„Die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften und der Glaube an das Gleichgewicht führten bei der jüngsten Finanzkrise in die IRRE“, konstatierte der Doyen der österreichischen Nationalökonomie, Univ. Prof. Dr. Erich Streissler in einem Interview mit der Presse vom 21. April 2012. Vor allem in der Finanzwirtschaft gebe es zahlreiche Ungleichgewichte – und ein „Bankrott“ komme in allen Gleichgewichtsanalysen gar nicht vor.  http://diepresse.com/home/science/751372/Oekonomie_Auf-Sand-gebaut?from=suche.intern.portal

Anders gesagt: Die Ökonomie ist auf Sand gebaut!  

„Die aktuelle Ökonomie, so ist Streissler überzeugt, mache einen großen Fehler: Sie glaubt, eine exakte Wissenschaft zu sein, wenn sie alles in mathematische Formeln gieße“. Einerseits wollen die Wirtschaftswissenschafter immer präzisere Aussagen machen und generalisierten die Welt zu stark (was zu in sich widersprechenden Theorien, mathematischen Fehlern und realitätsfernen Annahmen führe) – andererseits können die Fehler nicht sofort als solche ausgemacht werden, da man die Modelle nicht vorher testen können. Man müsse also „warten“, bis sich diese als praktikabel bewahrheiten.

Man solle sich daher nicht nur auf mathematische Modelle verlassen zumal sie auf Unsicherheit beruhen - also „auf Sand gebaut seien“ - sondern sich auch an anderen, vergleichbaren historischen Entwicklungen bei der Beurteilung orientieren. Seiner Meinung nach wäre die derzeitige Weltkrise die 8. seit den schweren Verwerfungen von 1720 in Großbritannien. Die Krisen führt er alle entweder auf Kriege oder auf das Überschreiten des Höhepunktes eines Kondratieff-Zyklusses (diese besagen, dass längere Wachstumsphasen immer auf Leitinnovationen – wie z.B. Eisenbahn oder wie 1999/2000 IT – zurückzuführen seien) zurück. Wegen der Geldpolitik der USA seit 2000, sei der Crash um einige Jahre verspätet eingetreten und wirkte sich deshalb später umso heftiger aus, meinte er.

Den Fehler in der Wirtschaftspolitik sieht der der orthodoxen klassischern Lehre verpflichtete Ökonom darin, dass die Akteure auf den Finanzmärkten vom „Neoliberalismus“ auf den „Keynesianismus“ umgeschwenkt seien. Es sei komplett vergessen worden, dass Deficit Spending (Kredite aufnehmen, um die Wirtschaft anzukurbeln) zu einer Zinssteigerung der Staatsschulden führe, die langfristig zur Last werde und einen Aufschwung verhindere.

Gleichwohl ich seiner Kritik am starren Festhalten an den eigenen Dogmen der Mainstream-Ökonomie (insbesondere der fahrlässigen Leichtgläubigkeit der eigenen mathematischen Modelle mit ihren x-Annahmen) zustimme, kann ich seiner Kritik am Keynesianismus (Keynes Theorie beruht ja nicht auf dem so oft und unkorrekterweise zitiertem „Deficit Spending“ - sondern ist eine Theorie der Unterbeschäftigung in rezessiven Phasen der Wirtschaft) nichts abgewinnen. Gerade Deutschland hat (Stichwort: Abwrackprämie!) mit Konjunkturpaketen der daniederliegenden und stark gebeutelten Autoindustrie, nachweislich,  rasch wieder auf die Beine geholfen und damit empirisch das neoliberale Dogma, dass diese unwirksam seien, widerlegt. Überdies trifft sein Argument „die Zinslast (des Staates) führe zur Last und verhindere einen Aufschwung“  genauso auf die Schulden der Realwirtschaft als auch der Konsumenten, deren Schulden in den USA als auch in Großbritannien z.B. sehr groß sind, zu. Dass der Staat (was Hr. Streissler natürlich weiß) auch nur einen geringen Anteil am Konsum und den Investitionen einer Volkswirtschaft hat, rundet das Bild seiner einseitigen Sichtweise ab.

Bezeichnend (nicht nur für einen Vertreter der neo-liberalen Religion) ist, dass er mit keinem Wort das Schuld-Geld-System erwähnt:  w i e s o   w o h l ?

„Mickeymaus-Modelle“ der Ökonomen ...

http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:wirtschaftsweiser-im-interview-bofinger-geisselt-mickymaus-modelle-der-oekonomen/70019094.html

geißelt Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrates (Wirtschaftswaise...) die Rechenmodelle der Mainstream-Ökonomen. Nachdem er die gängigen Lehrbücher systematisch ausgewertet hat, kommt er zum Ergebnis, dass viele Modelle pure Zerrbilder der wirtschaftlichen Realität seien! Dies müssten sich alle Wirtschaftswissenschafter eingestehen. Einer der Bibeln der Volkswirtschaftslehre, die Bücher von Greg Mankiw, stellen die Volkswirtschaft  nach wie vor als ein selbststabilisierendes System dar, indem der Staat nur die Rolle eines lästigen Störenfrieds übernehme (propagiert nicht die Tea-Party der REPS in den USA seit Jahrzehnten den „Hass auf den Staat“?!). Soziale Sicherheitssysteme, die bei der letzten Rezession 2009 in der EU eine mehrjährige Depression verhinderten, kämen genauso wenig vor, wie die Gewerkschaften.

