Eine der großen Paradoxien des Finanzmarktes ist die langjährige Existenz von Angeboten, die schnellen Reichtum an der Börse versprechen. Warum man sein Leben lang lesen sollte, wie man in wenigen Jahren reich wird, bleibt ein unterhaltsames Rätsel…

Die erste Lektion, die dem Reichwerden vorangeht, wird in der Regel ausgeblendet. Wie schafft man es, nicht ämer zu werden. Leider ist die Botschaft nicht so sexy, dabei lautete schon eine Weisheit von Onkel Dagobert „Weniger ausgeben hat den selben Effekt wie mehr verdienen.“ Damit kann die Ente heute nicht mehr punkten, denn Sparen wird von einigen ganz kreativen mittlerweile zur Wurzel allen Übels umgededeutet.

Auch in diesem Punkt fühlt man sich an Orwells Neusprech erinnert. Aber es ist eben so einfach. Auf einer Stufe mit dem vermaledeiten Sparen steht der Besitz. So trifft denjenigen, der sein Geld nicht verprasst und der mit 50 ein Häufchen Kohle auf dem Konto hat der Ärger der Selbstgerechten. Wer hingegen mit gleichen Voraussetzungen sein Geld für dies und das ausgegeben hat, dem stehen die Pforten des Mitleidshimmels offen, und dem werde im Alter bitte geholfen. Am besten von dem, der gespart hat, der hat schließlich was. Ach herrlich, da möchte mancher sicher gleich vor lauter Freude ein paar Autos anzünden und das dann mit dem politisch korrekten Telefon und weißen Ohrstöpseln bei einem Tässchen Bio-Latte in seine kleine Welt posten. Aber das ist alles überspitzt, denn natürlich sind es ja nie die fünf guten Sparer gemeint sondern die 22 Millionen Menschen, die völlig zu Unrecht zu etwas Geld gekommen sind. Für die fünf führt der gute Umverteiler ganz generös Freibeträge ein, damit endlich Schluss ist mit der Diskutiererei.

Warum sich die breite Bevölkerung über Risiken gedanken machen sollte, wird immer unklarer. Das aktuelle Mantra, jeden Monat etwas in einen passiven Fonds einzuzahlen, und in ein paar Jahrzehnten hat man Geld genug, das ist ein schöner Mythos. Er beruht auf statistischen Artefakten, Zeiträumen, in denen ein solcher Ansatz funktioniert hätte, werden generalisiert. Dummerweise sind die meisten Entscheider, oder die sich dafür halten, im großen Bullenmarkt von 1982 bis 2000 aufgewachsen. Sie wurden in einem der größten und lananhaltendensten Kursanstiege aller Zeiten finanziell sozialisiert. Wie ungewöhnlich dieser Zeitraum und die realisierten Renditen sind, lässt sich einfach auswerten. Man benötigt einen Zettel, einen Bleistift und einen Internetzugang, um sich die öffentlich und kostenlos verfügbaren Daten herunterzuladen. Leider träumen viele weiterhin von gratis erhältlichen Renditen, die man wohl bedingungslose Grundverzinsung nennen könnte.

Die folgende Grafik zeigt am Beispiel des griechischen Aktienindex wie sich ein realer 25-Jahreszeitraum darstellen kann. Gebühren und Steuern haben wir weggelassen, das realisierte Ergebnis ist also abhängig vom jeweiligen Steuerregime mehr oder weniger schlechter als die ausgewiesenen Zahlen. zum Glück passieren Unfälle immer nur den anderen, deshalb sollte man ja keine Extrembeispiele heranziehen. Wen interessieren schon Italien, Griechenland, Spanien oder Portugal. Solange die deutschen und die US-Aktien steigen, ist das Konzept natürlich unfehlbar. Wie gesagt, abgesehen von positiven Ausreißern bitte keine extremen Beispiele herauspicken.

Das wäre eine teure Angelegenheit geworden, wenn die Griechen eine Art Riester mit Staatsgarantie eingeführt hätten. Angesichts der finanziellen Lage des Landes käme es auf ein paar Milliarden mehr oder weniger jedoch auch nicht mehr an.

