Guten Tag meine Damen und Herren,

der Sprung über die Schwelle von 10.500/10.600 Punkten hat dem DAX wieder neuen Schub gegeben. Der Bereich von 11.000 bzw. 11.250 markiert die wichtige Marke nach oben, um den Markt nachhaltig auf „Grün“ zu drehen. Bis dahin befinden wir uns in einem positiv neutralen Bereich. Klar, die Jahresendrally scheint unabänderlich begonnen zu haben, alle Medien sind sich darüber einig, aber gerade wenn all die gleiche Meinung haben ist zumindest gesunde Skepsis empfohlen. Selbstverständlich darf man sich auch und gerade hier nicht gegen den Markt stellen, bei den steigenden Kursen sollte man dabei sein, aber gleichzeitig eben die Wachsamkeit für Alternativszenarios nicht vergessen.

Was hat es eigentlich mit dieser Jahresendrally auf sich? Wieso kommt die fast sicher am Ende des Jahres? Die großen Anlegergelder werden von Kapitalsammelstellen mit ihren jeweiligen Managern bewegt. Diese verwalten in Pensionskassen und Fonds aller Art Billionen-Summen. Am Ende des Jahres wird Bilanz gezogen. Da will jeder seinen Kunden ein möglichst gutes Jahresergebnis präsentieren, denn nicht selten hängen die Boni und Gewinne an der Fondsperformance zum 31.12.. Denken Sie zum Beispiel an die erfolgsabhängigen Fondsgebühren. Das bedeutet, dass zahllose Manager, die über Billionen-Fonds-Vermögen verfügen, ein gemeinsames Interesse haben: Hohe Kursstände am Jahresende. Also wird massiv Kurspflege besonders jener Aktien betrieben, die diese Fonds im Depot haben. Je größer der Anteil dieser Aktie im großen Fonds, um so größer das Interesse diese besonders hoch zu ziehen. Um gegen diese geballten Interessen der vermögensverwaltenden Branche eine Markt nach unten zu drücken, müssen schon ganz besonders negative Sondereffekte eintreten.

Da aber alle Welt um diese Zusammenhänge weiß und alle Zocker auch noch auf diese Jahresendrally wetten, würde ein einschneidendes Ereignis in dieser Phase dafür sorgen, dass nahezu alle auf dem falschen Fuß erwischt würden und es einen besonders heftigen Kursrutsch gäbe. Ergo: Entweder gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit die übliche kleine Jahresendrally oder mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen heftiger Kursrutsch. Aber meist folgt nach dem Dezember der Jahresanfangskater, weil die Fondsmanager, die die Kurse zum Jahresende künstlich hochgekauft haben diese überzählige Aktien nach dem 31.12. schnellstmöglich wieder abbauen wollen. Eigentlich ein blödes Spiel, aber so wird es nun mal gespielt.

Notenbanken fahren mit Vollgas und leeren Batterien auf die Kuppe zu

Die Europäische Zentralbank und die People’s Bank of China deuteten weitere Zinssenkungen an. Das Gleiche gilt für China. Auch dort sieht man noch Möglichkeiten, die Zinsen und Mindestreservesätze weiter abzusenken und die Einlagebedingungen für die Banken weiter zu lockern. Auch die jüngste Fed-Entscheidung hatte nicht die von einigen herbeigeredete Zinserhöhung zum Ergebnis. Das seit vielen Monaten hoch und runter geredete Thema wird derzeit von den Märkten ziemlich ausgepreist, übrigens auch für den Dezember. Man orientiert sich jetzt daran, was wir seit mindestens zwei Jahren immer wieder betonen: Wir werden 2016 eher über ein QE4 diskutieren als über eine Leitzinserhöhung und so langsam wird das offenbar auch im Markt Konsens. Auch bei der Bank of Japan sind alle geldpolitischen Strategien auf Vollgas eingestellt. So wie man dies schon seit Jahren tut – und sonderlich erfolgreich ist das ja bislang nicht. Man versucht also mit noch mehr gleichen Methoden letztlich noch weniger des Angestrebten zu erreichen... Man mag sagen: Mit Vollgas auf die Kuppe zu. Mal sehen, wie lange der Flug am Ende sein wird...

