Fahrt in den Süden Frankreichs. Der TGV rast durch dieses schöne Land, der Sonne entgegen.

Zur gleichen Zeit tritt Marine Le Pen in Perpignan auf, einer Stadt kurz vor der Grenze nach Spanien, in der schon Katalanisch gesprochen wird. Le Pen wettert gegen EU und Islam, beschwört das Heilige und ewige Frankreich. Im Zug äußert sich Sandrine zur politischen Lage. Die junge Frau ist auf dem Weg zu ihrer Mutter nach Nizza. Die Architektin aus Paris, Mutter von drei Kindern, ist mit einem gebürtigen Senegalesen verheiratet. Ihr Mann und die Kinder sind in Paris geblieben, um politische Spannungen zu vermeiden. “Mein Mann und ich sind sehr links eingestellt, die Familie meiner Mutter nicht“, klagt sie. “Ich habe keine Ahnung wie die Wahl ausgehen wird, aber Le Pen macht mir Angst. Noch bedenklicher finde ich, dass dieses Denken inzwischen salonfähig ist, man hört es überall“, erwähnt die junge Frau, während sie aus dem Zugfenster blickt. Der Schaffner, aus Tunesien gebürtig, äußert Verständnis für den Zulauf zu Le Pen, und fürchtet weder Islamophobie noch Rassismus. “Die anderen Politiker sind einfach zu schlecht, wir brauchen einen neuen Mitterrand!“ 900 Kilometer südlich von Paris. Ein Dorf in den Bergen bei Cannes. Charles sitzt auf der Terrasse seines Anwesens und lässt den Blick ins Weite schweifen, vom Massif de lÉsteral zur italienischen Alpen-Grenze. “Bei klarem Wetter kann man im Südosten sogar Korsika erkennen!“, schwärmt Charles dem Besucher aus Deutschland vor. Charles Haus ist in exzentrischen Stil gebaut mit rötlich getönten, geschwungenen Mauern.

„Die Côte d' Azur ist schon lange eine Hochburg des Front National“, erläutert Charles, der in der Immobilienbranche tätig ist.

„Es liegt an den Schwarzfüßen“, formuliert er schmunzelnd, den Pieds Noirs, zu denen ich ja auch gehöre, obwohl ich Macron wählen werde, der ja der Liebling der beaux quartiers ist, der besseren Viertel. Pieds Noirs werden in Frankreich jene Siedler genannt, die sich nach der Eroberung Algeriens durch Frankreich in dem nordafrikanischen Land angesiedelt hatten.

Knapp die Hälfte stammte aus dem Mutterland, die übrigen aus Italien, Malta und Spanien.

Koloniales Erbe

Anfang der 1960er Jahre, mit dem Ende des Algerienkrieges, verließen fast alle Europäer Algerien, insgesamt wohl 1,5 Millionen Menschen und siedelten sich schwerpunktmäßig im Südosten Frankreichs an - entlang der subtropischen Mittelmeerküste. “Meine Eltern wählten in Algier immer links“, bekennt Charles, aber nach ihrer unfreiwilligen Übersiedlung ins Mutterland, votierten sie aus Hass auf de Gaulle, der sie ihrer Meinung nach verraten hatte, extrem rechts. Das kam dann dem FN zu Gute, plus vieler anderer Faktoren.“

Charles lädt zu einer Fahrt entlang der Küste ein. Das Mittelmeer funkelt azurblau in der Frühlingssonne, Palmen schmiegen sich im Wind. Die Landschaft verspricht ein Dasein mit sonniger Lebensqualität und naturbezogener Idylle, wenn da nicht hin und wieder Bausünden auftauchen würden.“Früher sind aus allen Provinzen Frankreichs, Menschen hierher gezogen. Die Pieds Noirs, die Korsen, die Vietnamesen, Einwanderer aus dem Mahgreb und Schwarzafrika, Portugiesen und Italiener, dann in den letzten Jahren wieder verstärkt Rentner aus dem kühlen Norden Frankreichs, oder aus den feuchten Niederlanden, aus Deutschland und Großbritannien, als letztes viele Rumänen.

Der Wagen schlängelt sich durch die Dörfer, deren Einwohner größtenteils aus Arabern zu bestehen scheinen. “Die islamistischen Anschläge der letzten Jahre, diese fürchterlichen Morde, haben Le Pens Strategie erst aufgehen lassen“, sagt Charles. “Aber egal wie stark Le Pen wird, hier ist schon längst eine Mischgesellschaft entstanden, die sich immer aufs Neue entfaltet. Im Kulturellen ist allerdings eine schreckliche Verflachung eingetreten, seit es diese Scheiß-Smartphones aus den USA gibt“, ergänzt er ärgerlich. “Kein Wunder wenn die Massen verblöden!“ “Nein, die Franzosen lieben das 21. Jahrhundert nicht, und sie würden es, könnten sie dies, liebend gern zurücklassen”, schrieb Olivier Guez vor fünf Jahren, nach der damaligen ersten Runde der Präsidentenwahlen im Hexagon. Die politischen Pendelschläge waren in Frankreich schon immer stärker ausgeprägt, als in anderen westeuropäischen Staaten.

Die Furcht vor dem Niedergang, die nostalgische Verklärung der “ruhmreichen” Vergangenheit, die Sehnsucht nach der Gloire, sind in der  Fünften Republik (die immerhin schon seit 1958 existiert) weit verbreitet. Das alles flankiert von einem kulturellen Sendungsbewusstsein, welches sich aus der Vergangenheit speist, als die französische Kunst und Kultur eine Strahlkraft entwickelte, die weit über die Staatsgrenzen reichte. Frankreich steht heute auf tönernen Füßen. Es schwankt soziokulturell zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen Großmachtsambitionen und einer Art romanischen Wagenburgmentalität, wie die Umfrageergebnisse signalisieren. Unabhängig davon, wer demnächst in den Élysée-Palast einziehen wird, das neue Staatsoberhaupt unseres Nachbarlandes muss seine Bürger mit der Gegenwart aussöhnen und in die Zukunft führen. Nicht nur im Interesse Frankreichs. Kurz vor der Einfahrt nach Cannes hatte jemand einen Slogan auf eine graue Hauswand geschmiert. Bei näherem Hinsehen ist ein Zitat von Paul Valery zu entziffern: „Et nous voyons maintenant que l'abîme de l'histoire est assez grand pour tout le monde" (Und wir sehen jetzt, dass der Abgrund der Geschichte Raum hat für alle).