Vor allem die USA drängen die EU zu schärferen Sanktionen gegen Russland. Sollte sich die EU als verlängerter Arm der Staaten auf das Spiel einlassen, darf man sich auf empfindliche Störungen der Energieversorgung einstellen. Der allgegenwärtige Glaube an die Rettung durch das billige US-Gas wird sich als gefährlicher Irrweg entpuppen...

Die Entwicklung des so genannten Shale Gas Booms in den USA folgt einer Choreographie, wie man sie von der Wall Street gewohnt ist. Zunächst wird ein Thema medial platziert. Dann werden  hohe Erwartungen geweckt und Wertpapiere verkauft, deren Käufer sich vom Eintreffen der Prognosen Profite versprechen. Um diese Erwartungen in der Anfangszeit zu erfüllen, wird ohne Rücksicht auf die reale finanzielle Lage und die Kosten der Unternehmen expandiert, investiert und gefördert. Optionsprogramme dienen einigen Entscheidern dabei als Denkhilfe. Die Expansion wird durch den Verkauf neuer Aktien, Anleihen oder strukturierter Vehikel (VPP) finanziert. Geradezu grotesk hohe Erschöpfungsraten der Gasfelder, die die bei den Investoren (und Politikern) vorherrschenden Erwartungen vollends lächerlich wirken lassen gesellen sich zu einer nicht annähernd kostendeckenden Produktion. Von Politikern ist man Denken in Legislaturperioden gewöhnt, von Investoren sollte man mehr erwarten dürfen.

Als neuer Heilsbringer für die finanziell angeschlagene Branche wird auch der Export des in den USA geförderten Gases nach Europa diskutiert. Die Prämisse ist jedoch eine andere als die der Großstrategen in Europa. Während man diesseits des Atlantiks von billigem Gas träumt, weil die Preise drüben (noch) billiger sind als hier, hofft man in den Staaten auf ein paar Sondereinnahmen auf Grund der in Europa höheren Gaspreise. Diesen Unterschied hat man hier offensichtlich noch nicht verinnerlicht. Dabei könnte jeder leicht darauf kommen. Warum sollte jemand, der sein Produkt wegen zu niedriger Preise nicht vor Ort kostendeckend verkaufen kann, es zu diesen niedrigen Preisen andernorts verkaufen, wenn horrende Kosten für den Transport und die Komprimierung zu LNG hinzukommen? Abgesehen davon sind die Voraussetzungen weder für einen Export noch für eine kostendeckende Produktion vorhanden und die träumerischen Prognosen zu den „hundertjährigen“ Reserven lösen sich derweil in heiße Luft auf.

Die billige Energieversorgung durch Shale Gas ist ein Mythos. Je eher man dies einsieht, desto weniger Geld wird man verbrennen und desto weniger außenpolitisches Porzellan zerschlägt man leichtfertig.

Den hohen Kapitalbedarf der Firmen wollte oder konnte man nicht über stetig neue Aktien decken. Was viele Investoren im Rohstoffsektor gerne vergessen ist der Verwässerungseffekt, den neue Aktien mit sich bringen. So wundern sich noch immer zahlreiche Käufer von Minenaktien, warum eigentlich der Kurs nicht so recht auf die Beine kommen will. Die Erweiterung des Sichtfeldes und die Einbeziehung der Marktkapitalisierung der jeweiligen Firma ist da hilfreich. So zeigt sich, dass viele Unternehmensbewertungen nicht so tief gefallen sind, wie es der Aktienkurs suggeriert. Vielmehr wurde durch ständiges Begeben neuer Aktien die Zahl der ausstehenden Anteilsscheine zum Leidwesen der Besitzer alter Aktien drastisch erhöht.

Im Rahmen des von der Wall Street bemerkenswert orchestrierten Shale Gas Booms suchte man nach Alternativen zum Verkauf immer neuer Aktien. Man wurde fündig, in dem man alten Wein in neue Flaschen füllte. Heraus kamen die so genannten Volumetric Production Payments (VPP). Bei dieser Art der Finanzierung erhält das Unternehmen von einem Käufer Kapital und verkauft im Gegenzug Anrechte an der zukünftigen Förderung. So bleibt das Unternehmen Eigentümer der Assets, verkauft aber einen Teil der Produktion im voraus.

Für die Aktionäre ist dies natürlich ebenfalls kein Glücksfall. Zwar wird das Aktienkapital nicht verwässert, aber die zukünftigen Erträge werden geschmälert. Diese Art der Finanzierung ähnelt klassischen Royalty-Strukturen und ist nicht neu. Sie erlebte schon in den 20er und 30er Jahren sowie in den 50er und 60er Jahren Blütezeiten. Rohstoffkäufer können über die Produkte im Vorhinein große Fördermengen erwerben. Einzige Bedingung ist dabei, dass die erwarteten Mengen auch wirklich gefördert werden können. Beim Schiefergas gibt es allen Grund daran zu zweifeln.

Gemäß Surge Capital finden sich bekannte Firmen aus anderen Rohstoffsegmenten unter den Anwendern dieser Strukturen.

Bemerkenswert ist der jeweilige Anteil der verkauften Produktion. Sollte sich ein Aktionär wundern, warum auch in wieder besseren Zeiten weniger als erwartet bei ihm landet, findet sich hier eine der Erklärungen. Aufschlussreich ist auch die Gegenüberstellung des Gesamtwertes der Produktion anhand des Verkaufspreises für die genannten Anteile.

Der Investor, der zum Lernen bereit ist, kann auch hier erkennen, wie wenig es wert sein kann, wenn ein Unternehmen „schuldenfrei“ ist. Sowohl die dauerhafte Verwässerung als auch der irreversible Verkauf zukünftiger Produktion schadet dem Anleger. Wer nicht nur kurzfristige Bewegungen handeln will, sondern an längerfristigen Anlagen interessiert ist, dem sei ein genauerer Blick in ein paar Geschäftsberichte dringend angeraten.

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