Vielleicht erinnern sich manche Leser noch an die im Frühjahr dieses Jahres durch US-Präsident Barack Obama in Richtung Russland ausgesprochene Drohung, nach der die Vereinigten Staaten unter Umständen auch einen internationalen Ölkrieg vom Zaun brechen würden, um geopolitische Ziele auf Kosten anderer Mächte zu erreichen. Bereits zum damaligen Zeitpunkt führte diese Ankündigung zu nicht mehr als einem müden Lächeln und Kopfschütteln im Moskauer Kreml. Wie sich heute zeigt, zu Recht.

Wie Russlands Staatspräsident Putin ehedem erklärte, könne sein Land selbst mit Ölpreisen um die $70 noch recht gut leben, während die Fracking-Förderer in den Vereinigten Staaten bei diesen Preisen hingegen fast allesamt Bust gehen würden. Mit dem viel bejubelten Boom im amerikanischen Fracking-Sektor wäre es spätestens ab diesem Zeitpunkt vorbei.

Den Beginn eines globalen Ölkriegs hat es bislang nicht gebraucht, um US-Rohöl zum Ende der vergangenen Woche unter die Marke von $90 pro Fass sinken zu lassen. Vielmehr dürften sich sowohl die globale Nachfrageschwäche als auch die wachsenden Bedenken über einen sich beschleunigenden Abschwung in China als weitaus preisbestimmendere Ereignisse erweisen als die leeren Drohungen aus Washington.

Wie dem auch sei, schon das Sinken des amerikanischen Rohölpreises unter die Schwelle von $90 hat die Ängste unter den in den Vereinigten Staaten aktiven Fracking-Förderern forciert, die nicht nur unter einer immens hohen Verschuldung leiden, sondern in vielen Fällen auch einen Rohölpreis von mindestens $80 benötigen, um wirtschaftlich und profitabel abbauen zu können. 

Bereits vor dem jüngsten Ölpreissturz war schon eine ganze Reihe von Fracking-Förderern in den USA durch eine Pleite bedroht. Hinzu kam, dass die Förderprognosen für das Monterey-Feld durch die U.S. Energy Administration um satte 90% gesenkt wurden (ich berichtete). Die aktuellen Ölpreise dürften die Liste der durch eine Pleite bedrohten Unternehmen in den USA vergrößern.

Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in einigen Ländern Europas dürften die mit der Ölförderung verbundenen Steuereinnahmen schon bald deutlich niedriger ausfallen als ehedem prognostiziert, falls sich die Preise nicht bald wieder deutlicher erholen sollten. Was für die Fracking-Unternehmen in den USA gilt, zählt ebenso für eine ganze Reihe von Offshore-Unternehmen, die beispielsweise vor Europas Küsten nach Öl suchen.

Alle Augen sind nun unter anderem auf das im kommenden Monat stattfindende Treffen der OPEC gerichtet, deren Mitglieder durchaus Produktionskürzungen bekannt geben könnten, um die Preistalfahrt zu stoppen. Dafür spricht sich beispielsweise der Iran aus, dessen durch diverse Sanktionen des Westens getroffene Wirtschaft stabile oder hohe Ölpreise benötigt, um durch Exporterlöse wichtige Importe zu finanzieren.

Die Golfstaaten können dem aktuellen Ölpreisrückgang hingegen gelassener entgegenblicken. Immerhin hatten diese Länder Multimilliardenbeträge über ihre Staatsfonds im überseeischen Ausland investiert als die Zeiten noch besser waren. Obwohl Saudi-Arabien über die weltweit niedrigsten Produktionskosten verfügt, hatte das Land seinen Output über die Sommermonate bereits reduziert.

Fraglich wird sein, ob die aktuelle Preisentwicklung – sollte sie anhalten – die Investitionen im Ölsektor auf dem jetzigen Niveau halten wird. Experten rechnen vielmehr damit, dass nicht nur Firmen, sondern auch ganze Länder in große Probleme geraten könnten, falls sich der Ölpreisrückgang noch weiter forcieren würde.

Verbraucher dürften sich in diesem Fall gewiss über weiter sinkende Benzinpreise freuen, während eine Reihe von Finanzministern vor die Frage gestellt würde, auf welche Weise deren teils extrem hohe Budgetdefizite und die bereits geplanten (Steuer-)Einnahmen kompensiert werden können, nachdem die Realität den vorherigen Schätzungen einmal mehr einen Strich durch die Rechnung zu machen scheint.