Egal, wo es einen in diesen Tagen auch hinführt, oft hat man das Gefühl, die Chinesen sind schon da. Nicht anders verhält sich das im Fall von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba, an deren Bole International Airport es an diesem nebligen Dezembertag von Flugreisenden aus dem Reich der Mitte nur so wimmelt, die sehnlichst auf ihren Aufruf zum Boarding für ihre Maschinen nach Peking oder Shanghai warten. Gesellig geht es vor allem im abgegrenzten Raucherbereich im modernen Terminal 2 zu, den Chinesen fast gänzlich für sich in Beschlag genommen haben.

Landeanflug auf Äthiopiens Hauptsstadt Addis Abeba / Bild: Roman Baudzus

Auch die bequemen und nebeneinandergereihten Sitzliegen, die sich vor einer langen Fensterfront einer Glas- und Stahlkonstruktion hinziehen, bieten kaum mehr ein freies Plätzchen. Aus einem Teehaus strömt im Vorbeigehen ein wohliger Geruch verschiedenster Kräuter und Gewürze. Eine adrette Verkäuferin berät Kunden, die es sich vor dem afrikanisch dekorierten Eingang bei einer Tasse Tee in Plüschsesseln bequem gemacht haben, über die aromatischsten Teemixturen.

Nein, auch im einstigen Kaiserreich des Haile Selassie sind die Uhren nicht stehen geblieben. Längst hat man sich auch hier auf einen einträglichen Handel mit Duty Free Produkten aller Art sowie ein breites Dienstleistungsangebot fokussiert, durch die sich die Portemonnaies der wartenden Fluggäste öffnen sollen. Während ich das bunte Treiben in der Abflughalle des Terminals beobachte, wird mir bewusst, in welch kurzem Zeitraum sich Ethiopian Airlines zur erfolgreichsten Fluglinien auf dem afrikanischen Kontinent emporgeschwungen hat.

Der Bole International Airport fungiert für Ethiopian Airlines als Homebase und Hub für Destinationen rund um den Globus. Heute ist die Fluglinie Partner im Luftfahrtbündnis Star Alliance der Deutsche Lufthansa AG / Bild: Roman Baudzus

Auf diesem Weg konnte Ethiopian in den letzten Jahren eine ganze Reihe von durchaus aussichtsreicheren Kandidaten hinter sich lassen. Seine Krönung fand der geschäftliche Erfolg dann schließlich durch die Aufnahme von Ethiopian in das Luftfahrtbündnis Star Alliance der Deutschen Lufthansa. Ethiopian fungiert seitdem nicht nur als Zubringer für die einzelnen Bündnispartner, sondern bedient längst schon selbst alle möglichen Destinationen rund um den Globus bei gutem Service.

Eine Erfolgsgeschichte, der man sich insbesondere in Südafrika oder Kenia verschrieben hatte, der die Realität von Missmanagement, Nepotismus und mitunter grenzenloser Korruption allerdings einen Strich durch die Rechnung machte. Nicht von ungefähr blickt man auf dem afrikanischen Kontinent mit einigem Neid auf die Entwicklung der äthiopischen Fluglinie. Es ist an diesem Dezembertag doch recht kühl im bis auf 4.500 Meter reichenden Hochland von Abessinien, weshalb ich froh bin, einen Pulli in der Tasche zu haben.     

Neben dem Tourismus setzt Äthiopien auf den Aufbau von Leichtindustrie (heute etwa einen Anteil von 10% am BIP) sowie eine Revolutionierung der Agrarwirtschaft durch biologische Landbaumethoden / Bild: Roman Baudzus

Äthiopien ist der einzige Staat des schwarzen Kontinents, der sich damit rühmen kann, keine Kolonialgeschichte zu haben. Eine Ausnahme bildete die kurzzeitige Besatzung vor und während des Zweiten Weltkriegs durch das faschistische Italien Mussolinis. In dieser Zeit war das Land auch unter dem Namen Abessinien bekannt. Experten streiten darüber, ob Äthiopien heutzutage besser entwickelt sein könnte, wenn es – wie andere afrikanische Staaten – auf eine Kolonialgeschichte zurückblicken könnte.

Nun, ich denke persönlich nicht, dass sich komplexe Entwicklungsvorgänge allein an einer geschichtlichen Episode festmachen lassen. Dazu reicht es schon, den Blick ins ehemalige Südrhodesien und heutige Simbabwe schweifen zu lassen. Einst zu Recht  die Kornkammer Afrikas genannt, befand sich Simbabwe selbst nach seiner Unabhängigkeit unter den ergiebigsten Korn- und Weizenexporteure der Welt. Nun, wie diese Geschichte unter dem Regime von Robert Mugabe geendet ist, weiß die Welt spätestens nach dem Schlagzeilen machenden Ausbruch einer brutalen Hyperinflation in der vergangenen Dekade.

