Im Januar 2016 schrieb ich Folgendes: „Wenn Dummheit, Unwissen und Gier sich paaren, wird es gefährlich in der Welt.“ In meinem ebenfalls im Januar 2016 zuletzt geführten Gespräch mit Sandra Navidi ging es unter anderem auch um das Thema „Herdenverhalten an den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten“.

Einer, der den Mund aufmacht

Bedenklich stimmt mich die Tatsache, dass diejenigen, welche noch dazu in der Lage scheinen, die Geschehnisse in einen realen Kontext zu rücken, nicht selten lächerlich gemacht, als „Rechte“ verschrien oder als „Schwarzmaler“ gebrandmarkt werden. Da Politik, Medien und Hochfinanz ganz augenscheinlich gemeinsam das Bett teilen, verwundern diese Entwicklungen nicht.

Eine Krähe hackt der anderen nun mal kein Auge aus. Es gibt jedoch noch eine ganze Reihe von Personen in exponierter Stellung, die sich der Wahrheit nicht zu verschließen scheinen. Zu diesen Personen zählt in meinen Augen der ehemalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), William White.

„Sozialismus für Reiche“

Heute in exponierter Position bei der OECD aktiv, warnt White einmal mehr davor, dass sich die Welt zum aktuellen Zeitpunkt in einem schlimmeren Zustand befindet, als dies vor dem fatalen Ausbruch der globalen Finanzkrise im Jahr 2007 der Fall gewesen sei. Und wen wundert dies? Schließlich wurde seitens der Politik darauf verzichtet, seitdem echte Reformen umzusetzen.

In der Vergangenheit begangene Fehler wurden nicht korrigiert, sondern man hat die Akteure an den internationalen Finanzmärkten auf Kosten der Steuerzahler mittels Bailouts in Billionenhöhe sogar noch großzügig aus ihren Problemen heraus gekauft. Von Anbeginn wurden diese Ereignisse durch Investorenikonen wie Jim Rogers als „Sozialismus für Reiche“ bezeichnet.

Verschuldungsniveau jenseits von Gut und Böse

Hiervon ging seitens der Politik ein fatales Signal aus, das da lautete: Lasst uns einfach so weiter machen wie bisher, Banken und rücksichtslosen Kreditgebern einige symbolträchtige Strafzahlungen aufbrummen, um danach zurückzukehren zu „business as usual“.

Und so verwundert es auch kaum, dass die allgemeine Verschuldungslage im Angesicht der Null- und Negativzinspolitik der Notenbanken in den vergangenen Jahren heutzutage noch ferner von Gut und Böse ist, als es damals zu Zeiten der globalen Finanzkrise der Fall gewesen ist.

Ohne Eigenverantwortung kann kein kapitalistisches System überleben

Es dürfte aus dem Blickwinkel der aktuellen Entwicklungen durchaus damit zu rechnen sein, dass es exakt jene Spekulanten und Gesundbeter sein werden, die im Angesicht von potenziellen Turbulenzen und Markteinbrüchen dann abermals das Weite suchen werden.

Wenn es dann aufgrund des spekulativ veranlagten Herdenverhaltens erneut richtig scheppern wird in der Welt, muss sich zeigen, ob Rufe nach abermaligen Bailouts durch die Steuerzahler der dann entstehenden Situation überhaupt noch Rechnung tragen werden. Haben Sie sich in jüngster Zeit einmal gefragt, wie es um die Eigenverantwortung in unserer Gesellschaft steht? Ohne Eigenverantwortung kann kein kapitalistisches System überleben. Dass im Zuge von sich verewigenden Staatsinterventionen in Wirtschaft und Finanzmärkte längst schon eine Umwandlung unseres einst kapitalistischen und marktwirtschaftlichen Systems hin zu einem staatssozialistischen System ins Rollen gekommen ist, zeigen die in den letzten 10 Jahren zu beobachtenden Ereignisse.