An dieser Stelle soll berechtigterweise auf sinnvolle aktive Ansätze hingewiesen werden. Die gibt es. Das ändert jedoch nichts an der Problematik aller Anleger in der Gesamtheit. An der Börse geht es nicht in erster Linie darum, ob Gewinne oder Verluste anfallen, sondern wann und bei wem die Gewinne und bei wem die Verluste anfangen. Jede Aktie wird zu jedem Zeitpunkt ihrer Existenz von einem Anleger gehalten. Das gilt für die sich verhundertfachende Biotech Aktie wie für die italienischen Bankpapiere.

Einigen Risiken ist man sich mittlerweile auch im politischen Lager jedoch offenbar bewusst. Aktien können fallen und Anleger müssen teils lange, sehr lange Durststrecken ertragen. Das bringt die ganze Kalkulation ins Wanken. Wertung findet in der Regel nicht statt.

Die Lösungsvorschläge hinsichtlich dieser Problematik, die aus dem politischen Lager zu hören sind, folgen dem bekannten Muster. Ein Risiko? Oh, da muss aber rasch eine Garantie für das generell minderbemittelte Volk her, bevor dieses noch das Nachdenken wieder erlernt. Im Grunde führen die Staatsplaner nichts anderes durch als einen Selektionsprozess, infolge dessen sie sich selbst unermessliche Fähigkeiten und der Bevökerung das Denkvermögen von Einzellern zuschreibt. Angesichts zahlreicher Planungsmiseren darf man sich fragen, ob die Einzellerquote in den Gremien nicht deutlich über Null liegt.

Die selbst verordnete Abhängigkeit von den Aktienkursen führt zu geradezu grotesken Vorschlägen wie einer möglichen Staatsgarantie für Riester-Anleger. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Man führt mit den „Riester“-Produkten eine mit Steuermitteln finanzierte Kapitalanlage ein, die im Grunde eine schlecht getarnte Subvention der Versicherungs- und Asset Management Gesellschaften ist. Diese erfreuen sich über steuerlich subventionierte Mittelzuflüsse. Die obersten Angestellten schreiben die neuen Gelder und die hohen Gebühren gerne der Qualität ihrer Produkte und dem unermesslichen Ratsschluss des Managements zu. Am engen Kontakt zu einigen Entscheidern kann es natürlich unmöglich liegen. Nun haben die Anleger diese Produkte im Bestand. Nötig sind diese angeblich, weil man eine kapitalmarktbasierte Rente braucht, da das Umlagesystem nicht funktioniert. Nun mag das im aktuellen Zustand stimmen, die Deckung ist jedoch durch die Höhe von Abgaben und Ausgaben steuerbar. Man bleibt jedoch an der Börse. Da Subventionen für den Aufbau der Riester-Produkte nötig sind, darf man angesichts der Definition von „funktionieren“ allerdings schmunzeln. Subventionieren hilft halt bei der Modellrechnung manchem Ansatz auf die Füße. Nun will mancher die Besitzer von Riester-Produkten vor Verlusten schützen. Aha. Man ermöglicht dem Bürger, finanziert aus dem Steuergeld anderer Bürger, den Kauf von Finanzprodukten, und finanziert somit auch die Gebühren der Anbieter aus Steuergeldern.

Das Grundproblem mit einer staatlich verordneten kapitalmarktbasierten Rente ist die implizite Hoffnung, der Finanzmarkt werde schon die nötige Rendite bringen, um die Verbindlichkeiten der Zukunft zu decken. Dies ist eine menschlich nachvollziehbare Hoffnung, hat aber mit der Funktion des Kapitalmarkt nichts zu tun. Wenn es schief geht, liegt es wie in der Finanzwirtschaft so oft nicht am System sondern an unrealistischen Annahmen und daraus resultierenden Planungen. Mit Staatsplanung ist es wie mit der Entengrütze auf dem Teich. Sie nimmt erst langsam zu, wenn sie aber erst den halben Teich bedeckt, geht es mit dem Rest ganz schnell. Auch dieser Versuch wird wieder böse in die Hose gehen. Als Schuldige werden vermutlich „Spekulanten“ und „Short Seller“ ausgemacht. Die alte Leier halt.

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