Guten Tag meine Damen und Herren,

das Brexit-Referendum war auch an den Börsen in dieser Woche das allseits beherrschende Thema, insbesondere natürlich am Freitag. Nachdem sich die Briten nun mehrheitlich gegen einen Verbleib ihres Landes in der EU ausgesprochen haben, geht es an den Märkten mächtig zur Sache. Unzählige Marktteilnehmer müssen sich erst einmal auf die neue Situation einstellen. Die Buchmacher und die meisten Umfragen haben in den letzten Tagen vermuten lassen, dass dieses Referendum doch positiv im Sinne der EU ausgeht. Demzufolge hatten sich viele nach oben positioniert – und sehen sich nun plötzlich auf der verkehrten Seite wieder.

Wir hatten in den letzten Tagen immer zur Vorsicht gemahnt und einen Brexit für die wahrscheinlichere Variante gehalten. Dies hängt zum einen mit der Altersstruktur der Bevölkerung, andererseits mit dem Gefälle zwischen Stadt und Land zusammen. Hinzu kommt, dass die Umfragen meistens von „hippen“ Umfrageinstituten erhoben werden, die ihren Sitz in London haben und deren Mitarbeiter ungern raus aufs Land fahren, um ein paar „Hinterwäldler“ zu befragen. Folglich spiegeln viele Umfragen lediglich die Realität der Haupt- und Weltstadt London wider. Dort sitzen die weltgewandten jungen Leute und natürlich auch die Banker, die gleichermaßen gerne in der EU verbleiben würden. Es gab viele Gründe anzunehmen, dass diese Umfragen nicht das endgültige Ergebnis abbilden werden. Großbritannien wird also nach dem derzeitigen Stand aus der Europäischen Union austreten.

Die Märkte befinden sich in heller Aufruhr. Alle Marktteilnehmer, die falsch positioniert waren, müssen sich jetzt neu orientieren. An den Börsen findet jetzt das statt, was man mit „Hühnerhaufen“ bezeichnen kann: Hysterie, Panik, Kopflosigkeit. Denn die Märkte sind keineswegs rational, und zwar rund um den Globus. Viele machen sich jetzt ob der neuen Entwicklung gegenseitig verrückt und steigern sich in ein Weltuntergangs-Szenario hinein. Genau in so einer Situation ist eines ganz besonders wichtig: Einen kühlen Kopf bewahren. Wir empfehlen auf Cashkurs schon seit geraumer Zeit, langfristig in gute Unternehmen zu investieren und dann das Depot abzusichern. Mehr noch ergeben sich aktuell wunderbare Chancen, Aktien guter Unternehmen, die auch gestern gute Unternehmen waren und auch in Zukunft gute Unternehmen sein werden, 10 bis 20 Prozent günstiger einzusammeln. Wer also sein Pulver trocken gehalten oder die Absicherungen ernst genommen hat, bekommt nach diesem Schlachtfest an den Märkten wunderbare Kaufchancen.

Wie wird es jetzt weitergehen? Nach zweistelligen Kursrückgängen an den Aktienmärkten zu Ende dieser Woche und Bebenwellen, die durch die Devisenmärkte laufen, werden die Märkte aller Voraussicht nach auch am kommenden Montag noch auf wackeligen Beinen stehen, bevor sie sich langsam wieder erholen werden. Wo liegen nun die Tiefstkurse? Sollte der Bereich von 9.100 bis 9.300 DAX-Punkten nicht halten, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir bis an die Marke von 8.300/8.400 Punkten durchgereicht werden. Dieser Bereich wäre eine großartige Basis für den Start einer großen Aufwärtsbewegung zurück in den fünfstelligen Bereich. Ich glaube nicht, dass der Brexit ein „Big Bang“, also ein Auslöser für einen größeren Crash sein wird. Dies könnte jedoch ein großes Vorbeben sein. Allemal dürfte eine US-Zinserhöhungsphantasie hiermit endgültig aus dem Markt gefegt worden sein.

Das irrsinnige Wachstum der Anleiheblase: Können die Notenbanken einen Crash überhaupt verhindern?