In der Tat ist der Vergleich mit dem Automobil durchaus treffend. Denn wir sehen schon seit vielen Jahren Folgendes, was wir übrigens auch schon vor 2008 gesehen haben: Wir sind mit einem Auto mit defekter Lichtmaschine unterwegs. 2008/09 war der Motor dann endgültig abgewürgt. Die Notenbanken haben mit dem Anlasser dann noch einmal das Letzte aus den Batterien herausgeleiert und haben diese leergesogen. Man hat die Zinsen auf Null gesenkt, maximal große Kapitalspritzen verabreicht und vieles mehr, um das Auto wieder zu starten. Aber die Lichtmaschine ist kaputt. Zwar läuft das Auto, aber man hat in der Zwischenzeit keine Möglichkeit gehabt, die Batterien aufzuladen. Sobald dieses Auto wieder zum Stehen kommen sollte, etwa durch eine Abkühlung der Weltwirtschaft oder durch irgendwelche äußeren Einflüsse, die aus dem Kreditsektor herauskommen können, aus den Schwellenländern oder aus vielen anderen Bereichen, die uns Probleme bereiten, haben die Notenbanken nichts mehr in ihren Batterien, um den Wagen nochmals zu starten. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie die Erholungsphase nach der Rezession mit den niedrigen Zinsen immer wieder zum Anheben der Zinsen genutzt, damit man sie später wieder senken kann…eben wie der Akku im Auto nach dem Starten immer wieder per Lichtmaschine geladen wird. Das war diesmal nicht möglich. Eigentlich fahren wir seit geraumer Zeit nicht mehr mit dem Motor, sondern mit dem Anlasser. Das ist das grundlegende Problem. Der Chef von HSBC Trinkaus hat dies mit einem ähnlichen Bild beschrieben: Sobald die Titanic gegen den nächsten Eisberg läuft, war’s das.

Chinas Wachstum ist laut Premierminister Li vollkommen in Ordnung. Nun, die People’s Bank of China senkt Leitzins und Mindestreservesatz. Seit November 2014 gab es in China sechs Zinssenkungen und vier Senkungen der Mindestreserve. Nur um einmal ein paar Zahlen zusammenzufassen: Chinas Exporte sanken seit Jahresbeginn um 8,8 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum, die Importe um 17,6 Prozent, die Importe aus Australien gar um 27,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Chinas Stahl- und Zementproduktion ging um jeweils drei Prozent zurück, die Stromproduktion ebenfalls. Chinas Eisenbahnfrachtvolumen sank gegenüber dem Vorjahr um 17,3 Prozent. Aber angeblich gibt es im Reich der Mitte 6,9 Prozent Wachstum. Ja, in China befindet sich alles auf dem Wachstumspfad, den man sich vorstellt...

Auch die DIHK-Prognose für Deutschland für 2016 wurde deutlich von zuvor 1,7 auf 1,3 Prozent nach unten genommen. Die Bundesregierung geht hingegen noch immer von 1,8 Prozent Wachstum aus.

Berichtssaison mit einigen Lichtblicken

Die Berichtssaison der Unternehmen lief in dieser Woche überwiegend positiv. Allerdings vorwiegend auf Basis von Kostensenkungen und nicht auf Basis von Wachstum. Das heißt, man hat die Gewinne im Wesentlichen durch Einsparungen erzielt und gar nicht mal so sehr aufgrund der weltwirtschaftlichen Situation.

Philips hat diese Woche ein operatives Gewinnplus von 20 Prozent auf 570 Millionen Euro vermeldet. Das Umsatzplus kam jedoch weitgehend durch Währungseinflüsse zustande und der wesentliche Gewinntreiber waren auch hier die Kosteneinsparungen. 

