Paris. Ein Bistro in einer Vorstadt der französischen Hauptstadt, die Gegend wird von einförmigen Sozialbauten dominiert.

Ein Herr im pensionsreifen Alter liest in der L’Humanité, dem medialen Organ der Kommunistischen Partei Frankreich.

„Früher!“, so schwärmt der Herr, wobei sein Blick plötzlich von rastloser Energie gekennzeichnet ist. Da wurde im Herbst das Fest der kommunistischen Parteizeitung, im Stil eines grandiosen Kirmesrummel gefeiert. Im Schatten des Riesenrades und unter den Luftballons trafen sich Kommunisten aus aller Welt, die Internationale erschallte in unzähligen Sprachen, der George Marchais hielt feurige Reden - ach, lange ist das her.

Der Mann, der sich als Witwer und pensionierter Geschichtslehrer vorstellt, erwähnt den Niedergang der Partei, die einst nach der italienischen die stärkste KP in Westeuropa war, die Regierungen stützte oder stürzte, deren Macht in den Gewerkschaften ebenso spürbar war, wie an den Universitäten.

„Aber heute“, so fährt er fort, "heute wählen die Arbeiter FN, wenn sie überhaupt noch zur Wahl gehen. Ja, heute, färben sich die ehemals roten Gürtel von Paris braun.“

2002 löste die Präsidentschaftswahl jenes Jahres nicht nur in Frankreich einen politischen Schock aus: Mit einem Stimmenanteil von über 16 Prozent gelang es dem Anführer des rechtsextremen Front National, Jean-Marie Le Pen, sich als zweitstärkster Kandidat im politischen System Frankreichs zu platzieren. Schlagartig gerieten neben der Peripherie des Hexagons auch die Pariser Vorstädte, dieser von Gettoisierungstendenzen und sozialer Ausgrenzung gezeichneten Ballungsgebiete, die einen der explosivsten sozialen Brennpunkte der französischen Gesellschaft darstellen, ins Blickfeld. Einst waren diese traditionellen Arbeitervorstädte Hochburgen der Kommunistischen Partei Frankreichs und bildeten insofern einen "roten Gürtel" um die französische Hauptstadt.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fasste die extreme Rechte hier Fuß. Auch der radikalen Linken, die in Frankreich traditionell stärker war als in den meisten anderen Staaten Westeuropas, gelingt es kaum, politisch von der Krise zu profitieren. Die meisten ehemaligen Wähler der KPF, der Kommunistischen Partei, die über Jahrzehnte bis zu einem Fünftel der Wähler ansprach, votieren heute für den Front National, während die undogmatische und trotzkistische Linke in unzählige Fraktionen zersplittert ist.
"Unsere besten Aktivisten sind die ehemaligen Mitglieder der Kommunistischen Partei", mischt sich eine Dame mittleren Alters vom Nebentisch in das Gespräch ein, die als Verkäuferin in einem gegenüberliegenden Bekleidungsgeschäft tätig ist und sich offen zum Front Nation bekennt.

"Damals musste man hier seine Gesinnung verstecken, aber die Zeiten sind lange vorbei", frohlockt die Dame, während der rote Rentner seine Rechnung begleicht und das Bistro verlässt.

Das politische Establishment hat ausgedient

„Immer, wenn ich Madame Le Pen reden höre, dann schlägt mein Herz ein wenig schneller, dann beschleunigt sich mein Puls“, bekennt Gilles, während er seinen Fahrgast zum gewünschten Zielort transportiert.