Man scheint sich an die Anleihen zu gewöhnen, die mit Minuszinsen versehen sind. In Österreich rentieren inzwischen 75 Prozent der öffentlichen Anleihen negativ. In Deutschland sind es 86, in der Schweiz sogar 96 Prozent. Das muss man sich einmal zu Gemüte führen! Man legt dort Geld an und wenn alles bestens läuft, hat man am Ende der Laufzeit Geld verloren. Wenn es schlecht laufen oder es zwischendurch inflationäre Entwicklungen geben sollte, hätte man sogar sehr viel Kapital verloren. Das ist mit gesundem Menschenverstand eigentlich gar nicht mehr nachvollziehbar.

Da fragt man sich, warum Investoren solche Papiere überhaupt kaufen? Welchen Sinn ergibt ein Kauf von Anleihen mit Minuszins? Nun, es handelt sich schlicht und einfach um ein Schneeballsystem. Man hofft auf eine weitere Verschärfung der Minuszins-Situation und damit auf steigende Anleihekurse. Denn je niedriger die Zinsen desto höher die Kurse dieser Anleihen. Man hofft also, dass morgen irgendjemand noch blöder ist und auf Basis von Kursgewinnen noch höhere Preise für die Anleihen bezahlt werden. Wer in den vergangenen Monaten in diese Anleihen investiert hatte, hat aufgrund der Kurssteigerungen erst einmal Gewinne eingefahren. Das ganze Spiel geht so lange weiter, solange es neue Blöde gibt, die diese Anleihen zu noch höheren Preisen und noch niedrigeren Zinsen kaufen. Im Zweifel hofft man immer wieder darauf, dass dies die Notenbanken sein werden.

Aber wehe wehe dem Moment, an dem dieses Spiel endet, d.h. der Zeitpunkt, an dem keiner mehr nachkommt, der diese Anleihen zu einem noch höheren Preis und einem noch niedrigeren Zins akzeptiert! In diesem Augenblick ist für alle klar: Das funktioniert nicht mehr. Von nun an macht jeder, der in diese Anleihen investiert hat, Verluste – also raus! Genau dann kommt es zu einem Crash am Anleihemarkt. Momentan lässt sich nicht absehen, wie die Notenbanken eine solche Entwicklung wieder einfangen könnten.

EZB kauft Unternehmensanleihen: Eine vorbeugende Notfall-Maßnahme?

Die EZB kauft inzwischen auch Unternehmensanleihen. Es bleibt die Frage, warum. Unternehmen wie Anheuser-Busch – aktuell rentieren die Anleihen des Konzerns bei unter einem Prozent – konnten ihre Schuldpapiere bereits vor der EZB-Intervention zu Spottpreisen auf dem Markt unterbringen. Warum hält es also die EZB für nötig, gerade diesen großen Konzernen Unternehmensanleihen abzukaufen? Nun, vielleicht ist der Hintergrund ein ganz anderer. Denken wir zurück an die Zeit um die Lehman-Pleite. Damals waren die Kreditmärkte über Nacht eingefroren. Man hat sich nicht mehr vertraut und gegenseitig kein Geld mehr geliehen. Das hat dazu geführt, dass die Banken sofort in Schwierigkeiten kamen. Und auch große Unternehmen brauchen über Nacht Liquidität sowie innerhalb weniger Tage große Summen Geld, um ihren Betrieb zu organisieren. Dieser ständige Kapitalstrom ist also elementar, auch und gerade für die großen Konzerne.

Was passiert also in einem Extremszenario à la Lehman 2.0, womöglich mit einer noch größeren Ausdehnung? Dann würden nicht nur die Banken in Schwierigkeiten geraten (wobei diese sofort mit EZB-Geldern versorgt werden könnten), sondern auch die Unternehmen. Denn diese hätten keinen direkten Zugang zu EZB-Geldern. Denken Sie etwa an Daimler im Jahre 2008 ff.: Die Stuttgarter mussten sich damals an die arabischen Länder wenden, um kurzfristig Kapital zu bekommen.