Dialog Semiconductor hat überraschend seine Zahlenveröffentlichung vorgezogen. Das Halbleiterleiterunternehmen und Apple-Zulieferer hat einen Ergebnissprung für das dritte Quartal veröffentlicht. Das Umsatzplus lag bei 18 Prozent, der Gewinnzuwachs bei 44 Prozent, eine deutliche Steigerung der Bruttomarge wird erwartet. Aber die Erwartungen des Marktes lagen noch höher und so verliert diese Aktie zu Wochenbeginn 20 Prozent. Ein Kursminus, das im Laufe der Woche nur teilweise wieder ausgeglichen werden konnte. Ohnehin ist bei dieser Aktie immer wieder zu beobachten, dass es nach unerwarteten Meldungen ziemlich scharf nach unten geht, weil ganze Stop-Loss-Lawinen ausgelöst werden, bevor es dann (zumindest fast) so schnell wieder nach oben geht. Das Unternehmen befindet sich jedenfalls auf einem gesunden Wachstumspfad. Dass die Erwartungen höher waren, sei verziehen. Für unseren Dirk Müller Premium Aktien Fonds jedenfalls haben wir den Schwächeanfall von Dialog Semiconductor in den letzten Tagen genutzt und um die 30 Euro günstigen Stücke zuzukaufen. Zum Wochenschluss steht die Aktie schon wieder bei 33€.

Volkswagen kommt jetzt mit einer interessanten Idee um die Ecke, zumindest wird das gemunkelt. Man möchte, so heißt es, eine Eintauschprämie für die durch den Abgasskandal betroffenen Fahrzeuge anbieten. Was also bedeutet, dass man die Pläne zu Nachbesserungen eher zur Seite legen möchte. „Gebt uns das Auto zurück, kauft Euch ein neues und wir geben Euch dafür einen großen Rabatt“, so das Motto. Da dies ohnehin meistens ältere Fahrzeuge betrifft, könnte das für die Kunden sehr interessant sein und ist aus Sicht von VW sicherlich eine sehr clevere Idee.

Die USA weiten die Ermittlungen gegen die Deutsche Bank wegen Sanktionsverstößen bei Geschäften mit Russland aus. Genau das hat ein französisches Geldhaus schon sehr viel Geld gekostet.

Es gibt nicht wenige gut vernetzte Gesprächspartner, die derzeit hinterfragen, ob es Zufall ist, dass Deutschland zeitgleich von massiven Angriffen auf das Herz der Automobilindustrie (VW), das Herz der Finanzindustrie (Deutsche Bank) und den zutiefst destabilisierenden Flüchtlingswellen heimgesucht wird.

Geringe Ablasszahlungen für Großbanken – Haftstrafen für 26 isländische Top-Banker

Dem gegenüber einigen sich zwölf Banken mit den USA wieder einmal auf eine Strafzahlung. 1,8 Milliarden Dollar sollen diese zwölf Banken zusammen wegen Manipulationen des Marktes für Kreditausfallversicherungen bezahlen, ein rund 58 Billionen US-Dollar großer Markt. Gemeinschaftlich zahlt man jetzt also die „stattliche“ Summe von 1,8 Milliarden Dollar. Das ist eben der Unterschied zwischen Real- und Finanzwirtschaft...

In Island läuft das ein bisschen anders. Im kleinen Island wurden insgesamt 26 Top-Banker wegen Manipulationen dieser Märkte zu Haftstrafen verurteilt. Wie viele waren es denn in den anderen, viel größeren Ländern?

Das Ende der Demokratie in Portugal?

Nach den Parlamentswahlen in Portugal Anfang Oktober hat sich Präsident Aníbal Cavaco Silva gegen die Bildung einer (linken) Mehrheitsregierung ausgesprochen, weil sich diese gegen die Sparpakete einsetzt.
Präsident Silva wörtlich: „Demokratie muss hinter dem höheren Imperativ von Euro-Regeln und -Mitgliedschaft zurückstehen". Eine mindestens bemerkenswerte Auffassung von Demokratie und demokratischen Gepflogenheiten nach einer freien und geheimen Parlamentswahl, bei der offenkundig die bisher regierenden Austeritätsbefürworter vom Wahlvolk abgestraft wurden. Zudem gab es – von einer rühmlichen Ausnahme abgesehen – kaum etwas dazu in unseren hochgeachteten deutschen „Mainstreammedien" zu lesen.

