• 1 Die „sichere“ Gefahr am Anleihemarkt
  •    1.1 Anleihen waren ein guter Stabilisator
  •    1.2 Gestörter Markt-Mechanismus und Mischfondsanalyse
  • 2 Folgen für Anleger und Webinar zu aktuellen Fragestellungen

Die „sichere“ Gefahr am Anleihemarkt

In den letzten Wochen nahmen die Schwankungen an den Kapitalmärkten deutlich zu. Besonders die Kurse (und damit auch die Renditen) am Anleihemarkt waren relativ starken Fluktuationen ausgesetzt. Die Kursrückgänge bei Anleihen wurden von einigen Kommentatoren als „Blutbad“ bezeichnet. Nüchtern betrachtet ist es aber wohl als gesunder Schuss vor den Bug der Anleiheinvestoren zu sehen. Die Aktienmärkte wollten hier nicht nachstehen und zeigten ebenfalls nachgebende Kurse. Besonders deutlich war dies bei den Preisen für europäische Aktien festzustellen. Die nicht enden wollenden Verhandlungen um ein drittes griechisches Hilfsprogramm können hier eine Begründung sein.  Vielleicht sind es aber auch einfach Gewinnmitnahmen… Letzteres wäre nach den starken Kursgewinnen durchaus nachvollziehbar.

Wie in der unteren Grafik zu erkennen ist haben europäische Finanzanlagen im Verlauf der letzten vier Wochen am stärksten verloren. Besonders beunruhigend ist das gleichlaufende Verhalten der Anlageklassen Aktien und Anleihen. Unter „normalen“ Marktbedingungen werden Aktien gekauft, wenn die konjunkturellen Umstände auf eine Verbesserung der Gewinne in der Zukunft hoffen lassen. Sollten sich die Aussichten für die Gewinne der Unternehmen eintrüben, dann werden im „Normalfall“ Anleihen gesucht, da diese einen garantierten Zahlungsstrom versprechen. Das gilt natürlich nur solange der Emittent der Anleihe nicht ausfällt. Im Fall von Länderanleihen guter Bonität war dies in der jüngeren Finanzgeschichte höchst unwahrscheinlich.

Die Kombination aus Staatsanleihen sehr guter Bonität und Aktien hat dementsprechend in der Vergangenheit sehr solide Anlageergebnisse erzielt. Wurde dieser Ansatz noch um ein diszipliniertes Rebalancing ergänzt, dann konnten langfristig sehr erfreuliche Ergebnisse erzielt werden. Aktuell scheint dieser Marktmechanismus durch die Geldpolitik der Notenbanken stark gestört zu sein. In der Konsequenz fallen und steigen die Preise von Anleihen und Aktien miteinander. Hierdurch steigen die Risiken für Anleger. Vereinfacht gesprochen hat ein Depot aus jeweils 50 Prozent globalen Aktien und Renten heute ein höheres Risiko als in der Vergangenheit.

Anleihen waren ein guter Stabilisator

Für jeden Anleger ist es wichtig eine ausreichend große Streuung (Diversifikation) zu erzielen. Damit sollen Risiken verteilt und Renditen aus verschiedenen Quellen und Anlageklassen vereinnahmt werden. Anleihen werden gerne genutzt, um für Phasen von Aktienmarktkrisen eine stabilisierende Größe im Portfolio zu halten, die sich gegenläufig zu den Aktienmärkten entwickelt. Im Krisenjahr 2008 verlor der globale Aktienmarkt gut 43 Prozent. Am US-Anleihemarkt konnte man im gleichen Jahr eine Rendite von knapp 17 Prozent (US-Staatsanleihen 10 Jahre Laufzeit) erzielen. Dieser stabilisierende Effekt innerhalb eines Portfolios ist natürlich umso größer, je höher die Anleihequote ist. Umso konservativer ein Portfolio sein soll, desto höher ist typischerweise der Anleiheteil. So zumindest die klassische Denkweise und in der Konsequenz auch die Struktur der Portfolios.

Gestörter Markt-Mechanismus und Mischfondsanalyse

Wir haben für die letzten vier Wochen eine Auswertung für verschiedene Mischfonds vorgenommen. Dabei haben wir untersucht wie stark die verschiedenen Sektoren gefallen sind und wie sich die Anleihequote auf die zu erwartenden Renditen auswirken.

Es wurde drei verschiedenen Sektoren untersucht. Mischfonds EUR defensiv, Mischfonds EUR flexibel und Mischfonds EUR aggressiv. Grundsätzlich haben die Manager dieser Fondssektoren einen Spielraum in dem sie die Anleihe- und Aktienquoten variieren können. Die Ausrichtung der Fonds (aggressiv, defensiv, flexibel) gibt eine gute Indikation wie hoch die Aktienquote im Verhältnis zur Anleihequote gewichtet ist.