Von der Übernahme von Selbstverantwortung unter exponierten Akteuren in Wirtschaft und an den Finanzmärkten lässt sich weit und breit nichts erkennen. Vielmehr haben die Ereignisse in den Jahren 2007 bis 2009 dazu beigetragen, seitens Politik und Notenbanken den Versuch zu unternehmen, ein System zu „retten“ und zu zementieren, das eigentlich nur noch aus morschem Gemäuern besteht, und das im Innern längst vor sich hin fault.

Dem Moral Hazard wurde weiterhin der Weg bereitet, die Gefahren sind entsprechend gestiegen

Nach Januar 2016 äußerte sich William White gestern in einem Interview gegenüber Bloomberg TV erneut dezidiert zur aktuellen Lage. Danach ließen sich die Entwicklungen im Weltfinanzsystem mit dem Jahr 2008 vergleichen. Doch dies reicht noch nicht. Denn bei der OECD werde die aktuelle Lage zurzeit noch schlimmer beurteilt als im Vorkrisenjahr 2007.

Die Risiken und Gefahren seien bei Weitem größer als damals, wie White sich äußerte. Wen wundert es? Haben Notenbanken rund um den Globus mittels ihrer Harakiri-Strategie des „Alles oder Nichts“ oder „Koste es, was es wolle“ – um bei EZB-Chef Mario Draghi zu bleiben – abermals einen großen Beitrag dazu geleistet, die globalen Finanzmärkte im Moral Hazard versinken zu lassen.

Alternative hierzu wäre auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise aus meiner Sicht gewesen, für einen echten Schnitt zu sorgen. In diesem Zuge hätte es durchaus zu Staatsinterventionen kommen können, doch dann bitteschön, um unverantwortlich handelnde Banken und Konzerne auf eine geordnete Weise abzuwickeln und aus dem Wettbewerb aus zu sondieren. Stets nur auf Höchstzinsen schielende „Investoren“ hätten in diesem Zuge Haircuts hinzunehmen gehabt, doch wovon träume ich? Denn hier wären wir dann wieder einmal beim so wichtigen Thema  „Eigenverantwortung“ angelangt! Anstelle von Bankrotten hagelte es Steuerzahlerbailouts.

Vermögenspreisblase und zu niedrige Volatilität

Einmal mehr machte White gegenüber Bloomberg TV darauf aufmerksam, dass die Vermögenspreise sehr hoch bewertet seien, was insbesondere für die Junkbondmärkte gelte. Nicht nur ein zu niedriger Volatility Index (VIX), sondern auch nach wie vor im Preis zulegende Häuser- und Aktienpreise addierten sich zu den zunehmenden Befürchtungen, die bei der OECD gehegt werden, so White.

White ging in seinen Ausführungen nicht nur auf die aktuell vorherrschende Lage in den westlichen Industrieländern ein. Auch China und Indien sieht er großen Gefahren ausgesetzt, wo das Kredit- und Darlehenswachstum über die vergangenen Jahre in einem ungesehenen Tempo zugelegt hätten.

Kein Liquiditäts-, sondern ein Schuldenproblem

Chinas aktuelle Gesamtverschuldung sei „furchterregend“, so White weiter. Noch furchterregender sei hingegen die Tatsache, auf welch schnelle Weise sich die Kreditverschuldung im Reich der Mitte aktuell noch immer am Ausweiten sei.

Die in meinen Augen wichtigste Aussage Whites war, dass die „Welt keinem Liquiditätsproblem ins Auge sieht, das durch Zentralbanken gelöst werden könnte“. Vielmehr handele es sich – worauf auch ich und meine Cashkurs-Kollegen in der Vergangenheit stets hingewiesen hatten – um ein Solvenz-  bzw. Insolvenzproblem, das durch zu hohe Schuldenstände verursacht wurde.

Regierungen in der Pflicht

White sieht nicht die Notenbanken, sondern die Regierungen in der Pflicht. Was benötigt werde, seien weitere Fiskalexpansionen, Schuldenstreichungen sowie eine ausreichende Rekapitalisierung von Finanzinstituten. Des Weiteren kritisiert White, dass die Einkommen aus Kapitalanlagen sich von den Einkommen aus Arbeit in vielen Nationen dieser Erde abgekoppelt hätten. Auch hierbei handele es sich um ein Problem, das endlich durch die Politik zu adressieren sei.