Pflege oder in Krankenhäusern zu niedrig entlohnt werden ist eine andere sicherlich berechtigte Debatte. An dieser Stelle soll nur auf die Verschiebung der Arbeitsplätze und der Verringerung der Lohnqualität (lediglich gemessen an der Lohnhöhe) aufgezeigt werden. So gab der durchschnittliche Lohne verteilt über alle Branchen im Monat August im Vergleich zum Vormonat um über 0,3% nach. Alle Daten werden vom „Bureau of Labor Statistics“ veröffentlicht.

Alles in allem sollen die genannten Faktoren nur klar machen, dass ein starrer Blick auf die Daten des US-Arbeitsmarktes zwar eine erste Indikation geben, für weiterreichende Analysen jedoch ein deutlich tieferer Blick notwendig ist. Der Markt jedoch bewertet oftmals nur die generelle Datenlage ohne große Detailtiefe zu evaluieren. Dies zeigt sich auch an der geringen Berichterstattung der gelieferten Statistiken.

Ihr Andreas Meyer

Quellen: CME, Bureau of Labor Statistics, Investing.com