Der 48-Jährige fuhr nicht immer Taxi, ist eigentlich Industriemechaniker und ging als Kleinunternehmer pleite.“ Im Frankreich von heute kannst Du nicht mehr durch ehrliche Arbeit über die Runden kommen. Als kleiner Arbeiter, Angestellter oder Selbstständiger wirst Du gejagt und ausgepresst. Und Hollande, der hat uns den Rest gegeben, der war sogar noch schlimmer als Sarkozy, was schon was heißen will!“, führt Gilles aus, an dessen Rückspiegel ein Lothringer Kreuz befestigt ist, das Symbol der Gaullisten. “Ja, eigentlich bin ich Gaullist. Aber, wie sagte doch der General “Gaullisme sans De Gaulle, c´est idiote - Gaullismus ohne De Gaulle macht keinen Sinn!“

Der Gaullismus ist für Wähler wie Gilles nur noch eine leere Schale, die von der Finanzlobby kontrolliert wird, wie es Nicolas Sarkozy heute für viele Franzose verkörpert. Das Buch von Yasmina Reza “L´aube le soir ou la nuit - Das Morgengrauen, der Abend oder die Nacht“ galt in Frankreich als Grundlagenlektüre, zum Verständnis der Person und der Politik von Sarkozy.

Von Nicolas Sarkozy ging immer eine enorme Bündelung von Energie aus. Eine Energie, die ihm ja auch erst den sensationellen Aufstieg - bis ans höchste Staatsamt - ermöglichte. Der Geburt in Frankreich und dem „jus soli“ verdankt Sarkozy seine französische Staatsangehörigkeit. Sein Vater ist ein ungarischer Adliger, aber wer ist in Ungarn nicht alles adlig? Seine Mutter stammt aus der uralten sephardischen Gemeinde von Saloniki.

Dass die französische Rechte, die erzkonservative Bourgeoisie, die ja in Frankreich noch immer über mehr Einfluss verfügt als man glaubt, diesen Zuwanderer vom Balkan - der beginnt für viele Franzosen ja schon irgendwo hinter dem Rhein - nicht nur akzeptierte sondern auch aktiv unterstütze, stellt die eigentliche Sensation da. Dass Sarkozy auch noch eine jüdische Mutter hat, ergänzt dieses „politische Wunder“.

Zur Zeit der Dritten Republik, soviel ist sicher, unter dem Einfluss von Charles Maurras und seiner reaktionären “action francaise“ wäre Sarkozy öffentlich als „Zigeunerbaron“ geschmäht wurden. Sarkozys politischer Aufstieg konnte die politische Rechte Frankreichs aber nicht stabilisieren.

Nicolas Sarkozy spielt heute keine Rolle mehr.

Das Taxi hält an einer roten Ampel “Sicher, von Sarko hatte ich mir mehr erhofft, aber da kam doch nichts, und jetzt spiele ich mit dem Gedanken FN zu wählen, obwohl meine Frau aus der Karibik stammt, fürchterlich!“, beendet Gilles das Gespräch.

Die Tatsache, dass Marine Le Pen als Favoritin der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen gilt, lässt das Ausmaß dieser Krise erfassen. Die wirkliche Trennungslinie Frankreichs verlief traditionell zwischen Nord und Süd, etwa entlang der Loire, zwischen zwei Sprachsystemen, der langues d’oïl und der langues d'oc. Da schwelten aus dem Mittelalter herrührende Ressentiments. Die fränkischen Barone des Nordens hatten sich im Zuge der Kreuzzüge gegen die Irrlehre der Albigenser den Süden mitsamt seiner blühenden Kultur unterworfen. Diese historische Kluft wurde nie ganz überwunden, trotz aller massiven Zentralisierungsmaßnahmen Paris, und der Zwist lebte in den 1970er Jahren wieder auf, mit der mehr folkloristischen als sezessionistischen Bestrebung zur Wiedergeburt Okzitanniens.

Noch heute sind entlang dieser Trennungslinie Unterschiede im Wahlverhalten erkennbar. Sechzig von 101 Departements waren bis zu den letzten Departements-Wahlen vor zwei Jahren fest in sozialistischer Hand – jetzt sind es nur noch 34, die meisten davon allerdings im Süden oder Südwesten Frankreichs, zwischen Toulouse und Nizza.