Herzlichen Glückwunsch. Sie haben geklickt. Das ist schon einmal der wichtigste Teil modernen Journalismus. Irgendwo zwischen Schlagzeile, Scrollbewegung und leichtem Stirnrunzeln haben Sie entschieden: Das lese ich jetzt. Gratulation. Genau so funktioniert das Spiel. Die Überschrift hat Sie also gepackt, der Algorithmus nickt zufrieden, und ich darf jetzt ein paar Absätze lang so tun, als wüsste ich, worum es geht. Ob man das ernst nehmen muss? Nicht unbedingt. Oder vielleicht gerade doch...
Künstliche Intelligenz wird immer mehr das digitale Helferlein mit Preisliste, AGB und Update-Intervall. In der Gratisversion fühlt sie sich an wie die Revolution im kostenlosen Probemonat – man ist begeistert, euphorisch und erzählt es dem Nachbarn. In der Abo-Variante ist sie dann tatsächlich eine Revolution. Allerdings mit monatlicher Abbuchung und der leisen Erkenntnis, dass Fortschritt inzwischen im Lastschriftverfahren erfolgt.
Wie gut, dass es Donald Trump gibt. Kaum eine Figur eignet sich so zuverlässig als politischer Blitzableiter. Wer Dampf ablassen will, findet bei ihm reichlich Zielscheiben: Frisur, Tonfall, Deals, Größenfantasien. Man kann sich an ihm abarbeiten wie am Sandsack – und übersieht dabei bequem die eigenen Baustellen. Die überwiegend links sortierten Genossen in den Redaktionsstuben bekommen zuverlässig neue Steilvorlagen, um ihren Schäfchen zu erklären, was wichtig und was richtig ist.
Börsen sind keine Raketenwissenschaft. Sie folgen einem Prinzip, das sogar in Ministerien grundsätzlich bekannt sein dürfte: Angebot, Nachfrage, Preis. Wird etwas knapp, steigt der Preis. Gibt es zu viel davon, fällt er. Mehr braucht es nicht. Märkte reagieren nicht auf Absichtserklärungen, sondern auf Realitäten. Diese Preise sind handelbar. An den Börsen.
Olympische Medaillen sind das wohl teuerste Missverständnis der Gegenwart. Sie hängen schwer um den Hals, glänzen im Scheinwerferlicht und sollen Wert symbolisieren. In Wahrheit symbolisieren sie vor allem, wie weit man mit sechs Gramm Wahrheit, 494 Gramm Hoffnung und einer guten PR-Abteilung kommt.
Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.“, sagte Karl Valentin. Er hatte Humor. Und Erfahrung. Beides hilft auch beim Blick auf die Börse – besonders dann, wenn Behörden warnen. Die Finanzaufsicht BaFin tat das in der vergangenen Woche wieder einmal. Sie warnte vor Turbulenzen. Davon ist zwar weit und breit nichts zu sehen, aber warnen kann man ja immer. Sicher ist sicher. Nichts ist peinlicher, als nach dem Knall zu erklären, man habe leider nichts gehört. Also lieber vorher trommeln. Prävention durch Pressemitteilung. Deutschlands liebste Form der Risikovorsorge.
Die PISA-Ergebnisse zeigen einen historischen Leistungsabfall deutscher Schüler – doch statt Ursachen zu analysieren, werden Ausreden gepflegt. Während Kompetenzen sinken, steigen die Schulnoten weiter. Ein schonungsloser Blick auf die Zahlen und Hintergründe.
In Davos wurde wieder ernst geschaut. Sehr ernst. So ernst, wie Menschen schauen können, die gerade Champagner trinken und dabei über Ungleichheit diskutieren. Es ist dieser besondere Blick zwischen Weltschmerz und Bonuszahlung. Die Betroffenheitsmesse lief auf Hochtouren. Drinnen Häppchen, draußen Haltung. Drinnen Netzwerken, draußen Narrative. Der Ablauf ist ritualisiert wie Weihnachten: Erst die Oxfam-Studie mit den vielen Milliardären, dann das kollektive Nicken, anschließend eine Rede von Donald Trump mit zuverlässig anschließender medialer Empörung – und zum Schluss der Rückflug im Privatjet. Nachhaltig, versteht sich. Zumindest moralisch.
