Anfang des Jahres erschien eine zweiteilige Artikel-Serie unter dem Titel „Zukunftsbranchen 2020“. Dabei wurde unter anderem auf tragbare bzw. in die Kleidung integrierte Technik, Folien-Displays sowie auf die Roboter- und die Weltraumbranche eingegangen. Zur Halbzeit des Jahres wird die Reihe nun fortgesetzt. Das Thema dieses dritten Teiles ist die Nanotechnologie, bei der gezielt auf Atome und Moleküle eingewirkt wird. Sie wird als eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts mit gewaltigem Innovationspotenzial angesehen.

Die Lotusblüte – Symbol für Reinheit

Der Begriff Nano stammt aus dem Griechischen und bedeutet Zwerg. Damit verweist der Ausdruck Nanotechnologie auf die winzigen Dimensionen, in denen mit Atomen und Molekülen hantiert wird. In den Naturwissenschaften steht Nano für den milliardsten Teil einer Messgröße. In diesem Zusammenhang ist von einem Milliardstel Meter die Rede, wobei ein Nanometer 50.000 Mal kleiner als der Durchmesser eines Haares ist.

Allseits bekannt ist der Lotus-Effekt, der sich an die Eigenschaften der Lotusblume bezieht. Aufgrund ihrer besonderen Oberflächenstruktur perlen Wasser oder Schmutzpartikel an ihren Blättern ab. Das Prinzip wird schon vielfach in der Oberflächentechnik oder in der Material- und Werkstoffforschung genutzt. Textilien oder Lacke auf nanotechnologischer Basis, die einen Lotus-Effekt aufweisen, sind längst als gängige Produkte in den Kaufhäusern vorzufinden. Dazu gehören beispielsweise Anzüge, an denen sogar Honig abperlt. Nano-Sprays werben damit, dass sich damit Fenster, das Keramik im Sanitärbereich, Brillengläser, Displays oder Kleidung versiegeln ließen und somit einen Lotus-Effekt bekämen. Die Vorteile lägen darin, dass die versiegelten Oberflächen länger sauber blieben, schneller gereinigt werden könnten und zudem hygienischer seien. Im Bausektor werden spezielle Nano-Wandfarben angeboten, bei denen nicht einmal Grafitti eine Chance habe. 

Ressourcen, Energie und Kosten sparen

Die Einsparmöglichkeiten von Rohstoffen, Energie und Kosten ist ein oft verwendetes Argument bei der Nanotechnologie. Es lassen sich Materialien entwickeln, die sich für Leichtbaukonzepte bei Automobilen oder Flugzeugen eignen. Mit der Gewichtseinsparung sinkt auch der Sprit- bzw. Energieverbrauch. Außerdem sind sie effizienter, da gleichzeitig auf die Härte der Materialien Einfluss genommen werden kann, welche die Crash-Sicherheit erhöht. Manch ein Ökonom malt sich schon aus, dass der gefräßige Feind der Industrie - die Korrosion, die Schätzungen zufolge das weltweite Bruttosozialprodukt jährlich drei bis fünf Prozent kostet - für immer bekämpft werden könnte. Die Instandhaltungskosten für die Kanalisationssysteme, die durch Rost entstehen, liegen bei über 100 Milliarden Dollar jährlich. Die gesamten Schäden übersteigen die Drei-Billionen-Dollar-Grenze.

Querbeet

Die Nanotechnologie ist eine Querschnittstechnologie, deren potenziellen Anwendungsgebiete umfassend sind. Sie reichen von der Bio- oder Umwelttechnologie über die IT oder die Medizin bis hin zur Kosmetik- oder Sportbranche.

Zum Beispiel wird die Technologie bei den aufdehnbaren Gefäßkathedern (Stents) genutzt, welche Blutgefäße von innen zu stützen. Die herkömmlichen Edelstahlstents weisen das Problem auf, dass sie durch ihre relativ raue Oberflächenstruktur die Gefäße verletzen oder Ablagerungen von Zellen entstehen. Eine Nanobeschichtung kann diese Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Jüngst haben südkoreanische Forscher Stents entwickelt, die den Blutfluss und die Temperatur messen sowie bei Bedarf bestimmte Wirkstoffe. Sie sind in der Lage, die Messdaten zu übermitteln und senden Alarmsignale aus, wenn die Katheder zu verstopfen drohen. Medikamente auf Nanotech-Basis werden derart modifiziert, damit sie erst an dem gewünschten Ort ihre beabsichtigte Wirkung entfalten. In Zukunft könnten Nanobots (Roboter in Blutzellengröße), die durch die Blutbahn schwimmen selbständig Krankheitserreger ausfindig machen oder Tumorzellen erkennen und diese mit chirurgischer Genauigkeit mit Laserstrahlen beschießen. In der Medizin wird die Nanotechnologie eingesetzt, um Schutzschichten für die Zähne herzustellen oder um die Geräte antibakteriell zu beschichten.

