Das ist Kernfrage des ganzen Börsen-Journalismus: Wohin mit dem Geld?  Schwierig mag es sein, diese Frage im Einzelnen zu beantworten. Ganz einfach aber ist die Antwort hier. Denn dabei kommt es immer auf eine einzige grundsätzliche Sache an. Reflektiert man Investitionen von diesem Grundgedanken aus, werden auch die konkreten Entscheidungen viel einfacher - und wahrscheinlich auch richtiger.

Wichtige Frage für die Vermögensentwicklung

Das strategische Management von produktivem Kapital ist eine der Kerndisziplinen des  Vermögensmanagements. Zwar sind die immateriellen Arten Zeit- und Persönlichkeitsvermögen noch zentraler für das eigene Vermögen, ob aber auch auf materieller Ebene das volle Potential einer Person oder Organisation ausgeschöpft wird,  hängt stark davon ab, ob sie das eigene Kapital produktiv einsetzt.

Was ist produktives Kapitalvermögen?

Produktives Kapital ist jenes materielle Vermögen, das seinen Eigentümern aufgrund seiner Knappheit und aufgrund seines Beitrags zum wirtschaftlichen Output als produktiver Faktor (vgl. Artikel "Konsum ist gut für die Wirtschaft? - Im Gegenteil!") künftige Zahlungsströme verschafft. Zum Beispiel:

1. Direktinvestitionen in Betriebskapital (Das eigene Unternehmen)

2. Anteile an anderen Unternehmen (Aktien)

3. Investitionen in andere wirtschaftliche Projekte (Filmfonds, Schiffsfonds)

4. Vermietbare Grundstücke und Gebäude (Häuser, Wald, Acker)

Was die Rendite bringt: Knappheit

Dementsprechend wird produktives Kapitalvermögen auch  hauptsächlich zu diesem Zweck (Geld aus Geld zu erzeugen) angeschafft und gehalten. (Zur Kritik hierzu siehe übrigens unten im Teil III dieses Artikels). Grundsätzlich ist der Ertrag von produktivem Kapitalvermögen (gemessen an der Rendite) umso höher, desto mehr das (in der durch die jeweilige Investition  bestimmten Form vorliegende) Kapital in der Wirtschaft gerade über die Erwartung hinaus gebraucht (im Verhältnis zum Angebot nachgefragt) wird.

Historisches Beispiel: Technologie-Blase

Zum Beispiel gab es im Jahr 2000 weltweit so viel Kapital in Form von Unternehmen aus dem Technologie-Sektor, das die Rendite dieses Kapitals gar nicht hoch sein konnte. Denn das Angebot weitet sich aufgrund anfänglicher Knappheit und der damit einhergehenden hohen Renditen (zu) stark aus. Das ist die Mechanik des Marktes, dank derer wir von allem Herstellbaren, was wir wollen und bezahlen können, auch genug haben. Dieser Prozess kann aber auch über das Ziel (Gleichgewicht) hinaus schießen. Es gibt dann irgendwann mehr Kapital, als gebraucht wird. So was passiert immer wieder. Wenn Überkapazitäten herrschen, fällt der Ertrag für die Besitzer weit geringer aus als man es sich vorher vorgestellt hat. Im Extremfall ist es dann so, als wolle man Nordseesand auf Norderney verkaufen.

Und daraus, aus diesem Zusammenhang,  leitet sich auch die Regel für sinnvolles Investieren ab. Es gilt, immer dort zu investieren, wo man erwarten kann, dass in Zukunft die Nachfrage nach Kapital aus irgendwelchen Gründen größer sein wird, als das Angebot, egal wie groß oder klein das Gesamtangebot oder die Gesamtnachfrage sein mögen und egal selbst, ob beide fallen werden. Entscheidend ist die Differenz und die relative Tendenz. Insofern ist es dasselbe Prinzip dem auch Thales der erste bekannte Spekulant und zugleich der erste bekannte Philosoph gefolgt ist, als er Olivenpressen kaufte, als keiner sie brauchte und vermietete, als sie nach einer guten Ernte überall gebraucht wurden.

Aktuelles Beispiel: Staatsanleihen

Dasselbe gilt derzeit für Container-Schiffe und auch für Staatskredite. Deutschland schwimmt im Geld  (es gibt eine Schwemme des Angebots an Geld für den Staat). Daher ist die Rendite auf dieses Kapital gering, zum Teil - durch geldpolitische Marktverzerrungen - absurderweise sogar negativ. Hier zu investieren macht meistens keinen Sinn.

Anleihen und Zahlungs-Versprechen

Doch Kredite, die man anderen - zum Beispiel dem Staat - gewährt, zählen eigentlich auch zu produktivem Kapitalvermögen. Denn das verliehene Geld erzeugt ja im Normalfall einem positiven Zahlungsstrom in der Zukunft. Grundlage ist nicht das Geld, sondern die Investitionen, die der Schuldner damit vornehmen kann (oder das was der Schuldner tut, um das Geld inkl. Zins und Zinseszins, das er schuldet, zurückzahlen zu können, weshalb dieser Zusammenhang auch für Konsumentenkredite gilt). Da Kredite - indirekt - produktiv sind, und somit Zinserträge als positiven Zahlungsstrom generieren, zählen sie also zu den produktiven Kapital-Vermögensarten. Empfehlenswert sind sie aber nur dann, wenn Kredite knapp sind, also viele Schuldner sehr guter Bonität sehr hohe Zinsen zahlen, was zum Beispiel Anfang der 80er Jahre der Fall war. (Da allerdings waren die Inflationserwartungen noch sehr hoch.) Mit Krediten kann auf Rückzahlung spekuliert werden, also darauf, dass der Emittent mit dem geliehenen Geld gut (beziehungsweise besser als erwartet) umgeht. Die Ertragsmöglichkeiten dieser Wette sind aber im Gegensatz zu Eigenkapitalanteilen (z.B. Aktien) begrenzt. Denn bestenfalls erhält man das Geliehene plus Zinsen zurück. Im Grunde aber (bei solchen, höchster Bonität) sind Anleihen und sonstige Investitionen in auf Geld lautende Rückzahlungs-Versprechungen entweder eine Spekulation auf Entwicklungen des Finanzsystems (nämlich eine Wette auf Deflation) oder eine gering rentierende Möglichkeit des Parkens von Geld. Ist letzteres der Fall, handelt es sich eigentlich um Liquidität. Dann bieten sich andere, noch liquidere Formen wie Giral- oder Bargeld an (vgl. den Artikel  VI aus dieser Reihe hierzu). Ist es in dem anderen Fall eine Spekulation auf finanzielle Entwicklungen, so sollte man sich dieser bewusst sein und sich fragen, ob eine solche Spekulation nötig ist. Meistens wird das nicht so sein und auf Zahlungsverspechen aller Art als Teil des eigenen Vermögensportfolios kann in vielen Fällen verzichtet werden, auch wenn zu Zeiten Anleihen einen Beitrag leisten können.

(Eine noch überflüssigere Verwendung des materiellen Vermögens ist das Verleihen von Geld an Freunde. Hierüber sowie über die richtige Diversifizierung von Kapitalvermögen wird der zweite Teil der Reihe handeln.)

(Fortsetzung folgt)