Wir haben es wirklich gespürt. Die deutsche Wirtschaft ist 2025 gewachsen. Um 0,2 Prozent. Ein ganz feines Kribbeln, irgendwo zwischen Statistischem Bundesamt und kollektiver Selbsttäuschung. Früher hätte man so etwas als Messfehler weggelächelt. Heute nennt man es Aufschwung. Ich spreche das Wort vorsichtig aus, wie man ein krankes Haustier streichelt: Bloß nicht zu fest, sonst ist es wieder tot.
Das neue Jahr steht dem alten in nichts nach. Die USA entführen einen Staatspräsidenten, wollen sich jetzt Grönland einverleiben und entern russische Öltanker. China beschränkt den Export wichtiger Rohstoffe und hat auch sonst einiges zu bieten, was wir früher mal hatten – und wo wir heute nur noch moralisch mithalten können.
Das neue Jahr fühlt sich schon wieder erstaunlich abgenutzt an. Keine Sorge: 2026 wird zwar wirtschaftlich schlechter als 2025, aber immerhin noch besser als 2027. Man muss ja Prioritäten setzen. Über Jahre hinweg haben wir von der Substanz gelebt, jetzt leben wir von den Sondervermögen. Der Unterschied ist rein semantischer Natur – finanziell fühlt es sich ungefähr so an, als würde man den Dispo umbenennen.
Man muss es mögen, dieses Land der kognitiven Dissonanzen. Deutschlands Wirtschaft liegt am Boden, aber der DAX legte in diesem Jahr 22 Prozent zu. Was für ein Börsenjahr! Offenbar fühlt sich Kapital dort am wohlsten, wo es nichts mit der Realität zu tun hat oder mit diesem Land, in dem wir so gut und gerne leben. Während Fabriken dichtmachen, Aufträge wegbrechen und der Mittelstand nervös an den Rollos zerrt, wird an der Börse gefeiert. Vielleicht ist Geld einfach ein scheues Reh, das die staatliche Umgebung als große Gefahr sieht, wobei: frische Schulden ziehen auch Unternehmen an wie Blut die Moskitos.
„Die Lage war noch nie so ernst“, sagte oft Bundeskanzler Konrad Adenauer. Diese Skepsis findet sich auch in Börsenprognosen für 2026. Man verweist unter anderem auf das Ende der Premium-Partnerschaft Europas mit den USA, die deutsche Wirtschaftskrise und Überbewertungen bei Hightech. Aber auch 2025 war nicht ohne Risiken und Schwankungen. Wer aber seine Emotionen im Griff hatte und Chancen erkannte, erzielte eine sehr gute Performance. Und gegen Kursschwankungen gibt es ein schönes „Geschenk“.
Es gibt Tage, da will man keine Nachrichten mehr lesen. Verständlich: Zwischen Firmenpleiten, steigenden Arbeitslosenzahlen und ständig höheren Preisen fragt man sich, ob wir nicht längst in einer Parodie leben. Das meiste steht ohnehin hinter einer Paywall. Was die Öffentlichkeit erfahren soll, erfährt sie. Wenn sie es überhaupt interessiert.
Vielen Städten und Gemeinden stehen in finanzieller Hinsicht schwere Jahre bevor. Bereits im vergangenen Jahr stieg das Defizit auf kommunaler Ebene stark an und dieser Abwärtstrend ist ungebrochen. Noch erschreckender als die Entwicklung der Einnahmen ist der Anstieg der Ausgaben.
Obwohl die Inflation näher bei drei als bei zwei Prozent liegt, senkte die Fed ihren Leitzins zum dritten Mal hintereinander um 0,25 Prozentpunkte auf jetzt 3,75 Prozent. Auch 2026 bleibt sie geldpolitisch locker. Aufgrund eines weniger robusten Arbeitsmarkts und der dramatischen Staatsverschuldung werden Konjunktur- und Finanzmarktstabilität Priorität vor Preisstabilität eingeräumt. Und mit einem ab Mai 2026 neuen taubenhaften Fed-Chef bleiben US-Aktien erst recht geldpolitisch gut geschmiert.