Bofinger gesteht selbst ein, die gefährliche Rolle der Finanzindustrie unterschätzt zu haben und ich kann mich erinnern, dass er ca. 2002 noch die „Verbriefungen“ (das Bündeln von Forderungen zu Paketen im Mrd. Höhe und den damit verbundenen Verkauf des Kreditrisikos) als innovative Finanzprodukte lobte. Paul Volcker (vor Alan Greenspan Chef der FED und 2009-2011 Berater von Präsident Obama) sah dies allerdings ganz anders – er meinte:

„Das einzig innovative Produkt der letzten 30 Jahre der Finanzindustrie -  ist die Bankomatkarte!“

Er kommt weiters zum Schluss, dass „der Finanzsektor keine Einlagen brauche, um Kredite zu vergeben. In den Jahren vor der Krise konnten Banken nahezu grenzenlos KREDITE AUS DEM NICHTS schaffen. Daran wäre das Finanzsystem fast zusammengebrochen. Diese aktive Rolle der Banken hat bis heute weder Eingang in die Lehrbücher noch in die geldpolitische Strategie der EZB gefunden“.

Na – Bumm!

Als ich dies las, traute ich meinen Augen nicht. Ist es wirklich wahr, dass ein „Wirtschaftsweiser“ die Kredit-Geldschöpfung der Banken verstanden hat  - und dies auch noch als einen wichtigen Grund der Finanzkrise zu erkennen imstande ist?!

Ein Fünkchen Hoffnung keimte in mir auf ...

Aber keine Sorge: meine Euphorie ob der Durchschlagskraft des „normalen Hausverstandes“ in den Hirnen der Ökonomen bekam postwendend den Dämpfer, der eine Wende zur Einsicht wieder auf Jahre (oder gar Generationen?) verbockt. „Eine Studie der Uni St.Gallen zeigt, dass die überkommenen – und völlig IRRealen (meine Anmerkung!) – Modelle heute mehr denn je unterrichtet werden“, so Bofinger. Weiters konstatiert er, dass „das Problem nicht nur sei, dass es keine Lehrbücher gäbe, in denen gezeigt wird, wie die Finanzwirtschaft die Realwirtschaft de-stabilisieren kann sondern dass Professoren auch KEIN besonderes Interesse daran haben, ihre Lehre (oder doch L_ee_re ?) an die geänderte Realität anzupassen“.  Dies u.a. auch deshalb, weil karrierebewußte Unilehrer in Vorlesungen eher eine lästige Pflicht sehen, die keine Reputation bringe. Ansehen gewinnt man nur durch „wissenschaftliche Abhandlungen“, die in renommierten Journalen veröffentlicht werden und solange die Qualifikation der Universitätsprofessoren fast ausschließlich über die publizierten „Papers“ laufe – beißt sich eben die Katze in den eigenen Schwanz!

Fazit: die Verblödungsmaschinerie - Wirtschaftswissenschaft – ist in der Endlosschleife!

Straubhaar (HWWI-Institut, Hamburg) erklärt die Scheinwelt der Ökonomen: „Als Wissenschafter tragen wir im Prinzip keine Verantwortung für unsere Vorschläge. Mein Vater war Statiker. Wenn er als Experte ein falsches Urteil fällte, war er dran. Aber wir sind eben eine Sozialwissenschaft und können uns letztlich herausreden – weil es viel schwieriger ist, das Verhalten von Menschen zu berechnen, als das von zwei Pfeilern. Wenn man Mist erzählt und nicht dafür haftet, darf man sich nicht als Imperialist aufspielen“. http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:ftd-interview-mit-thomas-straubhaar-schluss-mit-dem-imperialismus-der-oekonomen/70003717.html

Tatort Harvard - Campus: „WALK-OUT“!

http://hpronline.org/harvard/an-open-letter-to-greg-mankiw/

Nach dem Offenbarungseid der orthodoxen Glasturmbewohner, sich der ökonomischen Realität zu verweigern und ihr Einsiedlerdasein – wohlgemerkt: aufkosten der Steuerzahler! – in ihren scheinheiligen Nebenwelten fortzusetzen als ob nichts „passiert“ wäre, muß es eben zu einer Revolution kommen! Genau eine solche fand in den USA statt, aber nicht in der linkesten (nach amerikanischen Begriffen) aller linken Universitäten BERKELEY – sondern in der Brutstätte des „Corporate Finance der Wallstreet“: in H a r v a r d !

