Die weltweiten Anleiherenditen verzeichneten in den letzten Tagen einen bemerkenswerten Rückgang. Während sich die Renditen für US-Staatsanleihen auf dem niedrigsten Punkt seit Februar befinden, bewegen sich auch die Renditen für deutsche und britische Staatsanleihen auf Rekordtiefstwerte zu. Die Gründe dafür reichen von politischen Fragen, über geopolitische Risiken, bis hin zu anderen Faktoren, die von großer Diversität sind. Da es von zentraler Bedeutung ist, diese nachvollziehen zu können, haben unsere Marktanalysten von StreetAccount eine kurze Übersicht über das Thema und seine verschiedenen Dimensionen verfasst.

Weltweite Anleiherenditen – eine Übersicht

Eines der bemerkenswerten Merkmale des Marktes seit der Veröffentlichung der jüngsten US-Arbeitsmarktdaten war der umfassende Rückgang der weltweiten Anleiherenditen. Die Renditen von US-Treasuries, auf 10 Jahre gerechnet, fielen auf den niedrigsten Wert seit Februar, ca. 1,66%, deutsche Bundesanleihen fielen auf ca. 0,03%, und britische Gilts auf ca. 1,22%, jeweils vor Ausgleich.

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die hinter dieser Entwicklung steht. Sie beinhalten die fortwährenden politischen Stimulierungsmaßnahmen der Zentralbank und die Erwartung von auf lange Sicht niedrigen Raten, das andauernde Streben nach Renditen, das schwache globale Wachstum und niedrige Inflationserwartungen, Chinas Bedenken, und geopolitische Risiken. Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte dieser Faktoren vorgestellt.

Politische Anpassungsmaßnahmen der Zentralbank

Nach dem enttäuschenden Abschlussbericht des Monats Mai verschoben sich die Erwartungen bezüglich der Entwicklung der US-Notenbank-Zinsen deutlich. Der Markt hat Erwartungen einer Erhöhung der Raten im Juni zunichte gemacht, und der Terminmarkt weist nun eine ca. 24% Chance für eine Bewegung im Juli aus, die für den Monat September auf ca. 36% und im Dezember auf ca. 43% steigt. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Erwartungen an den Markt vor dem erwähnten Bericht bei über 50% für eine Bewegung im Juli lagen – danach fielen sie also drastisch ab. Inzwischen gibt es zudem viele Berichte, die argumentieren, dass die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungenermaßen ihre Programm der quantitativen Lockerung im Verlauf des Jahres ausbauen wird, um ihr Mandat der Preisstabilisierung erfüllen zu können. Des Weiteren steigt an den Märkten die Erwartung, dass die Bank of Japan (BoJ) ihre Stimulierungsmaßnahmen ausweiten wird, nachdem die Bank entgegen der Erwartungen ihren Kurs im April nicht verändert hatte. Die Bank of England (BoE) wird die Raten voraussichtlich für längere Zeit unverändert lassen, da mangelhafte Grundlagen einen anderen Kurs verhindern; für den Fall eines Brexits hielt sich die BoE zudem die Möglichkeit einer weiteren Lockerung offen. 

Streben nach Renditen

Das Streben von Investoren nach Renditen wird noch aufmerksamer verfolgt, seitdem die EZB letzte Woche ihr Programm zum Kauf von Unternehmensanleihen initiiert hat. Eine Vielzahl von Berichten wies auf die erhöhte Nachfrage für US-Treasuries und britische Gilts hin, nachdem die durchschnittlichen Renditen für Investment-grade-Schuldpapiere auf unter 1% gefallen waren, und sich eine Reihe von Benchmarks im Kern der Eurozone auf Null zubewegt hatten. Mehrere Berichte hoben hervor, dass zur Zeit ca. $10 Billionen der globalen Anleihen mit negativen Renditen gehandelt werden. Die relative Attraktivität von US-Anleihen könnte auch die gestrige US T-Note-Auktion beeinflusst haben, in der indirekt Bietende einen Rekordwert von 73,6% erreichten. Zudem wiesen einige Berichte darauf hin, dass die zu beobachtende Positionierung von Investoren in Richtung Kapitalgewinne in mehreren Benchmarks gegen die Befürchtung einer zu einseitigen Positionierung spricht.