Wird 2026 das Jahr, in dem Deutschland mit einer Wunderkerze den Hausbrand löschen will? Fakt ist: Der DAX feiert Auslandserfolge, während die Heimatwirtschaft im Bürokratie-Stau verkohlt. Viel Glanz an der Börse, wenig Licht im Land – aber dafür reichlich politische Teelichter zur Beruhigung.
„Black Friday“ jetzt auch am Montag – aber nur digital. Offiziell heißt das „Cyber Monday“, inoffiziell jedoch „Globaler Shopping-Reflex mit WLAN-Zugang. Millionen Menschen stürzen sich auf Angebote, die angeblich ihr Leben verbessern, aber zuverlässig nur eines tun: die Wohnung mit Dingen vollstellen, die man so dringend braucht wie ein drittes Kniegelenk. Man kauft Dinge, die man nicht braucht, mit Geld, das man nicht hat, um Leuten, die man nicht kennt, zu zeigen, wie modern man konsumiert. Und weil das noch nicht absurd genug ist, behaupten manche sogar, sie würden damit „die Wirtschaft ankurbeln“. Das ist, als würde man sich freiwillig dreimal täglich den Kopf an die Wand schlagen, um die Tapetenindustrie zu unterstützen.
Der letzte Mittwoch war mal wieder so ein Schicksalstag. Einer von vielen. Nvidia – dieses gottgleiche Tech-Monster, inzwischen größer als das deutsche BIP, aber mit deutlich besseren Zukunftsaussichten – verkündete Zahlen. Analysten, Experten und andere Börsen-Orakel taten im Vorfeld so, als hinge das Schicksal der Menschheit an diesem Quartalsbericht. Man hätte meinen können, ein fehlendes Etwas im Earnings-Call würde ein Schwarzes Loch erzeugen. Und was geschah? Natürlich nichts. Wir leben noch. Zumindest bis zu den nächsten „Zahlen zum Verbraucherpreisindex“ oder dem großen Zinsschock deluxe.
Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen. Kaum hat er eine neue Religion abgeschafft, erfindet er die nächste. Früher glaubte man an Gott, dann an den Fortschritt, dann an den Markt – und nun an den Algorithmus. Der neue Messias heißt „KI“. Er wohnt nicht im Himmel, sondern in der Cloud. Und wer heute noch nicht an die künstliche Intelligenz glaubt, gilt als Ketzer, Technikverweigerer oder – besonders schlimm – als analog.
Im Sommer sollte die Stimmung doch wieder steigen. Nein? Dann kam der „Herbst der Reformen“. Und was kam wirklich? Nichts. Während die Bürger auf Reformen warten – also auf tiefe Einschnitte –, liefert die Regierung heiße Luft bei sinkender Raumtemperatur. Muss der Klimawandel sein. Mit meinen frisch gepflanzten Tomaten im Oktober wird es wohl nichts. Auf nichts kann man sich verlassen – außer auf den politischen Leerlauf und die Zahlungen ans Ausland. Nach dem Winter kommen dann wieder die blühenden Landschaften...
In der Medienlandschaft zeigt sich weltweit ein genereller, gut erkennbarer Trend. Ehemals führende Mediennetzwerke verlieren laufend Zuschauer oder Leser. Im Gegenzug gewinnen offene Plattformen zunehmend an Boden.
Wann beginnt Reichtum? Wenn das Konto überquillt? Wenn der Nachbar plötzlich höflicher grüßt? Oder wenn die Bank-App beim Öffnen eine Triggerwarnung einblendet: „Achtung, Ihr Kontostand könnte Neid auslösen.“?
Das billigste Auto ist bekanntlich das, welches man nicht kauft. Auch beim Strom sollte ein sinkender Verbrauch zu Ersparnissen führen. Die aktuelle Entwicklung deutet jedoch auf höhere Preise bei zunehmenden Risiken für die Versorgung hin. Eine unattraktive Mischung.
