Der Austritt aus dem Euro steht wohl kurz bevor. Die mögliche Pleite und die Folgen eines Austritts von Griechenland aus dem Euro werden überall diskutiert. Doch noch ist diese „Worst Case“ nicht komplett an den Finanzmärkten eingepreist. Und völlig offen sind mögliche Folgen dieser Entwicklung. Welche Chancen und Risiken sind mit einem Grexit verbunden? Eine kurze Analyse dazu. Welche Folgen drohen?

Die Lage

Die Lage hat sich dramatisch verschärft. Scheinbar unvereinbar stehen sich die Regierungen Griechenlands und die Euroländer mit ihren Positionen gegenüber. Die Zeit der griechischen Regierung Verhandlungen zu führen, um ihre Wahlversprechen durchzusetzen, geht zu Ende, während die Renditen griechischer Anleihen in den Himmel steigen und die Kurse in den Keller rauschen. Die Risikoprämien steigen deutlich an. Woche um Woche währt nun schon das Ringen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern um einen angemessenen Reformkurs. Beinahe wie das bekannte kleine gallische Dorf leistet die griechische Regierung Widerstand gegen die Gläubigerforderungen. Streitpunkte sind die bekannten Themen: Renten, Steuern und Primärüberschuss. Der IWF hat nun darauf reagiert, und die Verhandlungen abgebrochen. Ebenso hat sich die Eurogruppe distanziert. Eiszeit. Die Eurogruppe tagt aber erneut und das Thema Griechenland wird – wieder mal – auf der Agenda stehen. Noch teurer würde es wohl für die Europäer, wenn sich der IWF ganz zurückzieht und Griechenland Geld nur aus dem EFSF erhielte. Ohne den IWF gibt es noch weniger Druckmittel, um Strukturreformen in Griechenland umzusetzen.

Trotz dieser Unsicherheit halten sich die Abschläge am Aktienmarkt in Grenzen. Warum? Weil nicht klar ist wie es in Griechenland weitergeht. Nicht einmal mit einem Zahlungsausfall wäre das klar. Denn es gibt 5 Möglichkeiten, wie es in Hellas weitergeht.

1.   Griechenland willigt in die Reformvorschläge der Euroländer kurz vor Schluss noch ein und erhält dafür wieder Kredite. (wenig wahrscheinlich)

2.   Die Euroländer geben den Griechen eine Art von Übergangsgeld, um damit weitere Verhandlungszeit mit Athen zu erkaufen (möglich, aber nur gegen Zusagen der Griechen denkbar. Nicht sehr wahrscheinlich)

3.   Die Griechen erklären sich zahlungsunfähig, bleiben aber im Euro und verhandeln über eine Entschuldung. (wenn Exit, dann sehr unwahrscheinlich)

4.   Die Griechen erklären ihre Zahlungsunfähigkeit und scheiden auch aus dem Euro aus. (wenn Default, dann eine wahrscheinliche Lösung)

5.   Die Griechen erklären sich nicht zahlungsunfähig, aber zahlen auch keine Kredite mehr zurück. Es sei denn sie haben etwas in der Kasse dafür übrig. Das würde eine lange Hängepartie mit sich bringen, den Staaten erklären sich nur selbst für Bankrott. Es gibt kein Insolvenzrecht für Staaten. (wahrscheinlich eine Strategie der aktuellen Regierung in Athen)

Die Aussichten:

Eine tragfähige Prognose zu erstellen, fällt schwer. Sicher ist nur, dass die nächsten Handelstage nicht besonders stabil sein werden. Der dreifache Verfall kommt am Freitag noch erschwerend hinzu. Griechenland muss nun „Butter bei die Fische“ geben. Ökonomisch würde Hellas im Fall der Pleite abstürzen. Banken wären pleite, Investitionen fielen auf den Nullpunkt. Arbeitslosigkeit, Armut und Verschuldung wären die Folgen. Die Finanzmärkte würden kräftig durchgerüttelt. Eine Pleite wäre für Hellas ergo desaströs. Für Europa ein Ende mit Schrecken, das mittelfristig sogar eine Erleichterung darstellte. Ob die Einsicht Einzug ist mehr als fraglich.

Die Anlage-Ampel steht auf Gelb. Alles hängt an den Verhandlungen der Griechen und deren Gläubiger. Eine Einigung lässt eine Erholung folgen. Einer Pleite folgt der weitere Sturz der Kurse. Die 11000 Punkte Marke bleibt bis Freitag hart umkämpft. Danach hängt alles von Ergebnissen der Verhandlungsparteien ab. Griechenland schwebt als Bedrohung über den Börsen. Wenn es hier knallt, wird es zu weitere Abschlägen kommen. Das ist dann die Chance zum Einstieg für alle Spätberufenen.

Die DAX-Bären saßen gestern zum Handelsbeginn fest im Sattel und zwangen dem deutschen Leitindex zur Eröffnung ein Abwärtsgap von immerhin rund 43 Indexpunkten auf. In der Folge testeten die „blue chips“ erneut die untere Begrenzung der seit Mitte April bestehenden Korrekturflagge (akt. bei 10.753 Punkten). Da zusätzlich zu dem trüben Chartbild der MACD auf allen von uns betrachteten Zeitebenen (Tages-, Wochen-, Monatsebene) Verkaufssignale sendet und der RSI auf Tagesbasis nicht aus seinem seit März bestehenden Abwärtstrend ausbrechen konnte, müssen Anleger weiterhin mit einem unterseitigen Ausbruch aus der o. g. Flagge rechnen. In diesem Fall bildet die 200-Tages-Linie (akt. bei 10.500 Punkten) gemeinsam mit der unteren Kurslücke vom Januar bei 10.454 Punkten ein realistisches Anlaufziel. Im späten Handel gelang es den Aktienbullen gestern jedoch mit dem Schließen des o. g. Gaps und der Rückeroberung der psychologisch wichtigen Marke von 11.000 Punkten das beschriebene Negativszenario abzuwenden (Tagesschlusskurs: 11.044 Punkte). Eine Umkehr der zuletzt eingetrübten Lage würde sich indes erst ergeben, wenn die obere Begrenzung der angeführten Korrekturflagge (akt. bei 11.670 Punkten) überwunden wird.

„An der Börse sind 2 mal 2 niemals 4, sondern 5 minus 1. Man muss nur die Nerven haben, das minus 1 auszuhalten“

Viel Erfolg ihr

Oliver Roth