Zwar ist Kanadas Wirtschaft im dritten Quartal wieder aus der Rezession aufgetaucht, doch neueste Konjunktur- und Wirtschaftsdaten verheißen dem Ahornland nichts Gutes. Interessant ist ein neue Kapitalmarktstudie, die zeigt, dass Kanada unter einem massiven Kapitalabzug leidet, und zwar dem höchsten unter den zehn größten Industrieländern. Und dies hat seine Gründe. Denn der Staat hat die kanadische Wirtschaft über den Zeitraum der vergangenen Dekade viel zu stark an den Energie- und Ölmärkten ausgerichtet. Der scharfe Einbruch der Ölpreise mache eine ganze Reihe von Investments nun unprofitabel.

Im 1. Halbjahr erlebte Kanada zwei aufeinanderfolgende Quartale der BIP-Schrumpfung (ich berichtete), womit das Ahornland in die erste offizielle Rezession seit 2009 schlitterte. Selbst die Federal Reserve hat die ökonomischen Entwicklungen beim größten Handelspartner der Vereinigten Staaten auf Watch, wie Fed-Chefin Janet Yellen zuletzt mitteilte.

Im 3. Quartal konnte Kanadas Wirtschaft zwar um 0,6% gegenüber dem Vorquartal wachsen, womit ein temporäres Auftauchen aus der Rezession einherging. Doch die Wolken verdüstern sich schon wieder am kanadischen Himmel, da die Wirtschaft des Landes eine „komplexe und länger andauernde“ Transitionsphase durchlebt, die den stark gesunkenen Rohöl-, Gas- und Rohstoffpreisen geschuldet ist.

Dies waren die Worte, denen sich Bank of Canada am Mittwoch bediente, nachdem bekannt gegeben wurde, den Leitzins bei rekordniedrigen 0,5% zu belassen. Laut Analysten enthielten die verklausulierten Worte der Bank of Canada eine Warnung. Denn das durch Statistics Canada verkündete Wachstums im 3. Quartal enthielt auch einige Wermutstropfen. Einerseits schrumpfte die Wirtschaft im September gegenüber dem Vormonat erneut.

Und dies um drastische -0,5%. Die Konsenserwartungen unter Analysten rechneten hingegen mit einer Stagnation von 0%. Andererseits befinden sich die Investitionen im kanadischen Unternehmenssektor weiter im Sinkflug. Für das 4. Quartal verheißen diese Daten nicht allzu viel Gutes. Einmal mehr hatte der Minen-, Gas- und Ölsektor einen großen Anteil an der deutlichen BIP-Schrumpfung im Monat September.

Dieser für Kanadas Wirtschaft immanent wichtige Sektor schrumpfte im September um -5,1% während die Aktivitäten im Öl- und Gasfördersektor um 5,5% zurückgingen. Wie sich zeigt, erweist sich ein Abbau von Ölsanden im Angesicht der aktuellen Rohölpreise als zu teuer und kaum noch profitabel. Dies bekommt unter anderem die bis noch vor wenigen Quartalen boomende Provinz Alberta zu spüren, wo die gewerblichen Immobilienpreise ins Wanken geraten sind.

Gleichzeitig litt die rund um den Öl-, Gas- und Minensektor aktive Zuliefererindustrie unter einem Einbruch von 13%, was insbesondere den stark rückläufigen Bestellungen von Förder- und Bohrausrüstungen zuzuschreiben ist. Und so erwies sich die Produktion unter Kanadas Zuliefererbetrieben für die heimische Minen-, Öl- und Gasindustrie im September den fünften Monat in Folge als rückläufig.

Ein noch interessanterer Vergleich ergibt sich mit Blick auf dieselbe Periode des Vorjahres. Denn gegenüber September 2014 ist der Ausstoß in diesem immanent wichtigen Bereich laut Statistics Canada um -49% eingebrochen. Die Hoffnungen der Bank of Canada beruhen nun darauf, dass der starke Einbruch in der heimischen Minen-, Gas- und Rohölindustrie durch steigende Exporte in die Vereinigten Staaten ausgeglichen wird.

Und daran soll der kanadische Dollar seinen Anteil haben, der sich in den letzten Quartalen in Relation zum US-Dollar deutlich im Außenwert reduziert hat. Und der Loonie dürfte weiter unter Druck geraten, falls die Federal Reserve ihren Leitzins am 16. Dezember tatsächlich erstmals seit dem Jahr 2006 anheben sollte. Neue Daten zur Entwicklung der Kapitalströme wurden kürzlich durch die Bank of America Merrill Lynch veröffentlicht.

Und dies Daten hatten es in der Tat in sich. Danach hat sich eine Maßzahl, die sich aus der kanadischen Kapitalbilanz und der Leistungsbilanz zusammensetzt (inkludiert Kapitalströme vom internatonalen Handel bis zu den Finanzmarktströmen) zum Stichtag Ende Juni dieses Jahres innerhalb der letzten zwölf Monate von einem Überschuss in Höhe von +4,2% des BIPs in ein Defizit von -7,9% verwandelt. Damit blickt Kanada auf eine mit hohem Tempo voranschreitende Verschlechterung seiner Kapitalströme bzw. auf horrende Kapitalabzüge und nimmt in einem Ranking der zehn größten Industrieländer der Welt Platz 1 ein.

In einem Bloomberg-Bericht hieß es dazu, dass das Kapital das Ahornland mit der schnellsten Geschwindigkeit in einem Vergleich mit den größten Industrieländern verlasse, da der mehr als zehn Jahre anhaltende Rohstoffboom zu einem jähen Ende gekommen sei. Nun, werte Leser, all dies war vorhersehbar, gerade auch mit Blick auf Brasilien, Australien, Mexiko & Co. Wir hatten Sie in den vergangenen zwei bis drei Jahren auf das Ende dieses Booms in einer Vielzahl von Berichten eingestimmt.

Für Kanada stellt sich die Frage, welcher Wirtschaftssektor das Zepter zukünftig übernehmen soll. Die Immobilien- und Baubranche gewiss nicht, die auf eine Blase ungeahnter Ausmaße blicken, und die in Alberta wohl bereits am Platzen ist. Laut Analysten seien es insbesondere einheimische Investoren, die Geld ins Ausland transferierten. Denn der Staat habe den großen Fehler begangenen, die kanadische Wirtschaft über den Zeitraum der vergangenen Dekade viel zu stark an den Energie- und Ölmärkten auszurichten. Der scharfe Einbruch der Ölpreise mache eine ganze Reihe von Investments nun unprofitabel.