Langsam tauchen sie wieder auf, die altbekannten Wendehälse, die plötzlich entdecken, dass Gold vielleicht doch nicht nur für spleenige Verschwörungstheoretiker und Zahnkronen taugt. Genau die Leute, die bei 1.000 Dollar pro Unze warnten, es sei „zu teuer“. Bei 2.000 Dollar wiederholten sie den Unsinn. Und bei 3.000 Dollar predigten sie, der Absturz stünde unmittelbar bevor. Und nun? Nun stehen sie ratlos vor den Charts und überlegen tatsächlich, ob es nicht doch schlau wäre, ein paar Unzen ins Depot zu legen – natürlich viel zu spät und garantiert zum Höchstkurs.
Die Börsen scheinen derzeit unter chronischer Langeweile zu leiden. Keine Impulse, keine Panikattacken, keine Euphorie – als hätte jemand das Parkett mit Baldrian eingerieben. Einzige Ausnahme: KI- und Tech-Aktien, die weiterhin wie hyperaktive Kinder durch die Gegend hüpfen. Die Notenbanken lieferten bis Freitag eher Kabarett als Orientierung. Mal wurden Zinsänderungen angedeutet, mal wieder nicht – das Ganze wirkt wie eine Dauerwiederholung von „Dinner for One“: derselbe Ablauf, nur mit schlechter Pointe.
Das war früher Leitmotiv deutscher Regierungen. Für notwendige Veränderungen haben sie oft dem Gemeinwohl Priorität vor dem Parteiwohl eingeräumt. Die Wählerschelte für auch schmerzhafte Einschnitte haben sie in Kauf genommen. Mit Blick auf schwache Umfragen und geringe Parteibindung befinden sich die politischen Überzeugungstäter heutzutage jedoch im Rückzug. Doch führt kein Weg an umfänglicher Reformpolitik vorbei, wenn es wirtschaftlich und auch gesellschaftspolitisch nicht noch schlimmer werden soll.
Draußen verflüssigt sich der Asphalt und im Supermarkt türmen sich Lebkuchenberge. Weihnachten mitten im Hochsommer! An der Börse herrscht ohnehin Dauer-Advent mit täglicher Bescherung, zumindest für alle mit dem richtigen Geschenkpapier. Wer dagegen in deutsche Industrie, Autos oder Konsum investierte, bekam eher eine leere Schachtel mit „Frohe Pleite“ drauf.
Endlich gute Nachrichten! Der DAX tanzt, in den Chefetagen steigt die Stimmung, als hätte man Red Bull in die Druckerfarbe gemischt. Milliarden stehen im Schaufenster, bereit, „verbaut“ zu werden. Man denkt: Nach einer langen Nacht politischer Irrlichter dämmert der Morgen. Nur fragt man sich: Ist das die Sonne – oder brennt es schon?
Herzlichen Glückwunsch, Deutschland! Wir haben es geschafft – oder besser: Wir wurden geschafft. Die Staatsquote kratzt nun ganz offiziell an der magischen 50-Prozent-Marke. Genauer gesagt: 49,5 Prozent im Jahr 2024, wie das Statistische Bundesamt kürzlich verkündete. Die Tendenz? Natürlich steigend. Die 50 ist keine Frage mehr des Ob, sondern des Wann.
Bei manchen Demonstrationen kann man neben der adressierten Thematik auch den Veranstaltungsort hinterfragen, an dem die Forderungen an „die Gesellschaft“ vorgetragen werden. Besonders bemerkenswerte Beispiele hierfür liefern die Bereiche Energie und Bevölkerungswachstum.
Auch wenn es vorübergehend mal kühler ist – die nächste Hitzewelle kommt bestimmt. Wir werden verglühen! Wie neulich, bei 36 Grad – eine hervorragende Gelegenheit, kollektiv durchzudrehen. Kaum steigen die Temperaturen, werden wir wieder mit den üblichen Hitzewarnungen zugedröhnt: „Viel trinken, wenig bewegen, Sonnencreme auftragen – oder gleich die CO₂-Steuer entrichten.“ Immerhin gibt es jetzt eine neue, wunderbar bequeme Ausrede dafür, warum die deutsche Wirtschaft derzeit lahmt wie ein Büroventilator in der Mittagshitze: Produktivitätsverluste durch Hitzewellen. Klingt super. Fast schon medizinisch.
