Oder gibt es etwa doch ein bestimmtes Weltbild, das ihn antreibt? Für das Pentagon oder die chinesische Regierung ist es ganz typisch, dass sie Pläne entwerfen, die auf Jahrzehnte angelegt sind. Anhand ihrer Philosophie bzw. Ideologie werden die lang- und mittelfristigen Strategien sowie Taktiken und operative Schritte abgeleitet.

Verfolgt Erdogan ebenfalls eine ideologische Absicht, die sich über Jahrzehnte erstreckt und sein Handeln offenbart? In diesem Beitrag, der eine Mischung aus einem Reisebericht aus der Türkei, einem Kommentar und einer Hintergrundanalyse ist, soll dieser Frage auf den Grund gegangen werden.

Postsowjetisches Konzil

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die turksprachigen zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, Usbekistan sowie das kaukasische Aserbaidschan unabhängig. Im Oktober 1992, fand in Ankara der erste Gipfel dieser turksprachigen Staaten statt, an dem die jeweiligen Staatsführer teilnahmen. Beim zehnten Gipfel 2009 im aserbaidschanischen Naxçıvan wurde der „Turkic Council“ gegründet, der im Deutschen als „Türkisches Konzil“ oder als der „Türkische Rat“ bekannt ist. Die Idee dazu formulierte der kasachische Präsident Nursultan Nazarbajew im Jahr 2006.

1992 entstand auch die Idee, mit TÜRKSOY eine internationale Organisation der türkischen Kultur zu gründen, die ein Jahr später ins Leben gerufen wurde. Der Begriff „Soy“ bedeutet so viel wie Abstammung oder Volksstamm, was bei der Namensgebung wohl kein Zufall sein dürfte. Damit sollte auf die gemeinsame Herkunft hingewiesen werden. 2008 entstand die TürkPA, welche die parlamentarische Versammlung turkisch sprechender Staaten darstellt. Der Turkic Council ist eine Art Dachorganisation, dem neben TÜRKSOY und TürkPA mitunter der Wirtschaftsrat „Turkic Business Council“ sowie die wissenschaftsorientierte „International Turkic Academy“ angehören.

Turkic Noopolitik

Der Turkic Council hat sich im weitesten Sinne der so genannten „Noopolitik“ verschrieben, die einen Zusammenhang zwischen Wissen und Politik herstellt. Neben herkömmlichen Zielen in den Bereichen Ökonomie, Sicherheit oder dem Entwerfen gemeinsamer außenpolitischer Positionen werden dabei vornehmlich kulturelle Aspekte berücksichtigt. Dazu zählen ebenfalls gesellschaftliche und bildungsbezogene Entwicklungen. Weiterhin gehören auch der Austausch und die Abstimmung in Fragen der Gesundheit, des Tourismus oder des Sports zur Programmatik.

Als Teil der Noopolitik ist gemeinhin die „Soft Power“ bekannt, die die Attraktivität einer bestimmten Kultur oder Ideologie hervorheben soll, um darüber Macht auszuüben. Auf dieser Grundlage kooperieren das Pentagon und Hollywood schon seit Jahrzehnten. Das Militär und die Geheimdienste werden in Kino-Blockbustern wie „Top Gun“, „Blackhawk Down“ oder in Serien wie „NAVY CIS“ im positiven Licht dargestellt. Die Unterhaltungsindustrie wird so zur weltanschaulichen Bewusstseinsindustrie.

Diesem Gedanken widmet sich auch der Turkic Council. Ein Ziel lautet, dass das „großartige kulturelle und historische Erbe der Turkvölker“ mithilfe der Massenmedien popularisiert werden soll. Eine Interaktion zwischen den Mitgliedsstaaten wird in diesem Sinne ebenfalls bezweckt. Der Film „Fetih 1453“, der von der Eroberung Konstantinopels handelt, gilt als der teuerste der Türkei. 2011, ein Jahr bevor der Historienfilm, der das Osmanentum verherrlicht, gedreht wurde, lief die Serie „Muhteşem Yüzyıl“ – zu Deutsch: „Das prächtige Jahrhundert“ – im türkischen Fernsehen an. Viele Türkischstämmige in Europa haben über Digitalreceiver oder das Satellitenfernsehen verfolgt, wie Süleyman der Prächtige im 16. Jahrhundert das Osmanische Reich regierte, als es unter ihm seine größte Ausdehnung erreicht hatte.