Es wird an Nanofiltern geforscht, die in Kläranlagen oder zur Meerwasserentsalzung eingesetzt werden, um Trinkwasser herzustellen. Künftige Chipgenerationen könnten ihre Rechnerleistung und ihre Speicherkapazitäten betreffend um ein Vielfaches erhöhen. Skier oder Snowboards werden beschichtet, um ein besser Gleiten und drehen auf der Piste zu ermöglichen und dabei sogar noch weniger Kraftaufwand abverlangen. Die Anwendungsmöglichkeiten der Nanotechnologie sowie die Forscherphantasie scheinen unerschöpflich.

Nanotech-Blase

Nanotech-Aktien nehmen einen besonderen Platz in der Börsengeschichte des vergangenen Jahrzehnts ein. Daher sei zunächst ein kurzer Blick in die Vergangenheit geworfen:

Die damals noch eigenständige Investmentbank Merrill Lynch, die zu größten und bekanntesten der USA zählte, hat im Jahr 2002 begonnen, in verstärktem Maße auf das Potenzial der Nanotechnologie hinzuweisen. Die Bank hat die folgenden Jahre über viel zur Öffentlichkeitswirksamkeit der Nanotechnologie beigetragen. Im April 2004, als sie den ersten Nanotech-Index ins Leben rief, herrschte eine Euphorie in dem Segment, die zum Teil an den Internet-Boom erinnerte. Wenn die Aktie den Begriff Nano beinhaltete, löste es regelrecht Kaufrausch bei den Anlegern aus. Gedankenlos wurde in einer Goldrausch-Mentalität in Aktien investiert, die mit dieser Technologie in Verbindung gebracht wurden – es hieß: Hauptsache Nano…!

Überdurchschnittliche Renditen in dieser Zukunftsbranche haben Investoren, die oft aus Small-Cap-Zockern bestanden, scharenweise gelockt. Unternehmen, deren Geschäftsfelder überhaupt nichts mit diesem Zweig zu tun hatten, haben in „irgendwas mit Nano“ umfirmiert und plötzlich vervielfachten sich die Aktienkurse in wenigen Wochen und Monaten. Darunter war der Minenbetreiber Altair, der 2003 einen Jahresumsatz von 70.000 Dollar und einen Verlust von 6,2 Millionen Dollar vorzuweisen hatte. Altair besaß zwar ein Patent, um Nano-Anwendungen auf Mineralbasis zu erforschen – doch das hat sie noch lange nicht zu einem Nanotech-Unternehmen gemacht. Die Gesellschaft hat 30 Jahre in Folge Verluste geschrieben, doch nachdem sie sich in Altair Nanotechnologies umbenannt haben, stieg der Kurs innerhalb von 15 Monaten um 800 Prozent, und die Aktie erreichte eine Marktkapitalisierung von 129 Millionen Dollar. Wie während der Internetblase auch, gab es in dieser Zeit viele solcher absurden Exempel – nicht zuletzt für eine solch mangelhafte Arbeit seitens der professionellen Finanzanalyse.

Schon zwei Wochen nach Auferlegung des Index hat die Investmentbank eine peinliche Panne erlitten. Denn mindestens sieben der insgesamt Aktien im Index hatten fast nichts mit Nanotechnologie zu tun. Nach Protesten hat der Fondsmanager bereits nach 14 Tagen sechs Unternehmen aus dem Index genommen. Sogar die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet. Die Bank hat diese schludrig geratene Index-Zusammenstellung als „subjektiv“ bezeichnet…

Image und Risiken

Nach dem Platzen der Internetblase rückte die Nanotechnologie immer stärker ins Bewusstsein der Börsenakteure. Abgesehen von der Euphorie im Jahr 2004 entwickelt sich das Anlagethema seitdem vergleichsweise schleppend. Der Grund dafür mag ein stückweit an öffentlich kursierenden Unsicherheitsfaktoren liegen. Beispielsweise berichteten die Medien von Personen, die wegen Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Es konnte nicht herausgefunden werden, was genau die Atemnot ausgelöst hatte. Eine Gemeinsamkeit, die die Patienten jedoch aufwiesen, war der Gebrauch eines bestimmten Nano-Putzmittels.