Vielleicht greift die EZB mit dieser Maßnahme lediglich einem Extremszenario vor, indem man davon ausgeht, dass es demnächst zu einem großen Kreditereignis kommen könnte, das wiederum zu einem Einfrieren der Kreditmärkte führen würde. Dann will die EZB in der Lage sein, den systemrelevanten großen Konzernen sofort über Nacht große Summen zur Verfügung zu stellen, damit der Betrieb weiterlaufen kann. Dumm für die Mittelständler, denn die können das nicht, aber diese sind ja auch nicht systemrelevant... Ist das, was die EZB letztens entschieden hat, nichts anderes als eine vorbeugende Maßnahme für den Notfall? Einfach mal in die Diskussion geworfen...

Wie passen stark gefallene Exporte nach China zu einem Wachstum von 6,5 Prozent?

Sie erinnern sich sicherlich an die regelmäßig vermeldeten offiziellen Wachstumszahlen aus China in Höhe von rund 6,5 Prozent. Die Exportzahlen der vergangenen Tage, bezogen auf den Zielmarkt China, lassen dies einmal mehr bezweifeln: Die US-Exporte nach China sind im April um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Die Exporte Taiwans mit China (immerhin 40 Prozent des gesamten Exportvolumens der Insel) sind im gleichen Zeitraum um zehn Prozent eingebrochen und die Exporte Japans ins Reich der Mitte sogar um 15 Prozent. Wie kann es einhergehen, dass die Exporte in ein Land derart stark zurückgehen, das angeblich mit 6,5 Prozent wächst? Wie soll das funktionieren? Das kann mir keiner erzählen! Man muss man doch kein Raketentechniker sein. Um das zu verstehen und zu erkennen, dass das nicht funktionieren kann, reicht doch selbst die einfachste Denkweise! Dennoch scheint die Mehrheit am Markt zu akzeptieren, dass China um 6,5 Prozent wächst. Das ist einfach phantastisch!

Bundeskanzlerin plädiert für deutliche Erhöhung der Rüstungsausgaben

Angela Merkel hat sich klar zu Deutschlands Rüstungsausgaben geäußert. Sie möchte in Zukunft deutlich mehr für die Bundeswehr ausgeben als bisher. Man will statt 1,2 Prozent etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Kriegsgerät ausgeben – was nahezu einer Verdopplung des Rüstungsetats entspricht. Ganz nebenbei spricht Frau Merkel bei Verkündung dieser Planungen davon, lediglich eine Trivialität ausgesprochen zu haben. Da sei doch gar nichts Besonderes dran. Tja, was ist denn schon dabei, wenn man mal flugs den Militärhaushalt verdoppelt? Schließlich geben die Amerikaner etwa vier Prozent ihres BIP für Rüstung aus, dann können wir doch mal zwei Prozent ausgeben – was soll’s?!

Einsparen kann man schließlich bei der Polizei. Dort sehen wir uns anhaltend mit Einsparungen konfrontiert, es werden keine Beamten eingestellt und Überstunden nicht bezahlt. Die Aufklärungsquoten etwa bei Einbrüchen sind katastrophal. Die Zahl der Einbrüche nimmt dramatisch zu, die Polizei kann nicht mehr präsent sein und hat noch dazu eine schlechte Ausrüstung usw. usf.. Aber für die Bundeswehr ist plötzlich genug Geld da. Wir verteidigen Deutschland am Hindukusch, aber vor unserer Haustüre kriegen wir die Sicherheit nicht gebacken... Aber wenn wir die Bundeswehr nur ausreichend aufgerüstet haben, könnten wir sie ja im Innern einsetzen. Dann hätte sich diese Budgeterhöhung irgendwie doch gelohnt...

Was Frau Merkel damit bewirken will, ist letztlich nichts anderes als die Forderung der Amerikaner umzusetzen, die diese Forderung ganz klar gestellt haben: Deutschland soll gefälligst mehr für die Rüstung ausgeben, soll Truppen an die russische Grenze schicken und dafür auch mehr Geld aufwenden! Angela Merkel erfüllt damit nur, was ihr schon längst „angeraten“ wurde.

Ich wünsche Ihnen ein sonniges und erholsames Wochenende und viel Spaß beim Lesen der Beiträge.

Ihr

Dirk Müller