Fast war es zu vermuten, dass die seit nunmehr fünf Jahren andauernde Endphase der Krise des derzeitigen Geldsystems dazu führen würde, dass die lange Zeit als Utopie geltenden Gedanken eines Silvio Gesell wieder ernsthaft in den Fokus rücken. Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank höchstselbst gab auf der letzten EZB-Ratssitzung am 21.11.2013 zu Protokoll, dass man Anfang November innerhalb der EZB auch über negative Einlagenzinsen diskutiert habe. Zurzeit liegt dieser Zinssatz bei 0,0 Prozent. Zwar gibt es bei der EZB noch keinerlei Erfahrung mit negativen Zinssätzen, jedoch wurde über die Möglichkeit nachgedacht, den Einlagenzins für Barreserven auf minus 0,1 Prozent abzusenken. Geschäftsbanken würden mit einer solchen Maßnahme bestraft, wenn sie Notenbankgeld auf ihren Konten bei der EZB horten.

 

Grund für diese Maßnahme dürfte einmal mehr die Suche nach neuen Nachschuldnern innerhalb des derzeitigen Schneeballsystems sein. Geschäftsbanken sollen so gezwungen werden, verstärkt Kredite zu vergeben, anstatt Notenbankgeld sicher bei der EZB zu parken, um selbst liquide gegenüber anderen Geschäftsbanken zu bleiben. Bis jetzt traut man sich seitens des EZB-Rates jedoch nicht bzw. ist nicht willens, eine solche Maßnahme auch tatsächlich umzusetzen.

 

Natürlich ist es begrüßenswert, wenn über neue Wege in Form negativer Zinssätze nachgedacht wird. Doch in der Tat ist es mehr als fragwürdig, ob ein Drehen an dieser - und insbesondere an nur einer - Stellschraube überhaupt dafür sorgen kann, dass Banken mehr Kredite vergeben. Zum einen können die Banken einen solchen Strafzins schlichtweg an ihre Kunden über höhere Zinsen weitergeben und somit Kredite sogar verteuern, zum anderen hängt die Kreditvergabe mitnichten nur vom Willen der Banken ab, sondern vielmehr von der Kreditnachfrage und Investitionsbereitschaft der Privaten und Unternehmen – also schlichtweg von der Verschuldungsbereitschaft.

 

Fehlt diese bei der Privatwirtschaft, müssen die Staaten einspringen, um das System der sich exponentiell vermehrenden Geldvermögen aufrechterhalten zu können. Schaut man sich die Entwicklung der Kreditvergabe der Banken an den Privatsektor in den letzten fünf Jahren an, wird klar, warum die Staatsverschuldungen in den letzten Jahren explodieren mussten.

Anhand obiger Statistiken ist es überhaupt mehr als zweifelhaft, dass sich ein Absenken sowohl des Einlagen- als auch des Leitzinses automatisch positiv auf eine sinnvolle Kreditvergabe an den Privatsektor auswirkt, – auch wenn die ein oder andere Zeitung gerne dabei behilflich ist, ihre Leser in die Schuldenfalle zu treiben. Die geplatzte Immobilienblase in den USA lässt an dieser Stelle ganz herzlich grüßen:

 

Des Weiteren sollte man seitens der verantwortlichen Notenbanker darüber nachdenken, ob man nach dem erfolgreichen Aufblähen der Staatsschuldenblase tatsächlich wieder sein Heil in einer weiter wachsenden Überschuldung von Privatpersonen und/oder Unternehmen suchen sollte. Es ist kaum vorstellbar – jedoch nicht völlig auszuschließen – dass man wiederum - wie nach 2008 - mit einem blauen Auge davon kommt.

 

Doch welche Lösungen kann es überhaupt geben, um die derzeitige Überschuldungs- und Geldvermögenskrise nachhaltig zu lösen? Zunächst einmal sollten die bestehenden Probleme nicht aus der jeweiligen individuellen Sicht der Banken, Unternehmen, privaten Anleger oder auch Staaten betrachtet werden, da ein solcher Blickwinkel stets nur die persönlichen Interessen und Vorteile der jeweiligen Marktteilnehmer in den Vordergrund stellt. Wichtig wäre, nicht nur über den Tellerrand zu schauen, sondern das ganze Schlamassel auf besagtem Teller von oben anzuschauen und zu analysieren.

