Zinsentscheidungen, Konjunkturpakete und geldpolitische Lockerungen können weder das Vertrauen in die Staatsfinanzen, die Glaubwürdigkeit deren Tragfähigkeit noch die dringend notwendigen Reformen ersetzen. Genau das sehen wir im Moment an den Finanzmärkten. Regelrecht euphorisch hat man die Zinsentscheidung der EZB erwartet. Kaum ist sie da, kippt die Stimmung.

Es scheint die großen Zentralbanken haben sich abgesprochen und koordinieren nun ihre geldpolitischen Maßnahmen. Vor etwa zwei Wochen hat das US-amerikanische FED seine jüngsten Konjunkturmaßnahmen (Operation Twist) um weitere 267 Milliarden US-Dollar ausgeweitet.

Die Bank of England hat gestern die dritte Ausweitung der Geldpolitik verkündet. In den nächsten vier Monaten kauft sie im Wert von 50 Milliarden Pfund Staatsanleihen auf dem Zweitmarkt. Somit wird sie dann ein Drittel der Gesamtverschuldung Großbritanniens (Zentralstaat, Länder, Gemeinden, Kommunen) halten.

Zur selben Uhrzeit gab die Peoples Bank of China ihrerseits eine Zinssenkung bekannt. Das war eine Überraschung, hat sie doch schließlich vor ungefähr einem Monat schon einmal die Zinsen gesenkt. Erwartet wurden lediglich Änderungen bei den Mindestreservevorschriften. Doch auch die Entscheider im Reich der Mitte schätzen die Konjunkturaussichten wohl recht negativ ein.

In China werden in der kommenden Woche die Konjunkturzahlen für das zweite Quartal veröffentlicht. Vielleicht weiß man bei der PBoC jetzt schon mehr, und die Wirtschaft wächst in einem noch langsameren Tempo als befürchtet. Schließlich ist neulich auch die Inflation zurückgegangen. Das könnte ein weiterer Hinweis sein.

Dann hat die Europäische Zentralbank wie erwartet den historischen Schritt unternommen und den Leitzins auf nun 0,75 Prozent gesenkt. Genau auf solche Maßnahmen haben die Finanzmärkte abgezielt. Schon in den vergangenen Handelstagen konnte man deutliche Kurssteigerungen sehen. Die Argumentation war klar: Die Märkte werden mit frischem Geld geflutet. Das ist gut!

Doch kaum werden die ersehnten Maßnahmen verkündet, kippt die Stimmung. So etwas haben wir in den vergangenen Monaten, im vergangenen Jahr schon des Öfteren erlebt. Die Märkte fiebern auf ein Ereignis zu – seien es nun Zinssenkungen, Spitzengipfel oder Konjunkturmaßnahmen. Doch sofort danach dreht sich der Fokus.

Die Sichtweise ist von der Frisches-Geld-Ist-Gut-Argumentation zur Die-Belastungsfaktoren-Sind-Ja-Doch-Noch-Da-Argumentation gewechselt.

Ist doch auch kein Wunder: Glaubt noch irgendwer, dass man die grundlegenden Probleme lösen kann, in dem man an den Symptomen herumdoktert? Glaubt noch irgendwer, dass ein Unterschied darin liegt, ob sich europäische Banken mit 0,75 Prozent oder 1,00 Prozent verschulden können? 

Aktuell natürlich niemand. Doch das hält nur an, bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Das wird wieder als der „entscheidende Fakt, der die Wendung bringt“ gepriesen. Vielleicht sind es die Arbeitslosenzahlen aus den USA, künftige Entscheidung des FED oder irgendein Konjunkturpaket einer beliebigen Regierung. Dann ist die Stimmung euphorisch, bis Ernüchterung erneut einsetzt, man auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt. Und so weiter, und so weiter…