Ein schöner Name für ein deutsches Nachrichtenmagazin wäre „Der Zerrspiegel“. Ähnlich wie diese Attraktion aus der frühen Zeit der Jahrmärkte bietet manches Format hierzulande ebenfalls verbogene, teils groteske Darstellungen der Realität. Ein gutes Beispiel liefert die Darstellung der letzten US-Wahl.
Ganze 13 Prozent hat er seit Jahresbeginn gegenüber dem US-Dollar zugelegt – und auch gegenüber anderen Währungen zeigt er Muskeln. Das klingt beeindruckend. Zumindest für Menschen, die morgens beim Kaffee gerne FX-Charts frühstücken. Der gemeine Bürger hingegen steht beim Discounter an der Kasse, starrt auf den Kassenzettel und fragt sich: „Starker Euro? Warum kostet der Käse dann 4,99 – und das Toilettenpapier so viel wie früher das Abendessen?“ Gute Frage. Die ehrliche Antwort: Weil dieser Euro-Erfolg mit uns ungefähr so viel zu tun hat wie der Literaturnobelpreis mit dem Twitter-Account von Friedrich Merz.
Normalerweise tobt im Sommerloch der Wahnsinn in Gummistiefeln: Ein Kaiman planscht im Freibad, eine Python streift durchs Neubaugebiet – irre, aber harmlos. Doch dieses Jahr ist selbst das Sommerloch auf Tauchstation. Statt Reptilien auf Abwegen gibt’s Raketen im Nahen Osten. Israel bombardiert präzise, der Iran droht theatralisch – und die USA hielten sich bis jetzt raus.
Am Freitag wurde „unsere“ Schuldenuhr 30. Herzlichen Glückwunsch, du leuchtendes Mahnmal deutscher Finanzvergesslichkeit. Seit 1995 blinkt sie unermüdlich vor sich hin – erst still und meistens ignoriert. Damals bei 1.000 Milliarden Euro gestartet, steht sie heute bei rund 2.549 Milliarden. Ohne Schattenhaushalte. Das sind doch nur 0,002549 Billiarden Euro – klingt niedlich, ist aber eine atomar verpackte Haushaltssprengladung.
Schulden sind die klebrigen Rückstände, die bleiben, wenn man Geld borgt und ausgegeben hat. Und nein, die USA sind nicht pleite. Sie sind einfach nur – kreativ. Oder, wie der Hobbyökonom es ausdrücken würde: Sie haben mehr Schulden als ein Ministerium Aktendeckel. Bei 36,2 Billionen US-Dollar Schulden brauchen die USA kein Geld – sie brauchen einen Plan, um mit dem potenziellen Desaster kreativ umzugehen. Ein Schuldenschnitt? Undenkbar. Dann doch lieber die Druckerpresse mit Turbolader oder – eleganter – eine Zentralbank mit gelockertem Gewissen.
Uns ging’s schon mal besser. Zum Beispiel damals, als kaputte Innenstädte noch ein Alleinstellungsmerkmal des Ostens waren – und nicht Standard westdeutscher Stadtzentren mit Ein-Euro-Läden, Shisha-Bars und leergefegten Ladenzeilen. Damals, als ein Schaufenster noch einladend war – und nicht als Mahnmal aus Pappkartons und Pleiteankündigungen diente. Wo es heute noch rundläuft, ist ausgerechnet die Börse. Der DAX grüßt täglich mit neuen Rekorden. Zwei Billionen Euro schwer – als hätte er im Lotto gewonnen und den Jackpot gleich dreimal geknackt. Und der Bürger?
Zu Beginn meiner Kabarettlaufbahn, als ich noch jung und knackig war, habe ich zu fast jedem Thema meinen Senf dazugegeben, weil es mir unter den Nägeln brannte und in den Fingern juckte…
Die neue Bundesregierung ist im Amt. Mit tatkräftiger Hilfe der Linken, die man vorher noch als brandgefährlich abgelehnt hatte – aber hey, was kümmert einen das Geschwätz von gestern, wenn die Macht lockt? Im zweiten Anlauf hat’s geklappt. Applaus, Schulterklopfen, Selfies mit Amtssiegel – wie bei einer Influencer-Wahlparty. Und jetzt? Natürlich sagt der politische Anstand: erst mal 100 Tage Schonfrist. Doch diese Regierung hat keine 100 Tage. Nicht mal zehn. Denn die Zeit läuft rückwärts.
