Unter den größten in den USA ansässigen Konzernen erhöhten sich die in Übersee generierten Gewinne im letzten Jahr um mehr als $200 Milliarden. Nicht erst seit gestern wächst der Unmut mit dem Washingtoner US-Kongress, der laut Kritikern endlich Gesetzesänderungen verabschieden sollte, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Unter amerikanischen Multis türmen sich die außerhalb der USA generierten Gewinne unterdessen kumuliert auf knapp $2 Billionen, was einem Anstieg von rund 12% gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Diese Zahlen gehen aus einer Analyse des Finanzdienstleisters Bloomberg hervor, der sich mit den jüngst publizierten Pflichtmitteilungen von über 300 US-Konzernen beschäftigte. Allein unter den drei Unternehmen Microsoft, Apple und IBM kletterten diese im Ausland verbuchten Gewinne um kumuliert mehr als $37 Milliarden, womit sie für 18% des Gesamtanstiegs unter allen untersuchten Unternehmen im Analysezeitraum verantwortlich zeichneten.

Die Schlupflöcher in der amerikanischen Steuergesetzgebung gehen für US-Multis nach wie vor mit enormen Anreizen einher, um sich Bilanztricksereien zu bedienen und es so aussehen zu lassen, als würden sie den Löwenanteil ihrer Profite in Übersee verdienen. Selbst jetzt, da Regierungen rund um die Welt Pläne verfolgen, ihre Steuerquoten zu senken, um den Versuch zu unternehmen, Konzerne davon abzuhalten, Profite in Steueroasen zu verschieben, zeigt sich der US-Kongress in seinen Bemühungen weiterhin wie gelähmt.

Die Antwort der in den Vereinigten Staaten ansässigen Konzerne basierte in den letzten Jahren darauf, Profite beständig im Ausland zu buchen, um sie auch dort zu belassen. Der US-Kongress hat bislang trotz einer immensen Kritikwelle noch immer nicht gehandelt, weil – wie so oft – politische Uneinigkeit besteht, ob die Regierung nun strenger mit im Ausland agierenden US-Unternehmen verfahren sollte oder nicht. Diese Bedenken spielen sich vor allem vor dem Hintergrund weitreichender Auseinandersetzungen über die Ausgaben der Regierung und deren Steuerplänen ab.

Der daraus resultierende politische Stillstand hat die US-Regierung bislang davon abgehalten, einen Geldtopf anzuzapfen, den Präsident Obama jüngst für diverse Großprojekte wie eine dringend notwendige Autobahnmodernisierung vorgesehen hatte. Unterdessen enthalten Hunderte von Konzernen dem Land Milliarden US-Dollar an Steuern vor, während sie gleichzeitig Lobbyeinfluss auf eine Gesetzgebung zu nehmen versuchen, um  ein System zu beenden, das von ihnen als Wettbewerbsnachteil an den Weltmärkten gebrandmarkt wird.

Laut der Bloomberg-Analyse enthalten die 15 in der Analyse erstplatzierten Konzerne den USA momentan eine Gesamtsumme von $795 Milliarden vor, die außerhalb der Vereinigten Staaten auf Konten geparkt sind. Dies entspricht einem Anstieg von 10,6% gegenüber dem Vorjahr. In 2012 lag der Zuwachs bei rund 15% gegenüber 2011. Die Analyse zeigt ferner, dass die Zunahme der außerhalb des Landes gehaltenen Profite besonders groß und beständig im Sektor der Technologiefirmen wächst, durch die sowohl eine Vielzahl an Patenten als auch sonstiges intellektuelles Eigentum in Niedrigsteuerländer verschoben werden.

Multinationale US-Konzerne berichteten selbst, etwa 45% ihrer Verdienste im Jahr 2008 in Steueroasen wie Bermuda, Irland, Luxemburg, den Niederlanden oder der Schweiz generiert zu haben. Diese dort deklarierten Profite sind fünfmal höher als der dem entgegenstehende Anteil an beschäftigten Arbeitskräften und Investitionen in diesen Regionen. Zumindest ging diese Erkenntnis aus einem im Jahr 2013 publizierten Bericht des US-Kongresses hervor.

Dieser Bericht bezog sich auf Expertenschätzungen, nach denen die jährlichen Steuereinbußen des Staates zwischen $30 und $90 Milliarden liegen sollen. Explizit wird beispielsweise Apple genannt. Danach soll eine im Ausland ansässige Tochterfirma von Apple $31 Milliarden an Profiten in einem Zeitraum von 4 Jahren generiert haben, ohne über ein explizite Steuerheimat zu verfügen. Unter OECD- und Industrieländern wird nun seit Jahren nach Wegen gesucht, auf welche Weise allgemeingültige Regeln verabschiedet werden können, um derlei Gewinnverschiebungen einen Riegel vorzuschieben.

Sowohl die im Fokus stehenden Konzerne als auch deren Kritiker sind sich zumindest darin einer Meinung, dass die wachsenden und im Ausland geparkten Profite Symbol eines völlig kaputten US-Steuersystems seien. Dieses Steuersystem bietet Konzernen vor allem Anreize, um ehemals in den USA ansässigen Unternehmen eine Verlagerung ihrer Konzernzentralen durch Fusionen und Zusammenschlüsse außerhalb des Landes zu ermöglichen.

Erst in dieser Woche verkündete der im Bundesstaat North Carolina beheimatete Bananenproduzent Chiquita seinen Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Fyffes, aus dem nicht nur der weltweit größte Bananenhersteller hervorginge, sondern mit dem auch eine Verlagerung der Konzernzentrale nach Irland Hand in Hand ginge. Laut Kritikern solle und müsse der US-Kongress endlich Gesetze verabschieden, die es heimischen Multis und Konzernen erschweren würden, ihre Profite und Patente außerhalb der USA zu parken.

Wenn man sich zwischen Houston und Shenzhen entscheiden sollte oder einem Ort, wo man gar keine Steuern, zu Hause jedoch 25% bis 35% abführen müsse, sei man laut der zahlreichen Kritiker eben dazu ermutigt, nicht nur amerikanische Arbeitsplätze, sondern auch Kapital, Patente und Gewinne nach Übersee zu verlagern. Unter vielen US-Konzernen sammeln sich unterdessen hohe und unversteuerte Profite an. Nur die wenigsten entscheiden sich dafür, dieses Kapital  nach Hause zu repatriieren. Anstelle dessen nehmen sie – wie Apple – im Fall von Bargeldbedarf an den Heimatmärkten ganz einfach Kredite auf oder emittieren Anleihen.