Dass die fallenden Öl- und Rohstoffpreise insbesondere unter Wall Street Banken für Turbulenzen sorgen würden, wurde jüngst in einem Vorbericht gemutmaßt. Es hat seitdem nicht lange gedauert, bis sich das erste Opfer unter den Großbanken geoutet hat. Und zwar handelt es sich in diesem Fall um die britische Großbank Standard Chartered, die im Angesicht der aktuellen Marktentwicklungen Milliarden von US-Dollars an Verlusten entgegenblickt. 

Es stellt sich die Frage, wann der Rohstoffcrash sich auch auf die Aktienmärkte auszuwirken beginnt. Denn das Gewinnwachstum wird sich in den kommenden Quartalen weiter deutlich abschwächen. Nicht nur im amerikanischen Einzelhandel bleibt seit Monaten kein Stein mehr auf dem anderen. Hinzu kommt, dass der US-Einzelhandel im Monat Dezember unter dem schlimmsten Verkaufsrückgang innerhalb der letzten 11 Monate litt.

Aber war nicht Weihnachten? Damit haben sich unsere Erwartungen zum diesjährigen Absatzgeschäft des amerikanischen Einzelhandels bewahrheitet. Weitere Massenentlassungen zu Beginn dieses Jahres sind die logische Folge. Doch nicht nur das. Wenn man bedenkt, dass der Gewinnentwicklungsgrad von Energiefirmen mehr als 10% zum gesamten S&P 500 Index beiträgt, könnte einem doch recht bange werden.

Hauptsächlicher Treiber der Aktienkursentwicklung in den USA waren in den vergangenen Monaten die Aktienrückkäufe von großen Unternehmen, die insbesondere auf Basis von frisch emittierten Schulden gekauft wurden. Neueste Schätzungen zeigen, dass Unternehmen im amerikanischen Energiesektor etwa 30% zum Wachstum dieser Aktienrückkäufe im Jahr 2015 beitragen sollten.

Doch dieser Party wird zurzeit ein dicker Strich durch die Rechnung gemacht. Wie zuvor berichtet, wird der heftige Preissturz an den Rohstoffmärkten ebenfalls zu einer Implosion der CAPEX-Investitionen führen. War da nicht etwas? Gaben Cheerleader an den Finanzmärkten nicht vor zwei Jahren, einem Jahr, ja gar noch vor wenigen Monaten die Parole aus, dass sich das CAPEX-Wachstum in den USA sehr bald beschleunigen würde?

Ich hatte daran stets meine Zweifel und hatte diese Zweifel anhand von sehr aussagekräftigen Datenstatistiken zu erklären versucht. Standard Chartered ist das erste Bankenopfer, das laut Reuters unter die Räder zu geraten droht.

Standard Chartered, dessen Management erst vor Kurzem weitreichende Entlassungen ankündigte und einen Komplettausstieg aus dem Eigenhandel mit Vermögenswerten verlautbarte, wird nun etwa $4,5 Milliarden benötigen, um Verluste aus dem Kreditgeschäft im Rohstoffsektor zu kompensieren. Sehr wahrscheinlich wird die Bank den Versuch unternehmen, sich das Geld über eine horrende Verwässerung der eigenen Aktie über die Kapitalmärkte zu beschaffen, wie es heißt.

Laut Reuters könnte es jedoch auch noch schlimmer kommen. Unter Bezugnahme auf eine Mitteilung der schweizerischen Bank Credit Suisse könnten die sich im Rohstoffsektor auftürmenden Verluste bei Standard Chartered gar zu einem Finanzbedarf von knapp $7 Milliarden führen. Neben einer Emission von neuen Aktien, durch die der Kurs von Standard Chartered weiter unter Druck geraten wird, könnte es laut Credit Suisse auch zu einer Reduzierung der jährlichen Dividendenzahlung kommen.

Dabei kommt diese Entwicklung keineswegs unerwartet, nachdem  sich die faulen Kredite auf dem Bilanzbuch von Standard Chartered im dritten Quartal deutlich ausweiteten. Schon damals zeichnete sich ab, dass die in London ansässige Bank hohe Verluste aus dem Geschäft mit Rohstoffkrediten entgegenblicken könnte, nachdem die Öl- und andere Rohstoffpreise in den freien Fall übergegangen waren..

Im kürzlich publizierten Stresstest der EZB wurde ein Szenario zugrundegelegt, das einen Kapitalbedarf bei Standard Chartered von $4,4 Milliarden vorsah. Dieser Kapitalbedarf liege laut Credit Suisse jedoch wohl um etwa $2,6 Milliarden zu niedrig. Der damalige Stresstest der EZB bezog noch nicht einmal ein Deflationsszenario mit ein, das in der Eurozone unter Bezug auf aktuelle Statistiken nun jedoch zur Realität geworden ist.

Nicht nur, dass Standard Chartered sehr wahrscheinlich nicht die einzige Großbank bleiben wird, die im Umfeld von deutlich gesunkenen Rohstoffpreisen hohen Verlusten entgegenblickt. Auch der jüngste Bankenstresstest der EZB dürfte sich – wie nicht anders zu erwarten – lediglich als Beruhigungspille für die Massen erweisen, die ihren Zaster doch bitte auf maroden Banken lassen sollen.