Tony Blair gesteht westliche (Mit-) Verantwortung für das Entstehen des „IS“ ein

Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair hat sich zu Wort gemeldet und bestätigt, dass der sog. „Islamische Staat“ eine Folge des Irakkrieges von 2003 gewesen sei. Er räumt in diesem Zusammenhang zahlreiche Fehler ein, man hätte diese Strategie in dieser Weise nicht umsetzen sollen und überhaupt sei diese Sache ein großer Mist gewesen. Nun denn, nach ein paar Millionen Toten, da haben wir uns eben geirrt! Inzwischen ist diese ganze Region in Unruhe, sind viele dramatische Dinge passiert – Entschuldigung, das konnte man nicht ahnen! So weit die Aussage von Tony Blair... Nun, wie sieht es da mit den Verantwortlichkeiten aus? Wer wird hierfür vor Gericht gezogen? Keiner. Das nimmt man einfach so hin, schließlich kann man sich ja mal irren...

Die Ukraine – korrupt wie nie zuvor

Der  Gouverneur von Odessa äußert sich zur aktuellen politischen Situation in der Ukraine. Das Land sei inzwischen korrupter als vor dem Umsturz, so die Kernaussage. Die Schattenwirtschaft unter dem westlich begünstigten Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk habe ein katastrophales Ausmaß angenommen. Wir erleben in den vergangenen Jahren recht oft, dass ein „government change“, also ein Regierungswechsel auf Anraten bzw. Betreiben des Westens am Ende genau das Gegenteil von dem bewirkt, was man sich eigentlich erhofft hatte. Statt einer Verbesserung erreicht man eine Verschlimmbesserung, und das oftmals mit dramatischen Auswirkungen.

Das Wahlergebnis in Polen – ein Ergebnis fehlender Rückbindung der Politik an den Volkswillen

Bei den Parlamentswahlen in Polen gab es starke Resultate für die bislang oppositionellen Konservativen. Der Nationalismus, die Angst vor Veränderung kehrt nicht nur in Polen zurück, sondern in ganz Europa. Aber dies geschieht nicht wegen „ewig gestriger Bürger“, sondern vielmehr weil die europäische Politik (und das gilt für die meisten EU-Länder) beim Marsch in die Zukunft einen Weg geht, den ihre Bürger immer weniger mitgehen wollen. Dabei bleiben diese dann lieber stehen und nicht wenige wollen wieder zurück zu dem, was sie kennen, anstatt nach vorne auf einem Weg zu gehen, von dem sie befürchten, dass er letztlich doch nur Schlimmeres bringen könnte. Eine Politik, die ihre Bürger nicht mitnimmt, die keine glaubhafte sowie positive Vision von dem vermitteln kann, was am Ende des Weges wirklich zu erwarten ist, wird scheitern. Es steht sogar zu befürchten, dass diejenigen, die die Bevölkerung anführen, selbst gar keine Ahnung haben, wohin sie eigentlich wollen. Wie sagte einst Helmut Schmidt? „Wer Visionen hatte, sollte zum Arzt gehen!“ Ich sage: „Wer keine Visionen hat, sollte lieber nicht in die Politik gehen und ein Volk irgendwohin führen wollen.“ Letztlich ist es wenig verwunderlich, dass der Politik immer weniger Menschen in eine ungewisse Zukunft folgen wollen, wo die führenden Köpfe oftmals selbst nicht wissen, wohin sie überhaupt gehen wollen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes und erholsames Herbst-Wochenende und viel Spaß beim Lesen der Beiträge.

Herzlichst

Ihr Dirk Müller