Hand aufs Herz, wann haben Sie zuletzt eine Straßenkarte statt eines Navis oder einer Navi-App benutzt? Wann hat jemand von uns, statt Google und Co zu befragen, in ein haptisch fassbares Lexikon geschaut? KI, Navi & Co erleichtern uns den Alltag – aber zu welchem Preis? Wer digitalen Helfern blind vertraut, riskiert Fehlinformation, Denkfaulheit und falsche Entscheidungen. Ein Plädoyer dafür, auch wieder die eigenen Fähigkeiten zu stärken, statt sie stets an Algorithmen auszulagern.
Der DAX tanzt weiter – weder elegant, noch im Dreivierteltakt, eher wie jemand, der zu lange auf einer Hochzeit geblieben ist. Im „Crashmonat“ April ging es immerhin um 1,5 Prozent nach oben, seit Jahresbeginn satte 16 Prozent. War da was im April? Der nächste Rekord steht längst an, als wäre die Welt draußen nur eine Randnotiz. Es lebe die Stimmungskulisse.
Anfang April stürzten die Börsenkurse ab – ein Spektakel irgendwo zwischen Turmspringen und finanziellem Harakiri. Und jetzt? Noch schneller rappelte sich der Markt wieder hoch wie ein Boxer, der nach einem rechten Haken taumelt, aber störrisch weiterwankt. Immerhin: Der DAX liegt seit Jahresanfang über 11,7 % im Plus, der Euro Stoxx 50 glänzt mit rund 13 Prozent Zuwachs. Selbst der S&P 500 in den USA, trotz aller Zinssorgen, kratzt an seinem Allzeithoch – ein beeindruckendes Comeback, wenn man bedenkt, dass die Konjunkturdaten eher nach Schwierigkeiten riechen als nach einem „Finale Furioso“.
Bei Familienfeiern gibt es oft den skurrilen Onkel Otto, der den Frieden mit polterndem Auftreten und Launenhaftigkeit trübt. Dieser Onkel heißt an den Finanzmärkten Donald. Schon seine sinnbefreite Zollpolitik und Angriffe auf die Fed als Kronjuwel der US-Finanzwirtschaft wirken verstörend auf die Anlegerstimmung. Vor allem stört jedoch seine unberechenbare Politik, deren Logik sich nicht ergründen lässt und insofern wenig Planungssicherheit für Wirtschaft und Börsen bietet.
Das Wehklagen über eine Korrektur am Aktienmarkt und Politiker anderer Länder, die es einem so schwer machen, lenkt vom Wesentlichen ab. Probleme der hiesigen Wirtschaft und Gesellschaft muss man vor Ort lösen. Dazu muss man diese jedoch erst einmal wahrnehmen.
Es gibt bekanntlich zwei Arten von Menschen: Die einen bekommen schon beim kleinsten Zucken eines Börsenkurses nervöse Ticks. Die anderen hingegen stürzen sich auf Aktien wie auf Klopapierrollen in Pandemiezeiten. Krisen sind für sie kein Grund zur Sorge, sondern ein Schnäppchenmarkt mit eingebautem Rabattcode.
Es gibt Staatsmänner, die führen. Und dann gibt es Donald Trump – den Mann, der glaubt, Außenpolitik sei eine Reality-Show mit eingebauter Apokalypse. Er ist nicht der Einzige. Diplomatie scheint für Trump ein Relikt aus einem Märchenbuch zu sein, das er nie gelesen hat – vermutlich, weil die Bilder fehlten. In seinem jüngsten Gastspiel auf der weltwirtschaftlichen Bühne hat er einmal mehr bewiesen: Wer keine Ahnung vom Welthandel hat, sollte ihn wenigstens laut und aggressiv gestalten. Zölle wurden verhängt, zurückgenommen, wieder verhängt, erhöht, gesenkt, befristet, dann entfristet – Trump hat dem Begriff „Zollschwankung“ eine ganz neue Tiefe verliehen.