Im Falle der NATO handelt es sich um eine zwischenstaatliche Militärallianz, die im Jahr 1949 gegen eine mögliche Invasion Westeuropas durch die Sowjetunion begründet wurde. Die Sowjetunion brach im Jahr 1991 zusammen. Warum gibt es die NATO also überhaupt noch?

Worin findet sich heute der wahre Zweck einer Aufrechterhaltung der NATO, und welchen Interessen dient eine solche Aufrechterhaltung? Warum leben wir noch immer in einer Zeit des Kalten Krieges?

In Estland sagen wir „Wer die Kosten für eine Party übernimmt bestimmt auch, welche Musik am Abend gespielt wird. Die NATO wird zu 70% durch das amerikanische Haushaltsbudget finanziert, während die restlichen 30% auf die anderen 27 Mitglieder entfallen.

Kalter Krieg besteht fort

Seit Beginn der 1990iger Jahre sind die Vereinigten Staaten von Amerika für Estland der wichtigste strategische Partner in der Welt. Wir hatten mit Toomas Hendrik Ilves sogar einen „amerikanischen“ Präsidenten, der in Schweden geboren wurde, jedoch nahezu sein gesamtes Leben in den USA verbrachte.

Nachdem die UdSSR kollabierte kehrte Ilves nach Estland zurück und unterhielt dabei eine enge Bande mit der CIA. Traurigerweise verstand sich Ilves noch nicht einmal auf das Sprechen unserer Landessprache – und somit eben jener Bevölkerung, die er als hochrangiger Politiker repräsentierte.

Doch diese Tatsache hinderte Ilves nicht daran, Estland als Staatspräsident zwischen den Jahren 2006 und 2016 zu repräsentieren. Und so blieb Estland die Ära des Kalten Krieges auf eben jene Weise erhalten, wie dies auch im amerikanischen Fernsehen der Fall war.

Geografische Lage zwischen zwei Brandherden

Furcht und Angst sind die besten Faktoren, die es benötigt, um für eine robuste Finanzierung von Militär- und Kriegsbudgets zu sorgen. Hinzu kommt, dass diese Gelder unter jenen Leuten aufgeteilt werden, die in diesem Sektor ihrer Beschäftigung nachgehen.

Um das finanzielle Überleben der Beschäftigten und Aktivisten in diesem Sektor zu gewährleisten, müssen diese Personen stets die Illusion nähren, dass Waffen wichtig zur Verteidigung sind, obwohl wir heutzutage in einem Europa leben, das auf eine ganz neue Epoche der Entwicklung blickt.

Unglücklicherweise sehen sich die Esten einem perfiden Spiel von ausländischen Interessen ausgesetzt, während sich unser Land geografisch zwischen zwei Brandherden befindet, die ich namentlich als westliche und östliche Propaganda bezeichnen möchte.

„Genosse Putin erobert Estland“

Die Propaganda des Westens befindet sich selbstverständlich auf der Gewinnerstraße. Im vergangenen Winter wurde die Situation so schlimm, dass die estnischsprachige Bevölkerung damit begann, Lebensmittelvorräte in ihren Häusern anzulegen.

Das sich zu Weihnachten am besten verkaufende Brettspiel lautete auf den Namen „Genosse Putin erobert Estland“, das von einer russischen Eroberung Estlands handelt. Wir lernen beim Spielen auch darüber, auf welche Weise die Esten diesem Kampf begegnen können.

Die Spielerfinder sprechen darüber, dass ihr Gesellschaftsspiel „mit einer Portion Humor entwickelt worden ist“. Ich kann allerdings keinen Humor in Gesellschaftsspielen erkennen, die Ängste und Konflikte erzeugen, und die einen realen Einfluss auf die Lebensweise der gewöhnlichen Leute ausüben.

NATO-Truppen 100 Meilen vor St. Petersburg

Doch lassen Sie uns zum Erkennen des Gesamtbildes an dieser Stelle einmal etwas tiefer ins Detail einsteigen. Estland verfügt über eine Armee von 6.000 Soldaten, von denen ein Anteil von 50% Wehrpflichtige sind. Russland verfügt dagegen über ein stehendes Heer von 1,2 Millionen Soldaten.

Im Westen kritisieren wir Russland für die Einleitung von Maßnahmen gegen eine Militärorganisation, welche die UdSSR zum Kollabieren gebracht hat, und die geografisch von 1991 bis heute von Deutschland bis ins Baltikum expandierte.

Ich frage mich, wie wohl Amerika reagieren würde, falls eine sowjetische oder russische Armee nur rund 100 Meilen vor New York stehen würde? Wir alle kennen die Antwort auf diese Frage, doch trotzdem halten es viele von uns für normal, dass die NATO ihre Armee expandiert, die sich momentan zudem nur rund 100 Meilen von Sankt Petersburg entfernt befindet.

Unser kleines Land leidet unter einem Hauptproblem, das sich aus dessen geografischer Lage ableitet. Russland ist flächenmäßig das größte Land der Erde, doch unglücklicherweise liegen die beiden Hauptmetropolen des Landes (Moskau und Sankt Petersburg) an der Grenze zu Europa.

Alle starken Führungspersönlichkeiten hegten stets den Traum, ein solches Riesenreich zu erobern. Derartige Bestrebungen gehen geschichtlich zurück auf Napoleon und die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert, die sich jeweils von Zentrum Europas in die östliche Peripherie des Kontinents verlagerten.

Wie all diese Bestrebungen immer wieder endeten, wissen heute alle Menschen im EU-Raum. Ich denke, dass die Menschen die Nase voll haben von diesen leidvollen und schmerzhaften Erfahrungen, und dass es Zeit ist, einer neuen Epoche der Entwicklung auf dem europäischen Kontinent ins Auge zu blicken.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Doch wie ich beobachte, scheinen nicht alle unserer Militärverbündeten auf eben jene Weise zu denken. Es ist so einfach, Spannungen und Konflikte in Regionen herbeizuführen, die geografisch nicht an den eigenen Grenzen verortet sind. 

Gibt es für diese brenzlige Lage eine Lösung? Ich denke schon. Es obliegt schlichtweg den Ottonormalbürgern, sich gegen die geschürten Ängste sowie gegen unsere eigenen als auch ausländischen Politiker zu stemmen, die uns in diese Situation hineintreiben.

Jeder Politiker oder jede Politikerin, die in deren Reden Angst, Furcht und Hass zwischen der EU und Russland nähren, sollten durch die jeweiligen Bevölkerungen kritisch beäugt werden. Denn diese Politiker führen keinen Kampf für die gewöhnlichen Menschen, sondern allein zugunsten von deren eigenen Interessen.

Ich reise sehr viel innerhalb der EU und in Russland. Was ich dabei immer wieder erkenne, ist, dass alle von uns dasselbe Ziel verfolgen. Lassen wir die provozierenden und korrupten Politiker bei Seite und außer Acht, um uns auf gegenseitiges Verständnis und vor allem darauf zu fokussieren, dass alle Menschen dieselben positiven und einfachen Dinge im Leben zu schätzen wissen und danach trachten.