Nationale Währungen müssen wieder parallel zum Euro eingeführt werden

Tatsächlich ist es gar nicht notwendig, den Euro für gescheitert zu erklären, sondern sich einfach bewusst zu werden, dass der Segen nicht in einer alleinigen Gemeinschaftswährung für viele - wirtschaftlich völlig verschieden aufgestellten - Staaten liegen kann. Die parallele Einführung und Rückkehr zu den nationalen Währungen ist nicht nur nötig, sondern auf längere Sicht unabding- und unvermeidbar, um ein Gleichgewicht der europäischen Volkswirtschaften wieder herzustellen. Hierbei ist es auch überhaupt nicht nötig, den Euro gänzlich abzuschaffen. Natürlich kann dieser weiter als Verrechnungseinheit, Schuldtilgungs- und Zahlungsmittel im europäischen Handel dienen.

Doch nicht nur in Deutschland würden die Bürger durch eine starke neue D-Mark profitieren. Durch eine endlich wieder steigende Kaufkraft der Bürger in den starken Euro-Ländern gegenüber schwächeren europäischen Nachbarn, würden schwächere Staaten durch erhöhte Nachfrage nach deren jetzt deutlich preiswerteren Produkten in der jeweiligen Landeswährung gestützt. Diese würden dann mit der Zeit und erhöhter Nachfrage auch wieder gegenüber dem Euro und anderen europäischen Währungen aufwerten können. Ein Ausgleich der Handelsbilanzdifferenzen könnte so in einer Win-Win-Situation für alle Bürger der europäischen Währungsunion wieder erreicht und hergestellt werden.  

Regionale Währungen für ein Europa der Regionen

Genau dieses Prinzip könnte man auch innerhalb einzelner Staaten anwenden, indem beispielsweise regionale Währungen für einzelne Bundesländer (Stichwort: Länderfinanzausgleich) eingeführt würden. Der europäische Kontinent und die heute bestehende Eurozone könnten so zu einem Europa der Regionen zusammenwachsen, die mit Hilfe dieser unterschiedlichen Währungen einem gesunden Wettbewerb untereinander ausgesetzt würden. Wünschenswert wäre an dieser Stelle, dass die Politik die Volkswirtschaftslehre tatsächlich als Wissenschaft und nicht als starre Religion begreift, in der ebenfalls – wie in anderen Bereichen der Forschung – praktische Experimente durchgeführt werden müssen.

Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen staatlichen und privaten Währungen. Weshalb an dieser Stelle darauf hingewiesen sei, dass das größte Handicap der zahlreichen privat emittierten Zahlungsmittel und Regionalwährungen darin liegt, dass diese nicht als Steuertilgungsmittel zugelassen sind. Ein wesentlicher Punkt, der nur durch staatliche Anerkennung oder Emission dieser Währungen behebbar wäre.

Es geht bei diesem Ansatz auch nicht darum, dass sich ein bestimmtes Geld oder Zahlungsmittel als alleiniges durchsetzt und einen Währungswettbewerb im Sinne der österreichischen Schule gewinnt. Sondern vielmehr darum, eine Vielfalt an Währungen zu schaffen, die jeweils einem oder mehreren Zwecken dienen können und sollen. Dass sich hierbei eine Währung beispielsweise als hervorragendes Wertaufbewahrungsmittel durchsetzt, ist durchaus wünschenswert und nicht abzulehnen, solange andere Zahlungs- und Schuldtilgungsmittel parallel genutzt werden können, die beispielsweise einer Umlaufsicherung unterliegen und eine Hortung sinnlos machen.

Der Kursverlauf der Bitcoins in den letzten Jahren zeigt, wie einfach und leicht ein solches Wertaufbewahrungsmittel entstehen kann. Doch sei hier unbedingt erwähnt, dass bei einem Investment in diese Kryptowährung größte Vorsicht geboten ist, solange sie nicht breite Akzeptanz als Zahlungs- und insbesondere auch als Steuer- und Schuldtilgungsmittel erreicht. Bitcoins wären im Übrigen ein hervorragendes Beispiel für ein wohl erfolgreiches Währungsexperiment, wenn letztere Punkte gegeben wären.