Eine „Konterrevolution in Harvard“ - so mein erster Gedanke als ich die Nachricht las - ist ungefähr so wahrscheinlich wie wenn der Bischof von Unterammergau Herrn zu Guttenberg als „Lügner und Betrüger“ tituliert – was er in Wirklichkeit auch ist!

Aber, es ist w a h r !

In einem offenen Brief vom 2. November 2011 der Class: „Economics 10“ drückten die StudentInnen Ihren Missmut ob des tief verwurzelten, tendenziösen Einführungskurses in die Nationalökonomie des Herrn GREG MANKIW (dessen Bücher der Makroökonomie zur Standard-Literatur  an vielen Universitäten gehören – siehe meinen Kommentar weiter oben in diesem Artikel) aus und äußerten ihre tiefe Besorgnis, wie solch eine Voreingenommenheit nicht nur die Studierenden, sonder auch die Universität und die Gesellschaft als Ganzes, beeinflusst!

“As Harvard undergraduates, we enrolled in Economics 10 hoping to gain a broad and introductory foundation of economic theory that would assist us in our various intellectual pursuits and diverse disciplines, which range from Economics, to Government, to Environmental Sciences and Public Policy, and beyond. Instead, we found a course that espouses a specific—and limited—view of economics that we believe perpetuates problematic and inefficient systems of economic inequality in our society today”.

(Als Harvard-Studenten der Klasse „Economics 10“ hofften wir, breite und einleitenden Grundzüge der  ökonomischen Theorie zu gewinnen, die uns in unserem intellektuellen Wissensdrang und unserer verschiedenen Disziplinen - von Wirtschaft über öffentliche Verwaltung bis hin zu den Umweltwissenschaften und der Politik, als auch darüber hinaus  - weiterhelfen würden. Stattdessen fanden wir einen Kurs, der für eine bestimmte und begrenzte Sicht auf die Ökonomie eintritt, von dem wir glauben, dass er problematische und ineffiziente Systeme der ökonomischen Ungleichheit in unserer heutigen Gesellschaft verewigt.)

“A legitimate academic study of economics must include a critical discussion of both the benefits and flaws of different economic simplifying models. As your class does not include primary sources and rarely features articles from academic journals, we have very little access to alternative approaches to economics. There is no justification for presenting Adam Smith’s economic theories as more fundamental or basic than, for example, Keynesian theory”.

(Ein legitimes akademisches Studium der Wirtschaftswissenschaften muss eine kritische Diskussion der Vorteile und Schwächen der verschiedenen ökonomischen Modelle inkludieren. Da Ihre Klasse keine Primärquellen und selten Artikel aus Fachzeitschriften beinhaltet, haben wir kaum Zugang zu alternativen Ansätzen zur Ökonomie. Es gibt keine Rechtfertigung für die Präsentation von Adam Smiths ökonomischen Theorien als fundamentaler oder grundlegender als zum Beispiel die Theorie von Keynes.)

“We are walking out today to join a Boston-wide march protesting the corporatization of higher education as part of the global Occupy movement. Since the biased nature of Economics 10 contributes to and symbolizes the increasing economic inequality in America, we are walking out of your class today both to protest your inadequate discussion of basic economic theory and to lend our support to a movement that is changing American discourse on economic injustice. Professor Mankiw, we ask that you take our concerns and our walk-out seriously”. Sincerely, Concerned students of Economics 10

Wir streiken heute um an einem Marsch in Boston teilzunehmen, der als Teil der globalen Occupy-Bewegung  gegen die Ökonomisierung (Korporatisierung) der höheren Bildung protestiert. Da der tendenziöse Charakter von „Economics 10“  zur wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit in Amerika beiträgt und diese symbolisiert, bestreiken wir Ihre heutige Vorlesung um einerseits gegen Ihre unzureichende Diskussion der Grundlagen der  ökonomischen Theorie zu protestieren und um andererseits eine Bewegung, die den Diskurs über die ökonomische Ungleichheit verändern will, zu unterstützen. Wir bitten Sie, Professor Mankiw, unsere Sorge und unseren Protest ernst zu nehmen. Mit freundlichen Grüßen, besorgte Studierende der Klasse „Economics 10“!

Obwohl ich auch in meinem Studium sehr kritisch gegenüber der „Dogmenlehre der Volkswirtschaft“ war, kann ich mich nicht erinnern (sicher spielt der Ausbruch der größten Krise seit den 1930er Jahren eine entscheidende Rolle), dass jemals ein kompletter Jahrgang gegen die unkritische Übernahme und „religiöse Ausrichtung“ einer kompletten Lehrveranstaltung auf eine solch mutige und mehr als berechtige Art und Weise „rebellierte“!

GUT SO !

     „Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein."

     (Kurt Tucholsky, "Die Verteidigung des Vaterlandes", in "Die Weltbühne", 6. Oktober 1921)

(Fortsetzung folgt).