Die Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik haben erneut mit dem Buch »Kapitalfehler« ein Werk vorgelegt, das nicht nur hervorragend lesbar ist, sondern auch viel Fachwissen und geschichtliche Hintergründe vermittelt. Das Buch ist klar strukturiert und die Kernaussage eindeutig: Finanzkapitalismus ist schlicht und einfach schlechter Kapitalismus.

Beim Aufbau der Inhalte und Kapitel haben die Autoren meines Erachtens gerade in Bezug auf ihr erstes Buch »Der größte Raubzug  der Geschichte« große Fortschritte gemacht. Weik & Friedrich haben es diesmal geschafft, ihren Fokus streng auf die Krisenanalyse und letztendlich auf einen Lösungsweg zu legen. Und die Botschaft ist eindeutig: Nichts ist im gegenwärtigen Geld- und Wirtschaftssystem alternativlos.

Der erste Teil des Buches beginnt mit einer Zustandsbeschreibung. Hierbei wird nicht nur die Niedrigzins-Politik der Notenbanken massiv kritisiert, sondern auch das teils überaus fragwürdige bzw. kriminelle Verhalten der Geschäftsbanken. Beispielhaft dafür der Zaubertrick der Credit Suisse, ihr Eigenkapital selbst zu schöpfen und mit Hilfe »intelligenter« Buchungen zu erhöhen. Man höre und staune, auch das ist mittlerweile möglich und wird neben anderen Auswüchsen im Buch thematisiert.

In den weiteren Kapiteln weisen die Autoren nach, warum und weshalb Finanzkapitalismus immer auch schlechter Kapitalismus ist. Im Wesentlichen geht es darum, dass der heutige Finanzkapitalismus das globale Investitionskapital, die Mittel zur Finanzierung der öffentlichen Güter und die verfügbaren Einkommen der Menschen auf die denkbar schlechteste Weise verteilt. Wobei über 90 Prozent des Geldes ausschließlich innerhalb des Finanzsektors und nicht in der Realwirtschaft zirkulieren.

Intermezzo: Eurovision Crisis Contest

Island 100 Punkte – Griechenland 0 Punkte

Spätestens seit der laufenden Fußball-Europameisterschaft dürfen wir die Isländer als überaus selbstbewusstes Volk kennenlernen. Weik & Friedrich nehmen uns in diesem bemerkenswerten Kapitel mit auf eine Europareise. Zunächst in den Norden nach Island und dann in den Süden: in das vermeintliche Krisenland Nr. 1 Griechenland. Die finanzpolitischen Geschehnisse in diesen beiden krisengeschüttelten Ländern dienen den Autoren als Vorlage dafür, wie man einerseits fast alles richtig und andererseits fast alles falsch machen kann. Hat man in Island die maroden Banken schlicht und ergreifend in die Pleite geschickt, wird in Griechenland weiterhin versucht mit einem industriellen Output auf dem Stand von 1978 die Schuldenberge aus dem Jahr 2016 zu tilgen. Die Autoren beschreiben in diesem Kapitel in grandioser Weise, welche Lehren aus den Beispielen Island und Griechenland gezogen werden müssen: »Griechische Bürger: Nehmt euch ein Beispiel an Island und lasst euch keine Angst machen. Auch ohne den Euro dreht sich die Welt weiter.«

In den weiteren Kapiteln widmen sich die Autoren mehr den theoretischen Gebilden und Denkansätzen der verschiedenen Wirtschaftstheorien. Sie stellen verschiedene Theorien vor, wie beispielsweise die Schuldenberge aus dem Jahr 2016 zu tilgen. Die Autoren beschreiben allgemein verständlich die Lehren der »Historischen Schule der Nationalökonomie« und die Ansichten und Denktraditionen verschiedenster Ökonomen von Friedrich List über Gustav von Schmoller und Joseph Schumpeter bis zu Clément Juglar. Besonders interessant ist hierbei die Beschreibung, Darstellung und Erklärung der langen Wellen der Konjunktur, indem die Autoren die Kondratjew-Zyklen historisch aufarbeiten.

Absolut freie Wirtschaft funktioniert nicht

Im fünften Kapitel führen Weik & Friedrich aus, warum man den Finanzmarkt – die heilige Kuh des Kapitalismus – unbedingt in bestimmten Bereichen regulieren muss. Sie belegen ihre These, dass der freie deregulierte Markt gerade in der Finanzbranche nicht funktioniert mit etlichen Beispielen aus der Vergangenheit und untersuchen das Paradoxon Finanzwelt. Sie legen hierbei den Finger in die Wunde und nennen die Dinge überdeutlich beim Namen: »Die ungesunde Verschmelzung von Eliten aus Politik und Finanzwirtschaft hat Abhängigkeiten geschaffen, die sich für Bürger und Sparer in der Finanzkrise bitter gerächt haben.«

Nur für bare Münze

In Kapitel 6 widmen sich die Autoren der Geschichte des Geldes. Bestens recherchiert und historisch genau beschreiben Weik & Friedrich die Historie und wie Geld überhaupt entstehen konnte. Dabei räumen sie auf mit dem Tauschparadigma, das besagt, dass Menschen in früheren Zeiten Fische gegen Felle tauschten. Denn tatsächlich ist den Völkerkundlern und Althistorikern bis heute kein einziges Volk oder eine Kultur bekannt, in der der Tauschhandel Grundlage des Wirtschaftens war.

Kapitale Fehler – und Vorschläge zu Ihrer Behebung

Zum Ende des Buches geben die Autoren dann noch einmal richtig – wie man hier sagt – Butter bei de Fische: Sie formulieren ihre Forderungen ganz konkret und enden mit einer Forderung nach einem neuen Geldsystem und einer weltweiten Streichung von Schulden und gegensätzlichen Vermögen.

»Kapitalfehler« ist ein Buch auf hohem Niveau, welches gleichzeitig informiert, lehrreich ist und dabei bestens mit teils humoriger Sprache unterhält. Zudem ist es ein hingebungsvolles und inniges Plädoyer für eine Rückkehr zu einer sozialen Marktwirtschaft, mehr Gerechtigkeit und letztendlich schöpferische und humane Intelligenz.  

Kapitalfehler

Wie unser Wohlstand vernichtet wird und

warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen

von Matthias Weik & Marc Friedrich

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Verlag: Eichborn Verlag (13. Mai 2016)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3847906054

ISBN-13: 978-3847906056

Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren

Größe und/oder Gewicht: 14,7 x 3,5 x 22,1 cm