Das Katz und Maus-Spiel Putins sollte Europa nicht mitspielen

Russisches Gas fließt wieder nach Deutschland. Denn würde der russische Präsident alles auf null setzen, verlöre er seinen entscheidenden Trumpf auf einen Schlag und würde auch bei den letzten Putin-Verstehern in Ungnade fallen. Dennoch kann Europa nicht entspannt sein. Jeden Tag aufs Neue werden wir das Gänseblümchenorakel befragen müssen. Er liebt mich, er liebt mich nicht, konkret: Er liefert, er liefert nicht, noch konkreter: Wie viel liefert er und wie viel liefert er nicht.

Die permanente Gefahr, dass Europa über die Energie-Klippe in ein tiefes Wirtschafts-Loch fällt, die zunehmende „Kriegsmüdigkeit“ bei uns sowie die Angst, im Winter in der Wohnung seinen eigenen Atem sehen zu müssen, sprechen dafür, dass die westliche Sanktionskeule zukünftig mit weniger Schmackes geschwungen wird. Die Furcht der Politiker vor den Wählern ist groß.

Es ist zu hoffen, dass eine pragmatische Energiepolitik Raum greift, um Putin nicht weiter die energieseitige Destabilisierung Europas über Deutschland als Ankerstaat zu ermöglichen.

Jedes Springen über den ideologisch verseuchten Schatten, der durch viel Heuchelei und teilweise bewusst unsaubere Argumentation noch schattiger wird, würde Verbrauchern, Unternehmen, der Wirtschaft, dem Wohlstand und schließlich Aktien guttun. Kurze Frage: Woher kommt eigentlich der Strom, wenn im Winter Millionen von elektrischen Heizlüftern mit einer Leistung von jeweils zwei kW laufen? Und schon aktuell befinden sich die Strompreise auf Rekordniveau.

Gibt es in China bald wieder den Tag der offenen Tür?

Unzählige Industrieunternehmen aus Deutschland sitzen auf Aufträgen wie die Henne auf unausgebrüteten Eiern. Tatsächlich können diese aus Mangel an Vorprodukten aus China nicht abgearbeitet werden, sozusagen schlüpfen. Doch besteht die berechtigte Hoffnung, dass sich nach dem Parteitag der KP im Oktober, auf dem sich Xi Jinping als Corona-Besieger feiern lassen will, die Schotten wieder öffnen. Nicht zuletzt schädigt die Kasernierung China selbst, das von einer - wenn man ehrlich messen würde - Rezession heimgesucht wird. China kann auf den Außenhandel nicht verzichten.

Jede Lockerung wäre eine doppelte Freude für die Industrieunternehmen. Sie kämen wieder üppiger an Vorprodukte aus China und China wäre auch als Absatzmarkt wieder aufnahmefähiger. Diese Stimmungsverbesserung träfe auf konjunkturzyklische Aktien in Europa und speziell Deutschland, die längst eine scharfe Rezession einpreisen wie zum Beispiel Automobil- und Industriewerte.

Vor dem „Zins-Wendchen“ der EZB müssen sich Anleger nicht fürchten

Selbst wenn die EZB jetzt das erste Mal seit elf Jahren die Leitzinsen erhöht, sollte man nicht von epochal sprechen. Nähmen die „Währungshüter“ Inflationsbekämpfung gemäß klarem Auftrag ernst, müssten die Zinsen konsequent oberhalb der Inflationsrate angesetzt werden. Leitzinsen von über acht Prozent sind aber so unwahrscheinlich wie die Besiedlung des Saturns. Am Ende dieses Zinserhöhungszyklus, der vermutlich kurz, kürzer, am kürzesten verlaufen wird, werden die Realzinsen immer noch unter Wasser liegen. Damit sind kurzfristige Zinsanlagen beim besten Willen keine Anlagealternative zu Aktien, es sei denn, man ist masochistisch veranlagt.

Zinsangst kommt auch mit Blick auf Staatsanleihen nicht auf. Denn eine neue Schulden- bzw. Euro-Krise 2.0 wird die mit reichlich Barmherzigkeit für reformunwillige Länder ausgestattete Madame Lagarde in jedem Fall verhindern. Vor allem die Angst vor einem (finanz-)politisch angeschlagenen Italien, das die gesamte Eurozone in Mitleidenschaft ziehen könnte, ist ein „Killerargument“ gegen jede strikte Geldpolitik.

Mit dem wunderschönen Instrument „Transmission Protection Mechanism“ (TPM) wird die EZB zur Europäischen Zauber-Bank, die - Simsalabim - zu hohe, wirtschaftlich schädliche, obwohl bonitätsgerechte Renditeaufschläge von Euro-Süd gegenüber Euro-Nord weg hext. Zinssparer sollten auch zukünftig nicht die Zeche für eine Geldpolitik zahlen, die der Stabilität offensichtlich Hausverbot erteilt hat.

Immerhin, die leicht restriktivere Zinspolitik hat für die europäischen Aktienmärkte etwas Positives. Sie sorgt für eine Stabilisierung des Euros, der der importierten Inflation entgegenwirkt und ausländischen Anlegern die Angst vor Währungsverlusten bei Euro-Aktienengagements nimmt.

Die Fed ist von der schnellen Truppe

Für ihre Verhältnisse eher ungewöhnlich, aber die US-Notenbank macht mit ihrer Zinserhöhungspolitik kurzen Inflations-Prozess. Und das ist gut so: Statt Zinsangst lange aufrechtzuerhalten, was Finanzmärkte und Wirtschaft verunsichert wie einen hungrigen Fuchs, der um den Hühnerstall schleicht, will man das, was gemacht werden muss, schnell beenden. Diese Geldpolitik begünstigt zwar eine Rezession. Doch sobald die Inflation auf dem Rückzug ist, kann man wieder zügig an Zinssenkungen denken, was der kreditverliebten US-Wirtschaft gefällt. Überhaupt, ist Zinssenkungsphantasie nicht das schmackhafteste Salz in der Börsensuppe?

Die abebbende Zinsangst wird den Tech-Aktien zugutekommen. Mittlerweile hat sich deren Überbewertung auch relativ im Gleichklang mit der Normalisierung der Anleiherenditen drastisch beruhigt. Fundamental verfügen viele Tech-Unternehmen ohnehin über sehr valide Geschäftsmodelle, die zum Beispiel auf der weltweiten Rationalisierung aufgrund eines massiven Konkurrenzdrucks basieren. Es spricht viel dafür, dass die High-Tech-Branche, die den allgemeinen Almabtrieb der Aktienmärkte angeführt hat, auch die sein wird, die für den Auftrieb verantwortlich ist.

„Was heißt das für mich konkret!?“

Sicherlich bleibt das Börsenparkett aufgrund der vielen Unsicherheiten rutschig und schwankungsanfällig. Doch sollte die schwarze Stimmung, die unzählige Kapitalsammelstellen in unglaublich viel Cash baden lässt, die vorhandenen Lichtblicke wie günstige Aktienkurse nicht abdunkeln. Kauft man nicht auch jede Waschmaschine lieber günstig ein? Wir befinden uns in der Investitionsphase.

Insgesamt wird der Sommer die Erkenntnis liefern, dass der Gipfel des Börsenpessimismus hinter uns liegt und die Bodenbildung abgeschlossen ist.

Einen schönen Sommer und Glück auf!

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725