Am heutigen Montag werden in Washington wieder Kriegsspiele simuliert. Diesmal haben diese Spiele jedoch nichts mit Geopolitik zu tun, sondern alles ähnelt mehr einer Probe, um zu testen, wie die Finanzaufsichtsbehörden und Zentralplaner auf beiden Seiten des Atlantiks auf eine mögliche Folgekrise á la Lehman Brothers an den globalen Finanzmärkten vorbereitet wären. Laut Großbritanniens Schatzkanzler George Osborne weitaus besser als damals. Doch Beweise für diese Behauptung bleibt Osborne nach wie vor schuldig.

An dieser Simulation nehmen laut britischen Medien auch Top-Offizielle des britischen und amerikanischen Finanzministeriums sowie hochrangige Vertreter der Bank of England und der Federal Reserve teil. Selbstverständlich stehen Großbanken, denen der Stempel „Too-big-to-Fail“ aufetikettiert wurde, einmal mehr im Zentrum der simulierten Ereignisse.

Für die Finanzaufsichtsbehörden und Top-Offiziellen der Finanzministerien beiderseits des Atlantiks geht es darum herauszufinden, ob sie heutzutage besser auf eine neue Finanzkrise vorbereitet wären. Nicht von ungefähr findet die Simulation unter dem Dach der Federal Deposit Insurance Commission, welche die Kunden- und Bankeinlagen in den Vereinigten Staaten garantiert, statt. 

Auch Janet Yellen, Vorsitzende der Federal Reserve wird beim heute ablaufenden Test mit von der Partie sein. Zwei mögliche Szenarien stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit –  nämlich einerseits der Kollaps einer US-Bank, die einen Geschäftsarm in Großbritannien betreibt, und andererseits der Zusammenbruch einer britischen Bank mit eigenen Operationen in den Vereinigten Staaten.

Darunter fallen auf amerikanischer Seite beispielsweise Institute wie Goldman Sachs und Bank of America oder auf britischer Seite HSBC und Barclays Bank. Laut des britischen Finanzministers George Osborne sei es das erste Mal, dass es zur Simulation eines Kriegsspiels auf derart hochrangiger Ebene komme.

Nach wie vor werden transatlantische Aufsichtsbehörden von Sorgen umgetrieben, die unter anderem auf einer potenziellen Wiederholung des Lehman-Crashs basieren. Die im Jahr 2008 durch US-Aufsichtsbehörden getroffene Entscheidung, die Investmentbank Lehman Brothers kollabieren zu lassen, hatte eine Kettenreaktion an den globalen Finanzmärkten zur Folge.

Um diese Kettenreaktion zu stoppen, trafen Regierungen rund um die Welt damals die Entscheidung, sich der finanziellen Mittel ihrer Steuerzahler zu bedienen, um Banken und Kreditgeber zu rekapitalisieren, die hohen Risiken ausgesetzt waren. Nach wie vor stellt sich die Frage, warum weder die US-Regierung noch die Federal Reserve willens waren, Lehman Brothers auf dem Höhepunkt der Krise Kapital zukommen zu lassen.

Im Frühjahr desselben Jahres waren bereits einzelne Hedgefonds von Bear Stearns oder auch Hypothekenbanken wie IndyMac kollabiert. Im Fall von IndyMac sprang die Federal Deposit Insurance Corporation ein, indem sie die Einlagen der Kunden garantierte, nachdem sich bereits lange Schlangen vor dem kalifornischen Institut gebildet hatten.

Bear Stearns wurde unter Hilfestellung der Federal Reserve mit JPMorgan sozusagen zwangsfusioniert. Letztendlich fand sich JPMorgan Chase dazu bereit, mehr als $30 Milliarden in Form von mit Hypotheken besicherten Anleihen von Bear Stearns zu garantieren. Selbstverständlich hatte man sich bei JPMorgan zuvor bei der Federal Reserve rückversichert, Zugang zum Discount Window der Fed zu erhalten.

Komischerweise fand sich im Fall von Lehman Brothers niemand zu einem ähnlichen Deal bereit. Während Merrill Lynch zu Zeiten des Lehman-Crashs unter das rettende Dach der Bank of America schlüpfte – ebenfalls unter Mithilfe der Federal Reserve –, machte Lehman den Eindruck eines hässlichen Entleins, dem niemand zur Hilfe zu eilen bereit war.