Schwaches globales Wachstum und Inflationserwartungen

Als letzte führende Institution hat nun auch die Weltbank ihre Prognose der globalen Wachstumsaussichten um 0,5% auf 2,4% nach unten korrigiert. Gründe dafür waren eine geringere Abschwächung der aufstrebenden Märkte als erwartet, und das sinkende Vertrauen in die Effektivität der Zentralbank Maßnahmen. Auch die Inflationserwartungen verharren global auf einem niedrigen Niveau, obwohl der Ölpreis nach jüngsten Erholungen auf den höchsten Wert seit Juli 2015 gestiegen ist. Die Präsidentin der US Notenbank, Janet Yellen, hat bereits auf den Rückgang der Inflationserwartungen hingewiesen, und die EZB warnte vor einem Abwärtsrisiko und potenziellen Zweitrundeneffekten. Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass die EZB letzte Woche ihre HICP Prognosen von 0,1% auf 0,2% angehoben hat. Viele Berichte diesbezüglich wiesen auf die sehr zurückhaltenden Inflationsprognosen der EZB vor dem Hintergrund der steigenden Ölpreise hin und legten nahe, dass ohne zusätzliche Stimulierungsmaßnahmen diese Inflationsziele nicht erreicht werden können.

Chinas Bedenken

Die Inflationsdaten Chinas fanden urplötzlich Beachtung, als sie entgegen der Erwartungen auf eine Jahresrate von 2% sanken – noch im April war die Rate auf 2,3% gestiegen und befand sich demnach über den erwarteten 2,2%; diese Entwicklung hatte sich wiederum in einem Rückgang der Inflation von Lebensmittelpreisen wiedergespiegelt. Die Preise im Verarbeitenden Gewerbe verzeichneten eine leichte Erholung. Nach einem Rückgang im April um 3,4% sanken sie um 2,8% und blieben so hinter dem erwarteten Rückgang von 3,3% zurück. Es wurde gemutmaßt, dass diese Entwicklung die People’s Bank of China (PBoC) mit neuem Handlungsspielraum für eine Lockerung ausstatten könnte – besonders nachdem Ying, Assistant Governor der PBoC, zu erkennen gegeben hatte, dass es Handlungsspielraum für Stimulierungsmaßnahmen gebe. Andere ökonomische Faktoren verhielten sich jedoch relativ stabil. Bemerkenswert ist, dass Chinas Exporte durch eine Schwächung des handelsgewichteten Yuan profitierten.  Die deutliche Schwächung des Yuan gegenüber dem US-Dollar ließ zudem Bedenken bezüglich einer neuen Welle deflationären Drucks wiederaufleben.

Geopolitische Risiken

Auch geopolitische Risiken stellen einen wichtigen Faktor für Marktentwicklungen dar. Am 23. Juni stimmen die Briten über ihren Verbleib in der EU ab und nur kurze Zeit später, am 26. Juni, hält Spanien die zweiten Parlamentswahlen in nur einem Jahr ab. Die Möglichkeit eines Brexit kann als eines der größten kurzfristigen Risiken für Märkte und die globale Wirtschaft gesehen werden. Es wird befürchtet, dass ein Brexit von ansteckendem Charakter sein könnte und demnach ähnliche politische Entwicklung in der gesamten EU ausgelöst werden könnten. Auch der wachsende Zulauf von populistischen Bewegungen wurde kürzlich in einem Stabilitätsbericht der EZB als Risikofaktor erwähnt. Unterdessen stellt auch die anstehende US-Wahl ein Risiko dar und könnte gegen Ende des Jahres zu Marktturbulenzen führen. Die bisherigen Abstimmungsergebnisse für Donald Trump legen nahe, dass die Möglichkeit einer Präsidentschaft Trumps besteht. Allein schon diese Möglichkeit lässt Stimmen laut werden, die sich vor Protektionismus und anderen Maßnahmen, die die finanzpolitische Stellung der USA schwächen könnten, fürchten.

Diese Zusammenfassung hebt die verschiedenen und komplexen Faktoren hervor, die in Zusammenhang mit der Entwicklung der weltweiten Anleiherenditen stehen. Wenn man diese individuellen Faktoren versteht, kann man auf ihre Verschiebungen reagieren und sich selbst vernünftig positionieren.


Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung von http://www.valuewalk.com für Cashkurs übersetzt. Den Originalbeitrag finden Sie in englischer Sprache unter http://www.valuewalk.com/2016/06/global-bond-yields-collapsing.