Insbesondere im Nahen Osten, in Zentralasien, auf dem Balkan oder in Nordafrika sind die Fernsehserien regelrechte Exportschlager. Sie wurden in den Kritiken deutscher Zeitungen teils als Propagandamittel für den Neo-Osmanismus bezeichnet. Solche Filme und Serien mit Heroen der türkischen Geschichte sind ganz im Sinne Erdogans. Eines dieser Werke, nämlich das mit dem Titel „Reis“ („Anführer“), handelte sogar über ihn selbst. Seine heldenhafte Biographie lief letztes Jahr auch in manchen europäischen Kinos, wie beispielsweise in Berlin.

Flagge zeigen

Die im 16. Jahrhundert vom Architekten Sinan gebauten Moscheen sind beliebte Sehenswürdigkeiten Istanbuls. Unweit von einer dieser Moscheen gibt es ein bekanntes Café, das sich im Freien befindet. Es ist von historischen Gemäuern umgeben. Die vornehmlich türkischen und arabischen Gäste trinken hier Mokka aus kleinen Tässchen, Schwarzen Tee aus traditionellen Teegläsern oder rauchen Wasserpfeife – ganz so, wie man sich das Leben im Orient klischeehaft vorstellt.

Auf einer Seite des Gemäuers hingen sechs große Fahnen senkrecht nebeneinander herunter, die jeweils ca. sieben Meter lang waren. Darunter waren eine osmanische Reichs- und eine Kriegsflagge, die Fahne Aserbaidschans, die der irakischen Kirkuk-Turkmenen, der Krim-Tartaren sowie diejenige des westchinesischen Turkvolkes der Uiguren. Eine Flagge in Normalgröße hing über dem Tresen. Sie war hellblau, hatte einen weißen Halbmond, in welchem die Umrisse eines Wolfkopfes zu erkennen waren. Obwohl ich ihre Bedeutung kannte, fragte ich die Bedienung danach, weil mich seine Antwort dazu interessierte. Kurz und knapp sagte er, dass es sich um eine Turan-Flagge handle. Die Antwort klang ernst, belehrend und sogar ein wenig vorwurfsvoll; das fand auch ein Freund aus London, mit dem wir dort zusammen Tee tranken. Vorwurfsvoll vermutlich deshalb, weil ich das als Türke doch wissen müsse...

Turan ist die mythologische Urheimat der Turkvölker, die laut Sage in Zentralasien liegt. Die Idee, durch den Turanismus bzw. den Panturkismus eine geistige und kulturelle Einheit zwischen den Turkvölkern zu schaffen, geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Zu einer Zeit, als auch der Panslawismus und der Pangermanismus das Identitätsgefühl der Russen und Deutschen ansprach.

Gleiche und ähnliche Fahnen wie die oben erwähnten sind auch zuhauf bei Wahlkampfveranstaltungen und Reden des türkischen Präsidenten zu sehen, wie sie im Publikum geschwenkt werden. Bei den Parlamentswahlen vor zwei Jahren wurde zudem eine traditionelle kasachische Melodie zur offiziellen Wahlkampfmusik erklärt. Die PR-Abteilungen rund um Erdogan setzen somit auf die erwähnten Arten von Fahnen und die dazugehörige Musik. Der Bezug zu den Turkvölkern wird generell bildsprachlich und künstlerisch stark mit in die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung eingebunden.

4 Finger

Um dem Freund aus London Teile Istanbuls zu zeigen, wo normalerweise keine Touristen hinkommen, gingen wir in ein Viertel, in dem Erdogan während des Referendums im April knapp 80 Prozent an Ja-Stimmen erzielen konnte. Als wir aus einem kleinen Supermarkt herauskamen, sprach mein Freund mich auf zwei Poster an, die dort - neben einem Portrait-Foto Erdogans - an der Wand hingen. Das eine zeigte eine eurasische Landkarte. Vom Balkan bis nach Westchina und den Nordosten Russlands waren gut drei Dutzend kleine Fahnen eingezeichnet. Dabei handelt es sich um die Fahnen von „allen Turkvölkern der Welt“, wie das Poster auf Türkisch betitelt war. Fahnen aus dem erwähnten Café waren darauf übrigens wiederzufinden. Im Laden des Supermarkt-Eigentümers stoßen die Soft-Power-Maßnahmen im Sinne des Turkic Council offenbar auf Resonanz.

Auf dem anderen Poster war eine schwarze Hand mit vier ausgestreckten Fingern und eingeklapptem Daumen auf gelbem Hintergrund zu sehen. Darunter stand der Begriff „R4BIA“. Das Emblem geht auf die Zerschlagung einer Demonstration in Ägypten zurück. Nachdem der Muslimbruder Mohammed Mursi 2012 zum ägyptischen Präsidenten gewählt wurde, putschte im Juli 2013 das Militär gegen ihn. Bei den Demonstrationen der Mursi-Anhänger wurde Waffengewalt angewendet, wobei Hunderte Menschen ums Leben kamen. Das Rabia-Zeichen wurde zum Symbol dieser Protestbewegung.

Nachdem damals Erdogan begann, bei seinen Reden das Rabia-Zeichen zu machen, kritisierte ihn die Sozialdemokratische Partei CHP dafür. Denn im September 2013 wurde die Muslimbruderschaft, die im Westen als radikal-islamistisch betrachtet wird, in Ägypten als Terrororganisation eingestuft. Daraufhin bezichtigte der CHP-Führer Kılıçdaroğlu den Präsidenten, sich mit Terroristen gemein zu machen. Erdogan erwiderte, dass das nicht stimme. Er sagte, dass die Finger jeweils für ein Volk, eine Fahne, eine Heimat und ein Land stünden. Dann fragte er, ob die CHP denn gegen die Einheit und Einigkeit des türkischen Volkes sei, wenn sie dieses Zeichen kritisierten. Diese Antwort war vielmehr ein geschickter rhetorischer Kunstgriff gegen oppositionelle Angriffe als eine Absage an die Muslimbrüder.  

Dass der türkische Präsident den Schulterschluss mit den muslimischen Arabern sucht, ist nicht gerade abwegig. Als der Fastenmonat zu Ende ging, wendete sich Erdogan einen Tag vor dem Ramadan-Fest live im TV an die Bevölkerung. Er hatte syrische Flüchtlinge zum Fastenbrechen eingeladen. Der Dolmetscher übersetzte direkt auf der Bühne. Erdogan hob den Islam als Gemeinsamkeit hervor und betonte mehrmals, dass Syrien und die Türkei Brüdervölker seien.
Während des Arabischen Frühlings galt die Türkei als Musterbeispiel für eine muslimische Demokratie. Es hieß, Erdogan könnte zum Wortführer der islamischen Welt aufsteigen. Als er 2011 nach Ägypten reiste, wurde er von Tausenden frenetisch empfangen. Im Kairoer Plenarsaal der Arabischen Liga, wo er vor Vertretern der Organisation eine Rede hielt, wurde er mit tosendem Applaus begrüßt. Er sprach immer wieder von seinen arabischen Brüdern. Er bezichtigte Israel des Staatsterrors und verglich sie mit einem verzogenen Kind. Dass er sich furchtlos gegenüber der israelischen Regierung zeigte, brachte ihm in der muslimischen Welt viele Sympathien ein. Vor allem bei den antizionistischen Muslimbrüdern und den islamistischen Syrern, die als klassische Erzfeinde Israels gelten.

Ritter für Jerusalem

Vor einigen Tagen, nachdem er von seinem Besuch in den Golfstaaten zurück war, hielt Erdogan eine Rede vor seiner Fraktion. Er thematisierte den Streit um den Tempelberg in Jerusalem, der wieder entfacht war. Er richtete einen Appell an die Muslime in aller Welt, die Jerusalem und den Tempelberg besuchen sollen. Die Muslime sollten sich solidarisieren und - nach Mekka und Medina in Saudi-Arabien - für die drittheiligste Stätte der Muslime eintreten. (Der Begriff „eintreten“ könnte unter Berücksichtigung des Gesamtkontextes auch als „sich aneignen“ oder „erobern“ übersetzt bzw. interpretiert werden.)

Es sei Geschichtsverfälschung, dass die Araber den Türken in den Rücken gefallen seien. Es sei die Zeit gekommen, diese Lüge beiseite zu legen. Die Araber könnten nicht alle über einen Kamm geschert werden, nur weil einige während und nach dem Ersten Weltkrieg Fehler begangen hätten. Um Jerusalem während der Kreuzzüge zu verteidigen, hätten die Moslems bis auf den letzten Blutstropfen gekämpft. Das gelte auch für die heutige Zeit. Die Probleme in Palästina hätten mit dem Fall des Osmanischen Reiches begonnen. Im Publikum skandierten die Zuschauer, während sie das Rabia-Zeichen machten, dass Allah auf ihrer Seite sei. Die Rede schlug in den israelischen Medien hohe Wellen. Emmanuel Nahshon, der Sprecher des Außenministeriums, antwortete darauf, dass Jerusalem immer die Hauptstadt Israels bleiben werde, dass Erdogan sich um die Probleme im eigenen Land kümmern solle, und dass die Tage des Osmanischen Reiches vorüber seien.

Anfang 2015 empfing Erdogan den Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas in seinem Palast in Ankara. Beim offiziellen Fototermin formierten sich 16 Männer in historischen Ritterrüstungen um sie. Sie standen für die Vorfahren der heutigen Türkei. Das Netz spottete und nannte es „Osmanischer Zirkus“ oder „Kostümfest“. Doch was wollte Erdogan mit dem Auftritt, der gemeinhin als absonderlich wahrgenommen wurde, bezwecken? Eine Erklärung wäre es beispielsweise, dass auch der Neo-Osmanismus bereit wäre, die Heilige Stadt Jerusalem zu beschützen, wie es das Osmanische Reich aus ihrer Sicht über 400 Jahre tat. Diesmal beinhalte die „Schutzmacht“ auch zentralasiatische Turkvölker...!?

Dass Erdogan mit der Verwendung des Rabia-Zeichens auf eine Bekundung zu einer Art „Islamischen Internationale“ abzielt, ist mehr als nur denkbar, wenn man sich das Verhältnis zur radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas vor Augen hält. Sie regiert über den Gaza-Streifen und hat ihre Wurzeln in der ägyptischen Muslimbruderschaft. Schon den letzten Jahren hat Erdogan demonstrativ Nähe zu ihnen gezeigt. Im 2011 trat der damalige Hamas-Führer als Überraschungsredner auf einer AKP-Veranstaltung auf; 2014 empfing er den Chef der Organisation in Istanbul. Das war insofern außenpolitisch brisant, als dass die Hamas in der EU, wie auch in den USA oder Kanada als Terrororganisation eingestuft wird. Als Erdogan das Referendum gewann, gehörten die Hamas und die Muslimbruderschaft zu seinen ersten Gratulanten.

Ein vertrauliches Papier der Bundesregierung, mit der sie auf die Anfrage der Linksfraktion einging, gelangte letztes Jahr an die Öffentlichkeit. Darin wurde der Türkei vorgeworfen, als „zentrale Aktionsplattform“ für islamistische und terroristische Organisationen im Nahen und Mittleren Osten zu dienen. In der Stellungnahme, die auf den Einschätzungen des BND basierte, stand Folgendes: "Die zahlreichen Solidaritätsbekundungen und Unterstützungshandlungen für die ägyptische Muslimbruderschaft, die Hamas und Gruppen der bewaffneten islamistischen Opposition in Syrien durch die Regierungspartei AKP und Staatspräsident Erdogan unterstreichen deren ideologische Affinität zu den Muslimbrüdern."

Fazit

Der Titel dieses Beitrags ist in der Tat überspitzt formuliert. Was Erdogan wirklich will, kann naturgemäß nur er selbst wissen. Doch wenn die Beziehungen zu Zentralasien und den islamischen Organisationen im arabischen bzw. muslimischen Raum herangezogen werden, könnte er durchaus ein Groß-Osmanisches Reich anstreben. Dieses würde die zentralasiatischen Turkstaaten einbinden, wobei der Turkic Council in der internationalen Geopolitik bereits mit der Arabischen Liga, dem Europarat oder dem britischen Commonwealth of Nations verglichen wird. Eine Ausdehnung könnte in seiner Vision bis zu den turksprachigen Bevölkerungsgruppen im Balkan hineinführen. Die Muslimbrüder, die Hamas oder Muslime in Syrien und anderen islamischen Staaten, die auf gleicher Welle mit ihm liegen, anzuführen, könnte womöglich das sein, was er sich erträumt. Vielleicht denkt er auch langfristig, also über mehrere Jahrzehnte. Er könnte sich als derjenige sehen wollen, der die Saat für ein solches Neo-Osmanisches Reich gelegt hat.

Weitere Indizien, dass er ein Groß-Osmanisches Reich anstrebt, lassen sich auch in seinem innenpolitischen Handeln erkennen. Er versucht Gemeinsamkeiten in den Ideologien mit Atatürk-Anhängern und den Ultranationalisten hervorzuheben. Um an dieser Stelle nicht den Rahmen zu sprengen, wird ein separater Artikel zur Gestaltung seiner Noopolitik im eigenen Lande darauf eingehen.

Während die zentralasiatischen Länder über Jahrzehnte in die Sowjetunion eingebunden waren, konnten sie ihre muslimischen Bräuche nicht offen ausleben. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR spielte die Findung einer nationalen und religiösen Identität eine große Rolle für sie. Ähnliches gilt im Übrigen für die wachsende Bedeutung der orthodoxen Kirche für die Russen, die für Putin ebenfalls ein Mittel der „Weichen Macht“ darstellt. Ein Gemeinschaftsgefühl zwischen turksprachigen bzw. muslimischen Völkern zu erschaffen, gehört zur Soft Power Erdogans.

Dogmatische Anhänger des Turanismus, die vom Balkan bis nach Zentralasien reichen, zeigen auf ihren Websites häufig Turk-Fahnen, die sich auf der eurasischen Landkarte vom Balkan bis nach Russland und China erstrecken. Erdogan ist für sie ein Führer der turkischen, aber auch der muslimischen Welt; eine andere Art Führerfigur als während des Arabischen Frühlings vom Westen noch erhofft wurde. Wie Atatürk auch träumen sie von einer Weltmacht, die aus turksprachig(-muslimischen) Völkern besteht. Manche sprechen sogar von Erdogan als dem Anführer einer muslimischen Weltarmee. Das mag für viele wirklichkeitsfremd und sehr weit entfernt klingen. Doch die Welt befindet sich in einer massiven Umbruchphase. Wer weiß schon, welcher Schwarze Schwan um die Ecke lauert? Seit den 90ern kursieren Gerüchte, dass die Türkei an der Atombombe arbeite. Davon, dass dieses Projekt der größten Geheimhaltung unterliege, berichtete vor Jahren schon der israelische Geheimdienst. Ein Bericht des Bundesnachrichtendienstes besagte, dass die Türkei schon 2010 in der Lage gewesen wäre, Atombomben herzustellen, wenn sie gewollt hätte. Erdogan an der Spitze einer Atommacht wäre geopolitisch gesehen definitiv ein Game-Changer.

Ein zentraler Punkt bleibt bei allem das angespannte und teils von enormen Feindseligkeiten bestimmte Streit zwischen Israel und den Muslimen. Wohin wird es führen, wenn der Zwist zwischen ihnen über die kommenden Jahre schrittweise weiter eskaliert? „Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein“, lautet ein Satz des französischen Philosophen André Malraux, der gerne von der Journalisten-Legende Peter Scholl-Latour zitiert wurde...