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Wertentwicklung der letzten vier Wochen dem erwarteten Risikoprofil der Sektoren entsprechen. Die aggressiven Mischfonds verloren im Marktumfeld der letzten Wochen am meisten, gefolgt von flexiblen Mischfonds und am wenigsten verloren die defensiven Mischfonds.

Interessant ist es jedoch, wenn man die Verluste der letzten vier Wochen der Wertentwicklung der letzten zwölf Monate gegenüber stellt. Die defensiven Mischfonds verloren in den letzten vier Wochen über 26 Prozent ihrer Wertentwicklung, deutlich mehr als die anderen Sektoren. Am wenigsten verlor der Sektor Mischfonds aggressiv.

Unsere Interpretation der Daten lautet wie folgt: Die Rally an den Anleihemärkten hat in den letzten Jahren für eine besonders attraktive Wertentwicklung von Strategien und Investmentfonds gesorgt, die stark am Anleihemarkt investiert waren. Ein Faktor war sicher die Geldpolitik, die in jedem namenhaften Industrieland mit Anleihekäufen die Preise auf ein künstlich hohes Niveau getrieben hat. Doch auch die niedrigen Inflationsraten hoben die Kurse am Anleihemarkt auf historische Stände.

Die Phase von immer weiter fallenden Renditen könnte mittlerweile ihren Höhepunkt überschritten haben. Da rein mathematisch in vielen Fällen am Rentenmarkt nur sehr geringe Renditen möglich sind besteht ein asymmetrisches Risikoprofil für einen großen Teil des Anleihemarktes. Wir sind der Meinung, dass das Risiko in defensiven Anlageformen mit klassischen Vermögensverteilungen nicht mehr durch die Chance auf Erträge gerechtfertigt ist. Anleger sollten ihre Kapitalanlagen entsprechend flexibel anpassen und das Risikobudget neu definieren.

Einen kleinen Vorgeschmack was passiert, wenn Anleihepreise fallen, konnte man in den letzten Wochen bereits kosten. Der wichtigste Faktor für eine Wende am Anleihemarkt könnte eine Inflation sein, die höher ausfällt als bisher erwartet. In einem solchen Umfeld wären nicht nur die Anleihen, sondern auch noch einige andere Anlegerlieblinge der letzten Jahre betroffen. Solide Dividendenaktien und defensive Aktienmarktsektoren sollten dann ebenfalls betroffen sein. In der Konsequenz ist das Depot auf seine Anfälligkeit gegenüber Wachstums, Zins- und Inflationsüberraschungen zu überprüfen.

Folgen für Anleger

Der aktuelle Anstieg der Anleiherenditen wird nicht das Ende des Zeitalters der Niedrigzinsen gewesen sein. Hierzu sind die globalen Schulden einfach zu hoch. Überalterung in den Industrienationen und technologischer Fortschritt tun ihr übriges. Zudem sollte klar sein, dass die realen Renditen (also unter Berücksichtigung der Inflation) relevant sind. Für in nominellen Verpflichtungen denkende institutionelle Investoren wie Versicherungen und Versorgungswerke sind steigende Zinsen gut. Für den privaten Anleger, der seine Kaufkraft erhalten bzw. steigern muß spielt es keine Rolle ob Situation a oder b vorherrscht.

a) 2 Prozent Rendite für eine Anleihe abzgl. 1,5 Prozent Inflation = 0,5 Prozent
b) 0,5 Prozent Rendite abzgl. 0 Inflation = 0,5 Prozent
Emotional ist “a” natürlich angenehmer, da man sich vermögender fühlt, aber “b” ist ehrlicher und regt vielleicht zu einem professionellem Umgang mit den langfristigen finanziellen Plänen an.

Anleger sollten sich immer im Klaren darüber sein, dass man das eigene Portfolio nicht zu einseitig aufstellen sollte. Ein erster Schritt, um eine ausgewogene/optimale Portfoliostruktur zu erreichen, ist es, die Bestandteile des bereits bestehenden Vermögens zu analysieren. Auf dieser Basis können künftige Anlageentscheidungen so getroffen werden, dass eine ausgewogene Portfoliostruktur entsteht. Dabei sollte auf jeden Fall auch ein ausreichender Inflationsschutz im Portfolio (Investition in Finanzanlagen, die von steigenden Inflationsraten profitieren) berücksichtigt werden.

Dies wird ein Schwerpunktthema im kommenden YPOS Kapitalmarkt-Dialog am 19.05.2015 um 18 Uhr sein. Anmeldungen sind noch möglich.

www.ypos-fp.de/vortragsreihen/ypos-kapitalmarkt-dialog-19-mai-1800-uhr-8887/
 
 
Mit freundlichen Grüssen
Christoph Leichtweiß

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