Auf meinen Lesungen - quer durch Deutschland - werde ich dieser Tage immer wieder gefragt: "Was hätte Peter Scholl-Latour zu den aktuellen politischen Krisen gesagt?"

Peter Scholl-Latour hatte schon früh, zu Beginn der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts, als er seinen beruflichen Durchbruch erlebte, bei seinen Reisen um die Welt, flankiert von dem immensen Wissen eines Mannes der noch in historischen Dimensionen zu denken verstand, erkannt, worauf wir uns zu bewegen. Er war Zeuge davon, wie sich die neue Welt aus den Schatten des Zweiten Weltkrieges abzuzeichnen begann, der Dekolonialisierung, des beginnenden Ost-West-Konfliktes, in dem niemand mehr darauf gewettet hatte, dass es noch einmal so etwas wie eine Rückkehr der Religion geben könne oder dürfe.

Die Welt wurde eines Besseren belehrt und spürt heute die Folgen.

Auch später, schon nachdem Ende des Kalten Krieges, als die USA als triumphierende verbliebene Supermacht für ewig den Lauf der Erde zu bestimmen schienen, wies Peter Scholl-Latour auf die Gefährdung großer Imperien hin und deren Vergänglichkeit im unerbittlichen Aufstieg und Fall großer Mächte. Den Thesen des amerikanischen Politologen Fukuyama, der damals das Ende der Geschichte verkündete, widersprach er heftig und wies in privaten Gesprächen gerne daraufhin, dass die "Brave New World" von Huxley, jene Karikatur einer hedonistischen Utopie, die denkbar erschien, kurz vor dem Auftauchen Hitlers veröffentlicht wurde.

Peter Scholl-Latour betrachtete sich als Chronist, der auf die Frage, welche ihm häufig gestellt wurde, was er denn mit seinen Büchern bezwecken möchte, antwortete: "Gar nichts, ich möchte nur informieren!".

Er selbst glaubte nur sehr bedingt daran, dass die Menschen aus den historischen Fehlern der Vergangenheit zu lernen verstehen und stattdessen auf einen Alptraum zusteuern, gerade weil sie sich ein irdisches Paradies errichten wollen.
In den letzten Jahren seines Lebens erkannte er den Aufstieg von uralten Mythen in Verbindung von Massenvernichtungswaffen.

Dieses Phänomen war für ihn wahrlich nicht auf die entflammten Regionen des Nahen Ostens begrenzt, sondern vollzog sich für ihn auch inmitten der westlichen Gesellschaften, bei ihrem Wechselbad zwischen Hedonismus und dem Tanz um das Goldene Kalb.

70 Jahre lang "Welterklärer"

Peter Scholl-Latour wies daraufhin, dass Menschen sich schon immer zugunsten von fragmentarischen Gemeinschaften, wie Nation, Religion, Rasse und Klasse opferte und merkten erst im Angesicht des Todes, dass sie nicht nur bloße Individuen sind. Im Laufe seines Lebens hatte er ausreichend Gelegenheit, diese Erkenntnis zu gewinnen und diese immer wieder neu bestätigt zu bekommen.
"Im Westen hat man jetzt rund 70 Jahre in Frieden gelebt", sagte er mir eines Abends im Herbst 2013, als wir zusammen in seiner Wohnung eines unserer vielen Gespräche führten. "Dadurch ist man heute der Meinung, der Frieden sei der Normalzustand. 70 Jahre bin ich auch schon als Journalist tätig und reise ständig an die Brennpunkte der Welt, so dass ich die Auffassung vertrete, oder leider vertreten muß, dass der Frieden nicht der Normalzustand ist, sondern der Krieg und das keine Gesellschaft sich einbilden sollte, sie hätte den Frieden für sich und für alle Zeiten gepachtet!"

Der im vergangenem Jahr verstorbene Schriftsteller Henning Mankell, an den ich in diesem Zusammenhang gerne erinnere, äußerte einmal in einem Interview: "We've never seen such a flow of information and never have people known so little, as today!" Diese Worte hätten auch von Peter Scholl-Latour stammen können, der offen aber auch skeptisch auf die virtuelle Revolution reagierte, von welcher der Alltag unserer Tage inzwischen geprägt ist. Von der These die Welt ließe sich durch soziale Netzwerke verbessern, hielt er nichts und wurde diesbezüglich durch den sogenannten "Arabischen Frühling" bestätigt.

Sein letztes Buch "Der Fluch der bösen Tat", ließ Scholl-Latour mit einem Gedicht des persischen Poeten Omar Khayyam enden.

"Alle die Heiligen, die hochgeachtet philosophierten, sind des Todes Raub. Auch ihre Stimme wird nicht mehr gehört, ihr Mund ist vollgestopft mit Sand und Staub."

Ich bin mir nicht sicher, weshalb er diese Zeilen wählte, als er das Buch unmittelbar vor seinem Tod beendete. War es seine Einschätzung der Vergänglichkeit seines Lebenswerkes, angesichts der Schnelllebigkeit unseres Zeitalters? Ich kann aber so viel feststellen, dass mir diese Zeilen, in aller Bescheidenheit, auch als Motivation dienten, um einem schnellen öffentlichen Vergessen des Lebens und Werkes von Peter Scholl-Latour - im Rahmen meiner Möglichkeiten - mit meinem Buch entgegenzuwirken.

Um zu der Frage zurückzukehren, die mir immer wieder gestellt wird: Was hätte Peter Scholl-Latour zu den aktuellen Krisen gesagt?

Wahrscheinlich hätte er einen Ausspruch von Paul Valery verwendet, welches er zu seinen Lebzeiten häufig zitierte: "Und wir sehen jetzt, dass der Abgrund der Geschichte Raum hat für alle."

Peter Scholl-Latour verstarb heute vor zwei Jahren. Sein Vermächtnis bleibt von beklemmender Aktualität.