2020 droht zu einem Katastrophenjahr aus Sicht von Amerikas Schieferöl- und Schiefergas-Industrie zu werden. Anders als zu Zeiten des Ölpreiseinbruchs in den Jahren 2014 und 2015 melden jetzt nämlich auch große Öl- und Gasunternehmen Insolvenz an.

Im 1. Halbjahr wurden insgesamt 44 Insolvenzen unter amerikanischen Explorations-, Förder- und Öldienstleistungsunternehmen verzeichnet. In diesem Zuge gingen ausstehende Schulden in Höhe von 55 Milliarden US-Dollar in Rauch auf.

Laut eines neuen Berichts der Firma Haynes and Boone ist es im 1. Halbjahr zum höchsten Anstieg der Insolvenzen seit dem Jahr 2016 gekommen. Wie gestaltet sich die Entwicklung seit dem Jahr 2015?

Nun, zwischen Januar 2015 und Juni 2020 fielen kumulierte Schulden in besicherter und unbesicherter Form in Höhe von 262 Milliarden US-Dollar aus. Insgesamt kam es in diesem Zeitraum zu 446 registrierten Insolvenzen unter Unternehmen im amerikanischen Öl- und Gassektor.

  

Zurück zum 1. Halbjahr 2020. Unter den insgesamt 44 eingereichten Insolvenzen befanden sich neun Unternehmen, deren ausstehende Schulden sich auf einen Betrag von mehr als eine Milliarde US-Dollar beliefen.

Die drei größten Unternehmen, namentlich Diamond Offshore, McDermott und Chesapeake schoben einen Schuldenberg von zwischen neun und zwölf Milliarden US-Dollar vor sich her, wie aus dem Bericht von Haynes and Boone hervorgeht.

   

Der Löwenanteil der seit dem Jahr 2015 registrierten Sektor-Insolvenzen konzentrierte sich mit insgesamt 239 Bankrotten auf den Bundesstaat Texas. Im laufenden Jahr ist es bislang zu 39 Insolvenzen im texanischen Öl- und Gassektor gekommen.

   

Wer sich in Erinnerung ruft, wie abhängig Texas von seiner Öl- und Gasindustrie ist, wird sich darüber gewahr sein, dass sich im Zuge der aktuellen Entwicklungen sehr wahrscheinlich auch die Insolvenzen in Dienstleistungsbereichen rund um die texanische Öl- und Gasindustrie potenzieren werden.

Zu einer Intensivierung des Fracking-Kollapses ist es angesichts des jüngst erfolgten Absturzes der amerikanischen Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) an den Futures-Märkten Ende April dieses Jahres gekommen, nachdem WTI kurzzeitig auf bis zu knapp -37 US-Dollar einbrach.

Zwar konnte sich WTI seitdem wieder auf rund 40 US-Dollar pro Fass erholen, doch Experten warnen davor, dass Amerikas Fracking-Unternehmen auch bei diesem Preis vielerorts noch immer hochgradig Geld verbrennen würden.

Der seit dem Jahr 2010 zu beobachtende Fracking-Boom hat zu einer Förderflut im Öl- und Gassektor Amerikas geführt. Resultat war, dass die heimischen Gaspreise massiv unter Druck geraten sind, obwohl sich die politischen Bemühungen, einen großen Teil dieser Gasreserven ins überseeische Ausland zu exportieren, deutlich intensivierten.

   

Neben dem massiv gesunkenen Gaspreis kam es seit Beginn der 1990iger Jahre zudem auch zu technischen Innovationen wie der Einführung von hoch effizienten Gasturbinen zum Betreiben von Kraftwerken.

Kohle konnte ab diesem Zeitpunkt preislich nicht mehr mit Gas konkurrieren, weshalb in den USA seitdem immer mehr gasbetriebene Kraftwerk gebaut worden sind. Folge war, dass die Nachfrage für Thermalkohle beständig in den Keller rauschte.

Nahezu alle Kohleunternehmen in den USA schlitterten sukzessive in die Pleite, manche bis dato gar zweimal. Doch die in diesem Bereich freigesetzten Gelder flossen nach und nach in die amerikanische Fracking-Industrie.

„Was heißt das für mich konkret!?“

Es erweist sich aus heutiger Sicht für viele Fracking-Unternehmen als immer schwerer, ihr wirtschaftliches Überleben im aktuellen Umfeld zu sichern. Gleiches lässt sich aus Perspektive all jener Investoren behaupten, die ihre Gelder über die vergangenen Jahre trotz sich mehrender Analystenwarnungen in diese Industrie schaufelten.

Nicht nur die im amerikanischen Fracking-Sektor ausstehenden Schulden suchen ihres Gleichen. Investoren blicken ebenfalls der Tatsache ins Auge, einen Großteil der Fracking-Förderer mit immerfort neuem Aktienkapital im Angesicht von neuen Aktienemissionen versorgt zu haben.

Angesichts der wachsenden Insolvenzen in diesem Sektor löst sich dieses Aktienkapital gerade schneller auf als man zuschauen kann. Vielmehr lässt sich feststellen, dass diese zusätzlichen in den Sektor gepumpten Milliarden US-Dollars nicht einmal eine Erwähnung in den betreffenden Insolvenzverfahren finden.