Liebe Freundinnen und Freunde des weltbewegenden Kabaretts,

Im Dezember schrieb ich einen Letter, um darin zu erklären, warum die gespaltene Gesellschaft mich lange Zeit davon abhielt, Letter zu schreiben, und zwar, weil ich mich von keiner Seite dieser Spaltung abgeholt fühle, und es einfach unerträglich finde, von beiden Seiten dafür auf die Fresse zu kriegen. Scheidungskinder wissen, was ich meine…

Und was passiert? Unfassbar viel Zuspruch und Aufmunterung, wofür ich Euch allen unfassbar dankbar bin. Aber auch für den Dezember-Letter bekam ich wieder von beiden Seiten auf die Fresse, mit dem Vorwurf, dass ich auf der (jeweils) anderen Seite stehe. Da schlägt man die Hände über‘m Hohlkopf zusammen und fragt sich:

Ohjeh. Wie soll das eigentlich enden, wenn es denn mal endet?“

Denn eins steht für mich jetzt schon fest: Falls es jemals wieder eine Zeit wie vor Corona geben sollte - was ich mir, nebenbei bemerkt, gar nicht vorstellen kann - aber falls das Virus irgendwann endemisch geworden sein sollte, werden beide Seiten nie vergessen, wie die jeweils andere mit ihr umgegangen ist. Oder um es mit den Worten Johnny Walkers zu sagen: Die Pandemie geht – die Spaltung bleibt.  

Denn natürlich wird man sich auf der einen Seite daran erinnern, dass es hieß, es gibt nur einen einzigen richtigen Weg raus aus der Pandemie, nämlich impfen, impfen, impfen, und wer da nicht mitmacht, ist schuld, dass wir ewig in der Pandemie stecken bleiben.

Während man der anderen Seite nachtragen wird, dass das Virus entweder nur eine Erfindung ist, oder zumindest nicht so gefährlich, wie behauptet, und die Regierung nur unnötig Panik schürt, um Bill Gates die Coronadiktatur zu ebnen.

Diese beiden Sichtweisen haben ungefähr genau so viel Berührungspunkte wie Nena mit Musik.

Und dass die eine Seite deswegen nur ein einziges Interesse verfolgt hat, nämlich die andere Seite mit allen möglichen Maßnahmen zur Impfung zu nötigen. Sei es mit der Abschaffung kostenloser Schnelltests, mit dem Wegfall von Lohnfortzahlung im Quarantänefall, und mit der 2G-Regelung, also der Ausgrenzung von jeglicher gesellschaftlichen Teilhabe. 

Worauf die andere Seite sagt, dass das alles mehr mit Zucht- und Erziehungsmaßnahmen zu tun hat, als mit effektiver Pandemiebekämpfung, aber wenn man weiß, dass das noch von CDU/CSU erfunden wurde, weiß man auch, wo der Begriff „schwarze Pädagogik“ seinen Ursprung hat.

Worauf die eine Seite erklärt, dass es das alles natürlich nur gibt, um die Ungeimpften vor einer Infektion zu schützen. Worauf die andere Seite erwidert, dass es das alles natürlich nur gibt, ohne die Ungeimpften vorher mal gefragt zu haben, ob sie denn diesen Schutz überhaupt haben wollen.

Worauf die eine Seite feststellt, dass es darum geht, dass Impfverweigerer unsolidarische Egoisten sind, die den Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems billigend in Kauf nehmen. Was ja nicht ganz falsch ist. 

Worauf die andere Seite einwirft, dass das genauso wenig falsch ist, wie die Erkenntnis, dass Geimpfte ebenfalls das Virus weitergeben können, und dadurch ebenfalls einen Beitrag zum Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems leisten. Unterschied: Letztere tun es mit Genehmigung der Regierung.

Worauf die einen erwidern, dass das bei Geimpften aber wesentlich weniger passiert, und die anderen entgegnen, dass das für die Gesamtlage aber wesentlich unerheblich ist.

Während im Hintergrund Nena das macht, was sie Musik nennt.

Während ich an dieser Stelle mal daran erinnern möchte, dass die Leute, die uns jetzt erzählen, dass wir unser marodes Gesundheitssystem vor dem Kollaps schützen müssen, dieselben Leute sind, die dafür gesorgt haben, dass unser Gesundheitssystem überhaupt marode ist. Und natürlich meine ich damit Karl Lauterbach. 

Der 2002 als Berater von Ulla Schmidt die Fallpauschale erfunden hat, und noch 2019 (Zitat:) „jede dritte, eigentlich jede zweite Klinik schließen“ wollte, weil wir dann (Zitat:) „nicht so viel Überflüssiges“ hätten. Also erst ruinieren, und dann als fürsorglicher Retter auftreten. Normalerweise nennt man sowas Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.

Und dieser Mann ist zurzeit der beliebteste Politiker in Deutschland. Ich wusste gar nicht, dass die Deutschen so einen subtilen Humor haben.

Worauf die eine Seite betont, dass in einer Pandemie mit exponentiell wachsenden Fallzahlen auch das beste Gesundheitssystem irgendwann an seine Grenzen stößt. Worauf dann die andere Seite erzählt, dass unser Gesundheitssystem zu keinem Zeitpunkt vor dem Zusammenbruch stand, weil exponentiell wachsende Fallzahlen in einer Region eben irgendwann von selber an ihre Grenzen stoßen. 

Worauf die eine Seite sagt, dass das eben nicht von selber, sondern nur aufgrund der Einschränkungsmaßnahmen ausgeblieben ist. Und von der Ferne klingt es nach Nena und von anderer Ferne nach Musik.

Worauf die eine Seite die Impflücke beklagt, und täglich die Zahl der Geimpften veröffentlicht. Worauf die andere Seite fragt, ob man denn noch weiß, wofür das zweite „G“ in 2G eigentlich steht, und wann man denn auch mal täglich die Zahl der Genesenen veröffentlicht will? (Spoiler: Stand heute (20.01.22) haben wir in Deutschland seit Beginn der Pandemie offiziell insg. 8.204.071 Genesene.

(Quelle: https://www.corona-in-zahlen.de/weltweit/deutschland/)

Worauf die eine Seite festlegen will, nach wie viel Monaten Genesene geimpft werden müssen. Worauf die andere Seite fragt, warum Leute, die nachweislich eine Infektion überstanden haben, nicht selbst entscheiden dürfen, diesen Vorgang wiederholen zu wollen.

Worauf die eine Seite sagt, dass die Lösung einzig und allein und ausschließlich nur eine allgemeine Impfpflicht ist. Worauf die andere Seite erwidert, dass die Lösung einzig und allein und ausschließlich nur eine allgemeine Versorgung mit dem neuen Medikament „Paxlovid“ ist, das 90 % der schweren Fälle erfolgreich verhindert.

Worauf die eine Seite sagt, dass nur eine allgemeine Impfpflicht schwere Fälle von vornherein noch erfolgreicher verhindert. Worauf die andere Seite erwidert, dass 65 % der Coronatoten in Deutschland über 80 Jahre, und weitere 20 % über 70 Jahre alt sind, und eine Impfpflicht auch ausschließlich auf die Altersgruppe der über 67-jährigen beschränkt werden könnte.

Worauf die eine Seite antwortet, dass eine Beschränkung auf diese Gruppe Altersdiskriminierung wäre. Worauf die andere Seite sagt, dass das Aufsetzen eines Sturzhelmes beim Fahrradfahren gegenüber den anderen Körperteilen doch auch nicht Kopfdiskriminierend ist. Wir hören 99 Luftballons und Beethovens 9te.

Und in all dieser Katastrophenkakophonie halte ich mal kurz inne, und werfe einen Blick auf die Zahlen: Stand heute (20.01.22) gibt es in Deutschland 20.573.919 Ungeimpfte. 

(Quelle: https://www.corona-in-zahlen.de/weltweit/deutschland/)

Das sind rund 25 % der Bevölkerung. Olaf Scholz nennt das „eine kleine Minderheit“. Der Lehrer, der Olaf Scholz Mengenlehre beigebracht hat, nennt das „meschugge“.

Außerdem wollen wir bitteschön nicht vergessen, dass wir hier immer noch über Mitbürgerinnen und Mitbürger sprechen. Das Wort „Ungeimpfte“ unterschlägt, wie das Wort „Impfverweigerer“, dass es sich dabei um menschliche Wesen handelt, und nicht um Gegenstände in einer Schublade. 

Diese rund 20 Millionen ungeimpfter Mitmenschen in Deutschland haben bislang gegen kein Gesetz verstoßen und kein Recht gebrochen. Nochmal, damit das wirklich jeder mitbekommt: „gegen kein Gesetz verstoßen und kein Recht gebrochen.

Und da frage ich mich, was die Regierung eigentlich machen will, wenn diese 20 Millionen alle trotz allgemeiner Impfpflicht nicht nur weiterhin die Impfung verweigern, sondern anschließend auch die Zahlung jeglichen Bußgeldes? 20 Millionen Gerichtsverfahren? Und anschließend 20 Millionen Knasteinweisungen?

Irgendwie musste ich in letzter Zeit immer öfter an dieses berühmte Gedicht von Bert Brecht nach dem 17. Juni 1953 denken, also in leicht abgewandelter Form:

 

 

Und am meisten überrascht hat mich in diesem Zusammenhang nämlich vor allem, dass ich in meinem privaten Umfeld mehrere Personen kenne, die sich untereinander übrigens nicht kennen, und die mir unabhängig voneinander dasselbe anvertraut haben, nämlich, dass sie zu den 25 % gehören, die nicht geimpft sind.

Und von all diesen Bekannten weiß ich, dass sie kein Interesse haben, rechtsradikales Gedankengut zu pflegen, und auch nicht von derartigen Extremisten instrumentalisiert werden wollen.

Und auf Nachfrage haben alle diese Leute in meinem Bekanntenkreis keinen Verschwörungsblödsinn geschwurbelt, sondern sachlich die unterschiedlichsten Gründe für ihre Impfverweigerung erläutert, und - vor allem - ihre Haltung jeweils sehr reflektiert und differenziert und bis ins Detail unglaublich gut informiert begründet, weshalb alle diese meine Bekannten sich selber übrigens nicht außerhalb unserer Gesellschaft sehen. 

Und auch, wenn ich als mehrfach Geimpfter deren Meinung nicht teile, und mitunter heftigst widerspreche, so erleben sie es als Wohltat, dass man überhaupt mal zuhört und diskutiert. Und natürlich sehr gerne kontrovers. Klingt absurd. Vielleicht. Aber vor allem klingt es nach einem nicht: Nach Nena.

Und während die einen Impfgegner Angst und Schrecken verbreiten, fliegt den anderen Impfgegnern ebenfalls Angst und Schrecken um die Ohren. 

Unabhängig voneinander berichten nämlich diese Personen in meinem Bekanntenkreis alle dasselbe, und zwar von Distanzierung und Diskriminierung im familiären Umfeld, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, im Vereinsleben, auf der Straße und ihrer Freizeit, und dies mit einer Feindseligkeit und Aggressivität, die sie nie für möglich gehalten hätten.

Da wird vor ihnen getuschelt, beleidigendes Vokabular verwendet, oder auf den Boden gespuckt, da werden Parolen an die Fenster geschmiert: „Ungeimpfte unerwünscht!“ oder Sätze geäußert wie: „Ihr seid Mörder.“ Oder „Ihr gehört alle an die Wand gestellt und erschossen.“ 

 

 

Es gibt in meinem privaten Umfeld mehrere Personen, die sich untereinander nicht kennen, und die gegen kein Gesetz verstoßen und kein Recht gebrochen haben, und sich dennoch übereinstimmend wie Aussätzige behandelt und gemobbt fühlen, ohne dass man sie überhaupt mal nach den Gründen für ihre Haltung gefragt hat.  

Und die sehen sich mit Nazis und esoterischen Spinnern in einen Topf geworfen einem Volkszorn gegenüber, der sogar vor Handgreiflichkeiten und Übergriffen nicht zurückschreckt.

Aufgehetzt von Leuten wie Ärztechef Montgomery, der von einer (Zitat:) „Tyrannei der Ungeimpften“ sprach, oder von Karl Lauterbach, der meinte, dass (Zitat:) „diese Leute keine Achtung verdient“ hätten, und die mit einer solchen Sprache aber natürlich - iwo! - in keinster Weise zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen haben. 

Wir befinden uns im Jahr 2022 und stehen vor der Frage, wie 75 % der Bevölkerung die anderen 25 % behandelt, wie der Umgang einer Mehrheit mit einer Minderheit in unserem Land zurzeit eigentlich aussieht?

Und wenn ich mir angucke, wie viel in der Öffentlichkeit über Bedrohungen und Gewalt von Ungeimpften diskutiert wird, und mir dann angucke, wie viel in der Öffentlichkeit über Bedrohungen und Gewalt gegen Ungeimpfte, dann frage ich mich:

Ohjeh. Wie soll das eigentlich enden, wenn es denn mal endet?“

Euer 

HG.Butzko

Hier gehts zur Website von HG.Butzko