Warum eigentlich nicht? Kritische Stimmen sind der Ansicht, dass die Zeit damals reif gewesen sei, um einen lästigen Wettbewerber und dessen Chef Richard Fuld ein für alle Mal aus dem Feld zu schlagen. Doch Gedanken dieser Art dürften laut offizieller Lesart selbstverständlich ins Reich der Verschwörungstheorien verbannt werden.

Wie dem auch sei, der Test am heutigen Montag wird sich wohl vornehmlich auf die Simulation eines einzelnen Bankencrashs stützen. Das Durchspielen einer daraus entstehenden Kettenreaktion sei laut britischer Medien nicht vorgesehen.

Laut Aussage des britischen Schatzkanzlers George Osborne hätten Regierungen und Aufsichtsbehörden aus den Ereignissen im Jahr 2008 etwas gelernt. Heute stünden den geldpolitischen Entscheidern und Regierungsoffiziellen Optionen zur Verfügung, an denen es damals gemangelt habe. Welche Optionen Osborne ansprach, blieb jedoch offen.

Osborne ließ es sich selbstverständlich nicht nehmen, der Vorgängerregierung von Labour in diesem Kontext einen Seitenhieb zu versetzen. Labour sei damals nicht vorbereitet gewesen auf eine Verstaatlichungskrise, die man in U.K. auf diese Weise bis dahin noch nicht erlebt habe, so Osborne. Horrende Steuerzahlergelder seien damals zum Einsatz gekommen, um das heimische Finanzsystem zu retten.

Die Vorgängerregierung von Labour pumpte im Herbst 2008 allein mehr als £70 Milliarden in die britischen Institute Lloyds und Royal Bank of Scotland (RBS). Hört man Osborne zu, könnte man fast zu der Ansicht gelangen, als sei die Problematik um die „Too-big-to-Fail“ Banken heute gelöst.

In der Realität lässt sich davon jedoch nichts erkennen. Vielmehr dürfte eine neue Zusammenbruchkrise aufgrund des heutzutage noch weitaus höheren Verschuldungsgrads auf schlimmere Weise daherkommen als damals.

Dies gilt insbesondere unter der Prämisse, dass die meisten Staatsregierungen aufgrund der damals beschlossenen „Rettungsaktionen“ heute selbst finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen. Selbst Zentralbanken sind in den letzten sechs Jahren bis ans Limit gegangen, um die Lage an den globalen Finanzmärkten wieder zu stabilisieren.

Die heute abgehaltene Simulation dient ebenfalls dem Ziel der Aufsichtsbehörden, die neu verabschiedeten Regularien und Regeländerungen im Bankensektor zu testen. Frage bleibt, inwieweit sich die national bestehenden Regelwerke in einem neuen Krisenfall auch über die Grenzen hinweg – und somit international – anwenden lassen. 

Die Eurozone, der überdies eine neue Rezession droht, ist dafür das beste Beispiel. Laut Osborne sei keine Kriegssimulation wie der Krieg selbst. Es müsse jedoch darum gehen, in der Zukunft besser auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Osborne fügte an, dass die ökonomischen Probleme in der Eurozone mit der größten Bedrohung für die weitere Entwicklung in Großbritannien einher gingen.

Die Wirtschaft Großbritanniens sei keineswegs immun gegen einen sich verschlechternden Ausblick in der Eurozone. Nicht nur für Großbritannien, sondern auch für die Weltwirtschaft sei dies ein kritischer Augenblick, so Osborne weiter. Am Horizont bildeten sich abermals dunkle Wolken.

Nun, Entwicklungen dieser Art waren eigentlich nur eine Frage der Zeit. Preisfrage war, ist und bleibt, auf welche Weise sich Europas Banken schlagen werden, wenn der Kontinent in eine neue Rezession abdriften sollte. Immerhin schieben die Kreditgeber der Eurozone selbst laut offizieller Daten einen Berg von rund 1,4 Billionen Euro an faulen Krediten vor sich her. Die Dunkelziffer dürfte hingegen noch weitaus höher liegen...