Man mag die Dreistigkeit kaum in Worte fassen, doch es ist immer wieder beeindruckend, wie einfach und perfide die Wirtschaftswelt doch funktioniert.

Noch bis vor wenigen Wochen – um genau zu sein bis zur Verlängerung der Atomlaufzeiten – haben sich die deutschen Stromkonzerne gegenseitig mit ihren zukunftsweisenden Plänen überboten, wer wann wie schnell die Hälfte seines Stroms per Windkraft erzeugen wird. Was haben wir sie nicht lieb gehabt.

Die Argumente für längere AKW-Laufzeiten hat man ihnen auch noch gerne geglaubt, den netten Stromerzeugern. Wir brauchen die Atomkraftwerke nur als „Brückentechnologie“. Sie soll uns nur so lange erhalten bleiben, bis wir genug Windräder installiert haben. Dann schalten wir sofort ab. Versprochen…

Und die Regierung hat das brav unterschrieben und die Stromkonzerne freuen sich und die Regierung freut sich und die Umwelt freut sich, dass jetzt so viele Windparks gebaut werden und überhaupt: alle freuen sich und liegen sich in den Armen… abgesehen von ein paar unverbesserlichen Schwarzsehern am Naherholungs-Unterwasser-See „Asse“.

Doch es dauert nur wenige Tage, da lässt die Wirkung des Kreidefressens beim Energiewolf nach und wir erkennen seine wahren Absichten.

Überschrift FTD heute: „EON hadert mit Hochseewindparks“. Nicht mal eine Schamfrist glaubt man einhalten zu müssen.

Plötzlich hält man die Pläne der Bundesregierung bis 2020 für 10 Gigawatt Offshoreanlagen zu bauen für unrealistisch und nicht erreichbar. Plötzlich gibt es viele Bedenken, technische Probleme und unvorhergesehene Hemmnisse, von Finanzierungsengpässen ganz zu schweigen.

EON selbst hat noch Anfang September verkündet, bis 2030 36% und bis 2040 50% des Stroms aus „erneuerbaren“ Energien zu gewinnen. Jetzt spricht man aber von den unrealistischen Plänen der BUNDESREGIERUNG. Die wird sich freuen wie ein Bettpfosten.

Aber irgendwie war das auch absehbar, finden Sie nicht?

Ein Offshore-Windpark kostet etliche Milliarden an Investitionen. Das muss erstmal hereingeholt werden, bevor es ans Verdienen geht. Gleichzeitig gibt es den Strom aus längst abgeschriebenen Atomkraftwerken quasi für lau. Also sofort großer Gewinn.

Wir haben ja in Europa keine Stromknappheit. Wenn also jetzt schnell viele Windparks ans Netz gingen, so wie es geplant war, dann müssten bald Atomkraftwerke oder Kohlekraftwerke heruntergefahren werden, weil wir zuviel Strom hätten (zumindest wenn´s windet). Das kostet also eine Menge Gewinn. Was liegt also näher, als die Inbetriebnahme von Offshore-Windparks möglichst lange hinauszuzögern und die fetten Gewinne aus AKW´s so lange wie möglich zu genießen. Und gegen Ende der nun verlängerten Laufzeit wird man betröppelt feststellen, dass leider noch gar nicht genug Windräder im Meer stehen, um die Versorgung zu gewährleisten – die Pläne der BUNDESREGIERUNG waren ja auch viel zu optimistisch – und wird erneut eine Verlängerung der „Brückentechnologie“ beantragen und durchwinken. Der Bürger hat bis dahin schon längst vergessen, was vor 10 Jahren war. Oder erinnern Sie sich noch an wirtschaftspolitische Entscheidungen aus dem Jahr 2000?

Clever war auch die Vorarbeit der Lobby. Bundesweit werden Onshore-Windparks massiv behindert. Obwohl eine Kilowattstunde Onshore-Stroms (Windanlagen an Land) nur halb so viel kostet wie eine Kwh Offshore-Srom (Windanlagen im Meer).

Warum? Ganz einfach: An Land könnte sich jeder Bauer 1 bis 10 Windspargel in die Botanik pflanzen und zum Nebenerwerbsstromerzeuger mutieren. Wir hätten eine dezentrale Stromversorgung und das Quasi-Monopol (Oligopol) der Stromkonzerne wäre in Gefahr. Also haben sie per Lobby-Arbeit dafür gesorgt, dass Offshore-Windparks subventioniert werden und Onshore-Windparks möglichst blockiert werden. Da diese Windparks im freien Meer Milliardeninvestitionen verschlingen, kann sich nicht mal eben ein Fischer einen Spargel ins Meer setzen. Und somit bleibt das Monopol für die Stromindustrie erhalten und sie können selbst entscheiden, wann sie einen Windpark ans Netz nehmen und wann nicht.

Wir können auch zusammenfassen: Vielen Dank, liebe Bundesregierung, für die Verlängerung der AKW-Laufzeiten, damit haben wir Deutschland im Bereich Windkraft um zehn Jahre zurückgeworfen.

Dass es anders geht zeigen China, Dänemark und sogar die Briten. 41% aller weltweiten See-Windanlagen sind in Großbritannien installiert, 30% in Dänemark und soeben hat Vattenfall vor England den größten Offshore-Windpark der Welt eröffnet. In Großbritannien gibt es offenkundig keine Bedenken, technische Probleme und unvorhergesehene Hemmnisse, von Finanzierungsengpässen ganz zu schweigen.