Am häufigsten werden in den Medien Kosmetika skeptisch betrachtet. Eine große Sorge dabei ist, dass Nanopartikel in die Blutbahn geraten und gesundheitliche Schäden verursachen könnten. Es bestehen zum Beispiel Bedenken, dass bei Auftragen einer Sonnencreme winzige Nanoteilchen durch eine Wunde in den Körper gelangen und das Hirn schädigen. Bei Lebensmitteln hingegen nimmt der Kunde Nano-Zutaten quasi freiwillig zu sich. Sie machen den Ketchup cremiger, Dragees glänzend oder sorgen dafür, dass das Fertigsuppenpulver nicht verklumpt.

Das Umweltbundesamt beschäftigt sich schon seit 2001 mit der Thematik und hat über die letzten Jahre auf mögliche Gefahren bei diversen Produkten hingewiesen. Die EU hat beschlossen, dass seit Juli 2013 Kosmetika mit Nanoteilchen gekennzeichnet werden müssen. Die Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln gilt seit Dezember 2014.

Strategie und Fazit

Der Anleger hat es gemeinhin nicht leicht, die Chancen und Risiken der Nanotechnologie abzuwägen. Teils sorgen negativ gefärbte Nachrichten dafür, dass das mit Unsicherheit behaftete Image und die Risikowahrnehmung dominieren. Genauso wenig, wie es eine unvernünftige Idee ist, jede Aktie zu kaufen, die den Begriff Nano enthält, werden die Medieninhalte der umfänglichen Vielseitigkeit der Technologie nicht gerecht. Meist wird bei den Risiken pauschalisiert, obwohl eine differenzierte Betrachtung nötig wäre. Bei aller Komplexität der Materie, gibt es einige Eckpunkte, an denen sich der Anleger orientieren kann.

Ein Ansatzpunkt ist die Unterscheidung, ob die Gefahr besteht, dass Nanopartikel in den Körper gelangen oder ob die Technologie in Festkörper eingebettet ist, sodass Nanoteilchen nicht nach außen dringen können. Der Investor, der derartige Nano-Aktien recherchieren möchte, wird dabei sehr oft den Stichworten Kohlenstoffnanoröhrchen (kurz CNT), Fullerene und Graphen begegnen. Diese stehen meist im Zusammenhang zu Produkten rund um Materialoberflächen oder Werkstofftechnologien. Deshalb besteht beispielsweise für bestimmte Nano-Autolacke keine Kennzeichnungspflicht.

Eine weitere Möglichkeit zur Recherche besteht in Verbindungen zu Mikrotechnologien, die im Tausendstel-Meter-Bereich angewendet werden. Mikrosystemtechniken werden zum Beispiel seit Jahrzehnten in der Halbleitertechnologie genutzt. Nanotechnologie, die bestehende Mikrosystemverfahren weiterentwickeln, bilden einen interessanten Geschäftszweig.

Eine regionalbezogene Globalanalyse zeigt das wachsende Bewusstsein für die Nanotechnologie. Die weltweiten Forschungsvorhaben nehmen zu. Vor zehn bis 15 Jahren waren die USA, die EU - mit Deutschland an der Spitze - sowie Japan die führenden Nationen in der Nanotech-Disziplin, doch der Abstand schwindet. Diesen Platzhirschen folgend taten sich insbesondere Südkorea, Singapur und Israel hervor. China und Russland forcieren ihre Anreize durch Schaffung von Förderprogrammen seit einigen Jahren deutlich. Die Entwicklungen in Thailand oder in Osteuropa, beispielsweise in Tschechien, versprechen Potenzial. Polen hat sich sogar auf die Fahnen geschrieben, zur Weltklasse aufzusteigen.

„Zukunftsbranchen 2020“ wagt einen Blick in die Zukunft, wobei die kommenden Jahre im Fokus stehen. Szenariotechniken, wie beispielsweise die so genannte Delphi-Methode, welche in der Zukunftsforschung oder in der strategischen Planung angewandt werden, finden oft in einem halbjährlichen Turnus statt. In diesem Sinne wird diese Artikel-Serie jeweils gegen Anfang und zur Mitte eines Jahres fortgesetzt.