Die Gewinne unter den im S&P 500 Index gelisteten Unternehmen sind am Purzeln, doch dies scheint wohl nur die halbe Wahrheit zu sein. So warnen namhafte Investmentberater in den Vereinigten Staaten ihre Kunden davor, dass viele Firmen ihre Bilanzen schönten, um nach außen besser dazustehen als es tatsächlich der Fall ist. Wir finden diesen Aspekt alleine daher interessant, weil wir erst vor Kurzem einen Bericht publizierten, in dessen Fokus die Frage stand, welcher Mittel sich die im S&P 500 Index gelisteten Firmen bedienen könnten, um im Zuge von rückläufigen Gewinnen im 1. Quartal die Konsenserwartungen zu übertreffen. 

"Bereinigte" Profite um 50% höher als angefallene Nettogewinne

Es erweckt den Eindruck, als ob die im vergangenen Jahr erzielten Rekordgewinne im US-Unternehmenssektor einer eingehenderen Analyse stand halten können. Laut professionellen Investmentberatern präsentierten viele Unternehmen in die Irre führende Gewinnergebnisse, die eine breite Palette der Kosten zur Führung eines operativen Geschäfts ausblendeten.

Diese Warnung ergeht, weil die zum jeweiligen Quartal berichteten Zahlen in der Konsequenz besser ausfielen als sie wirklich seien. Des Weiteren werden schwere Vorwürfe erhoben, laut denen das Gros der Finanzanalysten mit den Unternehmensführungen unter einer Decke steckten, anstatt sich den realen Gegebenheiten zuzuwenden.

Anstatt die durch die entsprechenden Unternehmen übermittelten Zahlen auf Herz und Nieren zu überprüfen, würden diese Zahlen in eigenen Reports vorbehaltlos zur Grundlage gemacht, um Unternehmensaktien auf dieser Basis gegenüber Investoren zu empfehlen. Viele Firmen schönten die Zahlen auf unverschämte Weise, wie unter anderem Tom Brown von Second Curve Capital ausführte.

Währenddessen hätten Analysten nichts besseres zu tun, als die übermittelten Zahlen zu „schlucken“ und zum Maßstab der eigenen Analyse zu machen. Interessant ist der Verweis auf eine Analyse der Nachrichtenagentur AP, die sich mit der Gewinnentwicklung unter den 500 größten Firmen in den Vereinigten Staaten beschäftigte. Die zugrundeliegenden Daten wurden durch die Researchfirma S&P Capital IQ geliefert.

Wie aus dieser Analyse hervorgeht, ist die Lücke zwischen den „bereinigten“ Profiten, denen sich Analysten zuwenden, und den so genannten Nettogewinnen in den vergangenen fünf Jahren auf dramatische Weise gewachsen. Bei einem Fünftel aller untersuchten Unternehmen erwiesen sich die „bereinigten“ Profite um 50% höher als die angefallenen Nettogewinne.

Absturzrisiko steigt, da Aktienkurse nicht durch Unternehmenszahlen unterlegt seien

Darüber hinaus ist die Anzahl der Unternehmen, die sich nun in dieser Kategorie befindet, in den letzten fünf Jahren drastisch gewachsen. Nicht selten sei es der Fall, dass Unternehmen, deren Profite auf bereinigter Basis recht passabel aussähen, in der Realität Kapital verbrennen würden.

Lynn Turner, ehemaliger Chefbuchhalter bei der Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) erklärte jüngst, dass viele Unternehmen nach dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000 nach wie vor schönten, während es in der Analystenzunft kaum jemanden gäbe, der sich den damals vereinbarten Regeländerungen unterwerfe.

Doch Analysten sind auch nicht gesetzlich dazu verpflichtet. Ganz im Gegenteil sei es laut Turner nichts Neues, dass das Auslassen einer Bilanzierung von Kosten unter vielen Firmen einfach unter den Tisch falle. Nach wie vor sind derlei Maßnahmen legal. Ein weiterer Kritiker ist Buchautor und Investmentberater John Del Vecchio, der in diesem Kontext erklärte, dass das Absturzrisiko an den Börsen immer mehr wachse, weil die Aktienkurse nicht durch entsprechende Unternehmenszahlen unterlegt seien. 

Unter den Kosten, die in Bilanzen nur selten ausgewiesen würden, befänden sich unter anderem Abfindungszahlungen an entlassene Mitarbeiter, im Wert fallende Patente, der tatsächliche Wert der an eigene Mitarbeiter zugeteilte Unternehmensaktien oder gar Verluste aus fehl geschlagenen Geschäften.

Auffällig sei im Zeitraum 2010-2014, dass der Unterschied zwischen den „bereinigten“ Profiten und den Nettogewinnen in den vergangenen fünf Jahren Quartal um Quartal geklettert sei. Die entsprechende Lücke liegt bei knapp $585 Milliarden. Ein Vergleich zeigt das Ausmaß: laut Investmentberatern sei dies ebenso, als ob jede im S&P 500 gelistete Firma einen Extrascheck für einen Gewinnzeitraum von acht Monaten zugeschickt bekommen habe.