Teil I: Die Kriegsgegner

 

Der entschlossene Einsatz der bizarren Koalition, die sich aus Katar, Saudi-Arabien, der Türkei und Frankreich zusammensetzt, das Regime von Baschar al-Assad zu stürzen, hat weniger mit aufrichtigem Interesse an Demokratie oder an den Menschenrechten der syrischen Bevölkerung zu tun. Es gibt Anzeichen, dass ein neuer Krieg über die Kontrolle von Energie eine ausschlaggebende Rolle in dem sich entfaltenden und äußerst gefährlichen Drama im Nahen Osten spielen könnte. Die Gefahr einer Ausbreitung des Kriegs ist so ernst wie noch nie. Die Türkei ist ein NATO-Mitglied und deren Charta besagt ausdrücklich, dass ein Angriff gegen einen NATO-Staat ein Angriff gegen alle bedeutet. Die Tatsache, dass die beiden Atommächte Russland und China die Verteidigung des Assad-Regimes zu einer strategischen Priorität gemacht haben, bringt die Möglichkeit eines Weltkriegs näher als die meisten von uns es sich vorstellen wollen.

 

In einer Untersuchung über die rivalisierenden Streitkräfte in der Region machte der ehemalige CIA-Analyst Philip Giraldi folgende vorausschauende Beobachtung:

Die NATO hat sich bereits heimlich in den syrischen Konflikt eingeschaltet, während die Türkei als Vertreter der USA die Führung übernimmt. Ankaras Außenminister, Ahmet Davutoglu gab öffentlich zu, dass sein Land darauf vorbereitet ist, sobald es eine Einigung unter den westlichen Verbündeten gibt, in Syrien einzumarschieren. Der Eingriff würde auf humanitären Grundsätzen basieren, nämlich auf der Verteidigung der Zivilbevölkerung aufgrund der „Schutzverantwortung“-Doktrin, auf die sich berufen wurde, um Libyen zu rechtfertigen. Türkische Quellen behaupten, dass ein Eingriff mit der Errichtung einer Pufferzone entlang der türkisch-syrischen Grenze beginnen würde, die dann erweitert werden würde. Aleppo, Syriens größte und weltoffenste Stadt, wäre das von den Befreiungskräften anvisierte Kronjuwel.

 

Ungekennzeichnete Kampfflugzeuge der NATO treffen bei türkischen Militärbasen in der Nähe von Iskenderum an der syrischen Grenze ein, die Waffen aus den Depots des verstorbenen Muammar al-Gaddafi im Gepäck haben. Ihnen folgen außerdem Freiwillige des libyschen Nationalen Übergangsrats, die besondere Erfahrung dahingehend besitzen, freiwillige Einheimische gegen ausgebildete Soldaten auszuspielen. Diese Fähigkeit erlangten sie, als sie gegen Gaddafis Armee kämpften.

 

Iskenderum ist gleichzeitig der Sitz der Freien Syrischen Armee, der bewaffnete Flügel des Syrischen Nationalrats. Französische und britische Ausbilder von Sondereinsatzkommandos sind vor Ort und unterstützen die syrischen Rebellen, während die CIA und Spezialkommandos der Vereinigten Staaten Spionage- und  Kommunikationsausrüstung zur Verfügung stellen, um die Rebellen zu unterstützen. Dadurch wird den Kämpfern ermöglicht, eine allzu große Konzentration syrischer Soldaten zu vermeiden. [1] 

 

Die geopolitische Dimension

 

Die wesentliche Frage lautet hier, was die Türkei, Saudi-Arabien und Katar zu einem von der NATO unterstützten Bündnis zusammenbringen konnte und mit Syrien, Iran, Russland und China auf der anderen Seite in eine solch tödliche Konfrontation über die politische Zukunft Syrien ausartete? Eine Antwort ist die globale Energiepolitik.

 

Was noch nicht vollständig in geopolitischen Einschätzungen über den Nahen Osten anerkannt wird, ist die dramatisch ansteigende Wichtigkeit über die Kontrolle von Erdgas, nicht nur für die Zukunft der gasfördernden Ländern des Nahen Osten, sondern auch für die der EU und Eurasien, unter anderem mit Russland als Produzenten und China als Konsumenten.

 

Erdgas ist schnell zur „sauberen Energie“ erster Wahl geworden, um die nuklear- und kohlebasierte Stromerzeugung überall in der Europäischen Union zu ersetzten, besonders seit der Entscheidung Deutschlands für den Atomausstieg nach der Katastrophe in Fukushima. Gas wird als viel „umweltfreundlicher“ bezüglich seiner sogenannter „CO2-Bilanz“ angesehen. Der einzige realistische Weg für die Regierungen der EU, von Deutschland nach Frankreich bis Italien und Spanien, die von der EU angeordneten Ziele zur CO2-Reduktion bis 2020 zu erreichen, besteht aus einem unumgänglichen Wechsel zur Verbrennung von Gas anstatt von Kohle. Gas verringert gegenüber Kohle die CO2-Emissionen um 50% bis 60%. [2]

 

 Da der wirtschaftliche Aufwand bei der Nutzung von Gas sehr viel niedriger ist als bei Wind- oder anderer alternativer Energie, wird Gas zusehends zur nachfragestärksten Energie der EU, die in Sachen Gas der weltweit größte Wachstumsmarkt ist.

 

Die Entdeckungen von immensen Gasressourcen in Israel, Katar und Syrien und das Hervortreten der EU als potenziell weltgrößter Konsument von Erdgas erzeugen zusammen das explosive Gemisch des gegenwärtigen geopolitischen Konflikts gegen das Assad-Regime…

Wird in Teil 2/4 fortgesetzt…

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Fußnoten und Verweise:

[1] Philip Giraldi, NATO vs Syria, 19. Dezember 2011, The American Conservative, via

http://www.theamericanconservative.com/articles/nato-vs-syria/

 

[2] Alexander Medwedew, Role of Gas in a Sustainable Energy Future, 2nd Ministerial Gas Forum, Doha, Katar, 30. November 2010