Das ethisch bedenkliche Geschäftsmodell der „Wette auf den Tod“ geht nicht auf

In den letzten Jahren haben Banken und auch freie Anlageberater ihren Kunden sehr häufig dazu geraten, Kapital in US-Lebensversicherungsfonds zu investieren. Dieses Investment wurde regelmäßig als renditestark und sicher angepriesen, obwohl US-Lebensversicherungsfonds zur Gruppe der geschlossenen Fondsbeteiligungen gehören, die in Lebensversicherungen investieren, welche auf dem Zweitmarkt in den USA gehandelt werden. Aktuell zeigen sich bei vielen dieser Fondsmodelle nachhaltige Risiken. Anleger werden häufig zur Zahlung von Nachschüssen aufgefordert, wenn nicht gar bereits der Totalverlust feststeht. Auf die von vorneherein absehbaren Risiken haben die Berater jedoch zumeist jedoch nicht hingewiesen.

In den USA findet sich der weltweit größte Markt für Lebensversicherungen und der Zweitmarkt hat sich dort unter den Anlegern stark etabliert. Zirka 30 % der amerikanischen Lebensversicherungen werden vorzeitig beendet, was häufig auf den dort unzureichenden Krankenversicherungsschutz zurückzuführen ist. Kann in den USA die Versicherungsprämie nicht mehr bezahlt werden, so fällt die Versicherung –in aller Regel- ersatzlos weg, weshalb ein sehr großes Verkaufsbedürfnis auf dem Zweimarkt besteht.

Ein US-Lebensversicherungsfonds bündelt nunmehr das Kapital der deutschen Anleger, um daraus ein breit gestreutes Portfolio an gebrauchten US-Lebensversicherungen zu erwerben. Dabei liegt der Gewinn in dem Unterschiedsbetrag zwischen dem Rückkaufswert bei vorzeitigem Verkauf einer Lebensversicherung und dem rechnerischen Marktwert, wenn die Lebensversicherung bis zum Ende der Laufzeit durchgehalten wird. Für Verkäufer von Lebensversicherungen liegt der Vorteil darin, dass der US-Lebensversicherungsfonds einen Aufschlag auf den Rückkaufswert gewährt, so dass ein Verkauf für die Versicherten in der Regel günstiger ist, als die Kündigung der Police. Nach dem Kauf der Lebensversicherung durch den Fonds zahlt dieser weiterhin die Prämie für die Versicherung und erhält dadurch nach dem Tod des Versicherten dessen Versicherungssumme.

Zur Rendite solcher Fondsbeteiligungen gilt folgende Formel:

Je früher der Versicherte stirbt, desto höher sind die Gewinne für den geschlossenen US-Lebensversicherungsfonds.

Das Geschäftsmodell begegnet vor dem Hintergrund der vorgenannten Aussage schon erheblichen ethisch-moralischen Bedenken. Soweit sich die Beteiligten darüber hinweggesetzt haben, besteht -ganz nüchtern betrachtet- das Rentabilitätsrisiko in der Form des Langlebigkeitsrisikos. Das Geschäftsmodell ist im Ergebnis nichts anderes, als eine „Wette auf den Tod“. In dieser Deutlichkeit wurde dies den Anlegern jedoch regelmäßig nicht vor Augen geführt.

Vielmehr bestehen bei US-Lebensversicherungsfonds zahlreiche Risiken, wie sie typischerweise auch bei sonstigen geschlossenen Fondsbeteiligungen bestehen. Da z.B. der Fonds sein Portfolio erst nach und nach aufbaut und der Anleger somit zum Zeitpunkt der Beteiligung die einzelnen Lebensversicherungspolicen nicht identifizieren kann, ergibt sich hieraus ein erhebliches „Blind-Pool-Risiko“. Dieses Risiko ist deshalb so erwähnenswert, da die Rendite der Anleger zentral von der Auswahl der zu erwerbenden Policen abhängt.

Ein zentraler Risikofaktor beim Erwerb von US-Lebensversicherungen ist das medizinische Gutachten zur Restlebenserwartung der Versicherten. Bei US-Risikolebensversicherungen gilt der Grundsatz, dass eine Leistung erst im Todesfall bzw. 100. Lebensjahr des Versicherten erbracht wird.

Die Rentabilität des Fonds hängt also wesentlich davon ab, wie „schnell“ die Versicherten sterben.  Je „schneller“ desto rentabler (da keine Prämien mehr gezahlt werden müssen!).

Wird hierbei jedoch die Restlebenserwartung zu kurz geschätzt, so muss der US-Lebensversicherungsfonds länger als geplant die Prämien bezahlen und weiterhin verschiebt sich der Auszahlungszeitpunkt nach hinten. Häufig wurden die Prognosen auf Basis von medizinischen Gutachten und Sterbetafeln erstellt, die jedoch auf veralteten Daten basiert haben. Die längere Lebenserwartung aufgrund medizinischen Fortschritts etc. wurde hierbei nicht berücksichtigt. Dies führt bei zahlreichen Fonds nunmehr dazu, dass dessen finanzielle Ausstattung nicht mehr ausreicht, um die laufenden Prämien der erworbenen Policen zu bedienen. Um nunmehr den Totalverlust der Anlage zu vermeiden, werden die Anleger aufgefordert, Nachschüsse zu leisten. Werden jedoch die Versicherungsprämien nicht mehr bedient, so verfallen die Policen vollständig und ein Totalverlust der Kapitalanlage realisiert sich für die Anleger.

Daneben bestehen weiterhin die sonstigen typischen Risiken geschlossener Fondsbeteiligungen, wie beispielsweise Währungs- und Wechselkursrisiken. Daneben ist auch auf die äußerst eingeschränkte Verkaufbarkeit (Fungibilität) solcher Beteiligungen zu verweisen.

Im Ergebnis kann daher keinesfalls von einer sicheren und jederzeit verfügbaren Form der Kapitalanlage die Rede sein. Dies mussten zahlreiche Anleger bereits schmerzlich in Erfahrung bringen.

Zwischenzeitlich sind bereits erste Klagen gegen die beteiligten Berater respektive Banken auf den Wege gebracht worden. Hier wird die fehlerhafte Anlageberatung zur Grundlage einer Schadensersatzforderung gemacht. So hat zwischenzeitlich das Landgericht Köln durch Urteil vom 02.10.12 (AZ: 21 O 40/12) einen freien Anlageberater zu Schadensersatz wegen fehlerhafter Beratung im Zusammenhang mit dem Abschluss eines US-Lebensversicherungsfonds verurteilt. Das Gericht hat bestätigt, dass die Anleger darüber aufgeklärt werden müssen, dass die Prämien der erworbenen Versicherungspolicen bis zum Tod des jeweiligen Versicherungsnehmers weitergezahlt werden müssen, um nicht zu verfallen, auch wenn dieser länger lebt als kalkuliert, aus dem Versicherungsvertrag also ein Verlust erwirtschaftet wird. Dieser Aufklärungsverpflichtung war der freie Anlageberater nicht nachgekommen, so dass er dem Anleger das von ihm eingesetzte Kapital in voller Höhe erstatten musste.

Sofern Sie auch entsprechende Fondsprodukte in Ihrem Portfolio haben, empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit einem Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht.