Gastbeitrag von Dr. Viktor Heese

In seinem Beitrag „Gibt es noch attraktive Anleihen in der Nullzinsphase?“ wurden bonitätsstarke Unternehmensanleihen deutscher Großkonzerne und ausgewählte Staatsanleihen einiger EU-Länder besprochen, die noch Renditen von 4% bis 5% abwerfen. In der gegenwärtigen Nullzinsphase sind das TOP-Zinsen. Kaum ein Schnäppchenjäger weiß jedoch, dass es auch Bundesanleihen gibt, die an die 4% Jahresrendite herankommen. Bei den Anleihen hoch verschuldeter Bundesländer, wie NRW, ist sogar noch etwas mehr herauszuholen. Wenn diese Zinsperlen bislang unbemerkt blieben, so liegt dies an der missverständlichen Definition des „Renditebegriffes“. In diesem Gastbeitrag sorgt der Autor Dr. Viktor Heese, langjähriger Börsenanalyst und Kapitalmarktexperte, für die Klarstellung.

Wer am 4.01.2017 die Bundesanleihe (WKN 113504) mit einem Jahreskupon von 6,5% und einer Restlaufzeit bis zum 04.07.2027 zum Kurs 163,96 € gekauft hatte, erzielt eine laufende Rendite von 3,96%. Sie errechnet sich, indem der Zinsertrag von 6,5 € zum Kaufkurs in Beziehung gesetzt wird. Genauso spricht der Aktionär von einer Dividendenrendite von 4,55%, wenn er die Allianz-Aktie zu 160,40 € erwirbt und mit einer Dividendenzahlung auf Vorjahresniveau von 7,30 € rechnet. Im Unterschied zur Aktie ist die Zinszahlung rechtlich zugesichert, während die Dividendenzahlung von der Geschäftsentwicklung der Aktiengesellschaft abhängt.

Praxisbeispiel – der feine Unterschied zwischen der laufenden und der Gesamtrendite

Unsere Anleihe wird am Ende der Laufzeit – also in genau 10,5 Jahren – vom Bund zu 100 € zurückgezahlt. Irgendwann muss sich also der aktuelle Kurs auf diesen Rückzahlungskurs hinbewegen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von der Endfälligkeitskonvergenz. Wann das geschieht, ob in Paar Wochen oder erst in neun Jahren, kann heute niemand genau sagen. Das hängt von vielen Faktoren ab, von denen die wichtigsten das allgemeine Zinsniveau und die Renditen aller Restlaufzeiten unterhalb der 10,5 Jahre, sind. Mit anderen Worten, der Anleiheninvestor kann seine Bundesanleihe noch ruhig einige Jahre halten und sich über die hohe Rendite von 3,96% freuen, bevor er sie irgendwann – vielleicht in 2020 – verkauft und erneut eine neue Anleihe mit einer Restlaufzeit bis mindestens 2030 erwirbt. Somit kann er das Spiel wiederholen und darauf eine Anlagestrategie aufbauen.

Unser Anleiheninvestor macht keinen Verlust, wenn er sich verspekuliert. Fällt der Kurs vor dem Ablauf der geplanten dreijährigen Anlagezeit zu stark, kann er bis 2027 (Ende der Laufzeit) warten und zehn Zinszahlungen, also insgesamt 65 €, vereinnahmen und diese vielleicht zu einem Minizins anlegen. Seinen Zinserträgen steht ein Kursverlust von 63,96 € gegenüber. Es verbleibt also noch ein bescheidenes Plus von 1,04 €. Es gibt aber auch Chancen: Genauso könnte nach Ablauf von 3 Jahren der Kurs in 2020 auf sein Allzeithoch von über 172 € aus dem Jahr 2012 steigen. Dann kassiert er neben den drei Zinszahlungen noch einen Kursgewinn, also etwa 20%. Der Allianz-Aktionär hat grundsätzlich mehr Chancen und Risiken, weil Aktienkurse volatiler als Anleihenkurse sind. Da ist aber schon ein anderes Thema.

Wie wird aus der laufenden Rendite von 3,54% eine Gesamtrendite von -0,01%?

Was es mit den in der Fachwelt viel zitierten negativen Renditen auf sich hat, zeigt das Beispiel der NRW-Anleihe, mit einer Restlaufzeit von 5,3 Jahren. Die laufende Rendite beträgt in diesem Fall 3,54%. Nach Berücksichtigung aller Zinszahlungen und des Abzuges des Kursverlustes erzielt der Anleger am Ende der Laufzeit tatsächlich ein kleines Minus von 0,01%.

Das ist seine Gesamtrendite. Daraus folgt, dass es für ihn unattraktiv ist, diese Anleihe bis zum Ende der Laufzeit zu halten. Würde er früher aussteigen, kann er sich über die 3,54% jährlich freuen, solange der Kurs auch hier nicht fällt. Allerdings sind seine Chancen im Vergleich zur obigen Bundesanleihe wegen der kürzeren Laufzeit geringer. Würde er sich auch hier verkalkulieren, ist sein Verlust dennoch vernachlässigend gering. Ein Minus von 0,01% ist kein Betrag.

Anlage-Relevanz

In der heutigen Niedrigzinsphase sind bonitätsstarke Anleihen von Bund und Ländern bei den institutionellen Anlegern (Pensionsfonds, Versicherungen, Vermögensverwaltungen) eine beliebte Anlageklasse im Anleihensegment. Sie kaufen Titel mit sehr langen Laufzeit und hohem Kupon wegen der hohen laufenden Rendite. Dieses Renditeverständnis ist korrekt und es wird in der überall in der Investmentwelt – so bei der Ermittlung der Dividendenrendite – verwendet. Dagegen schaut der deutsche Privatanleger immer nur auf die Gesamtrendite, die eine Haltedauer bis zur Endfälligkeit impliziert und Minirenditen erbringt. Er unterliegt dem Trugschluss, ein Investment in Anleihen lohne nicht. Auch Experten aus der Finanzbranche klären ihn nicht auf. Vermutlich haben sie daran kein Interesse, weil sie ihm eigene Finanzprodukte verkaufen wollen bei denen sie hohe Gebühren verdienen.

Wenn der Privatanleger aber klug ist, schaut er sich das breite Angebot der Onlinebanken an und kauft in Eigenregie passende Titel, die ihm bis 4% Jahresrendite bringen. Zur Auswahl stehen nach maxblue derzeit 74 Anleihen der öffentlichen Emittenten mit einer Restlaufzeit zwischen 10 und 30 Jahren. An den einmaligen Kosten darf er sich nicht stören, sie liegen im Durchschnitt bei 0,2% der Kaufsumme. Voraussetzung für seinen Alleingang ist die Einrichtung eines Depots und etwas Eigenstudium über die Grundlagen der Anleihemärkte. Ohne Fleiß kein Preis.

Autor:  Dr. Viktor Heese: Ex-Börsianer, heute Dozent, Finanzanalyst und Fachbuchautor – www.börsenwissen-für-anfänger.de

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