Überrascht war ich durch die hohe Präsenz von Chinesen am Flughafen von Addis Abeba / Bild: Roman Baudzus

Nun, die Realität sollte man nicht aus den Augen verlieren, doch genau deshalb würde ich behaupten, dass es Äthiopien – einem der auf dem Papier am meisten unterentwickelten Staaten der Welt – heute wirtschaftlich besser geht als so manch anderem afrikanischen Modellstaat, von dem sich Beobachter einst einen grenzenlosen Aufschwung erhofften. Man darf sich natürlich die Frage stellen, inwieweit Äthiopien durch die kommunistische Revolte im Jahr 1974 zurückgeworfen wurde, das den Sturz des monarchischen Kaisers Haile Selassie I. sah.

Reminiszenzen an den einstigen Rastafari-Kaiser lesen sich aus heutiger Sicht sicher ebenso verstaubt, wie Erinnerungen britischer Rift Valley Siedler, die ihren ökonomischen Erfolg auf harter Arbeit und der Rahmengesetzgebung einstiger Kolonialverwaltungen begründeten. Wer sich heutzutage auf die Spuren der durch Haile Selassie I. protegierten afroamerikanischen Glaubensgemeinschaft der Rastafari begeben möchte, wird nicht enttäuscht.

Denn sesshafte Mitglieder dieser religiösen Gruppierung finden sich noch immer im Süden der Hauptstadt Addis, wo sich die afrikanischen Heimkehrer aus den Vereinigten Staaten und verschiedenen Inseln der Karibik vornehmlich niedergelassen hatten. Unter den bis 1991 mit kommunistischer Agenda regierenden Diktatoren blieb diese Glaubensgemeinschaft relativ unangetastet. Doch was den Berg hinunterging war natürlich die wirtschaftliche Entwicklung, die Äthiopien und dessen zahlreiche Hungersnöte nicht selten zu einem Thema der westlichen Abendnachrichten machten.

Nachdem Rebellengruppen verschiedener Ethnien den Kommunisten 1991 den Garaus machten, erfolgte die Etablierung eines autokratischen, jedoch föderalen Systems, das wieder in Richtung einer Marktwirtschaft ausgerichtet wurde. Tansania kämpft heute mit ähnlichen Problemen – nämlich nach einer solch verlorenen Zeit wieder Anschluss an den afrikanischen und internationalen Wettbewerb zu finden. Beim Aufbau solcher Strukturen hat Äthiopien aus meiner Sicht seitdem größere Fortschritte erzielt als es mit Blick auf die friedliche Konversion im Goldabbauland Tansania der Fall ist.

Terminal 2 des Bole International Airports – ein moderner Bau aus Glas und Stahl / Bild : Roman Baudzus

Zwischen den Küsten des Indischen Ozeans und des Lake Victoria muss erst einmal wieder das Erlernen der englischen Sprache auf den Schulplan kommen, das der erste tansanische Präsident Julius Nyerere aus lauter Groll gegen die einst verhassten Briten rigoros verbot. Doch in Äthiopien lassen sich auch Erfolge anderer Art beobachten. Dazu gehört in erster Linie eine revolutionäre Land- und Biolandbaumethode, durch die sich Agrarerträge in den letzten Jahren potenziert haben.

Mitunter sind aus Wüstenregionen blühende Landschaften geworden, die heute stark zu einer ausreichenden Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Lebensmitteln beitragen. Wie auch für viele andere Länder des afrikanischen Kontinents ist der Weg noch weit, doch zumindest wurde einmal ein erfolgversprechender Weg beschritten, zumal sich die Anwesenheit von zahlreichen Besuchern aus dem Reich der Mitte auch hier nicht aus Tourismusgründen, sondern eher aus der tatkräftigen Unterstützung beim Straßen- und Infrastrukturbau ableitet.

Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Äthiopien kein typisches Rohstoffland auf dem afrikanischen Kontinent ist. Bis auf KLEINE Mengen von Gold oder Platin wird hier nichts von Tragweite abgebaut. Das Land ist eher rohstoffarm. Die Chinesen scheint das im Angesicht ihres afrikanischen Expansionsdrangs jedoch nur wenig zu stören. Jetzt steht auch in Äthiopien erst einmal das Weihnachtsfest an, das die äthiopisch-orthodoxen Christen (etwa 45% der Bevölkerung) – ungleich in Europa – jedoch erst am 6. Januar einläuten.

Dieses Fest wird vielerorts nicht selten noch sehr traditionell und nach mehr als 1.000 Jahre alter Überlieferung zelebriert. Der etwa 35%ige Anteil der Bevölkerung aus sunnitischen Muslimen ist davon nicht betroffen. Ihre Festivitäten werden in einem anderen Zeitraum des Jahres stattfinden. Somit bleibt mir abschließend eigentlich nur, allen orthodoxen Christen ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen!