Inflation dient dem Machterhalt

Wenn sich das Geldangebot in einer Wirtschaft auf eine Milliarde US-Dollar beläuft, lässt sich mittels jeder Währungseinheit zunächst X erwerben (es handelt sich um die Kaufkraft jeder einzelnen Währungseinheit). Wenn sich das Geldangebot ohne entsprechende Expansion der Produkte und Dienstleistungen, die Verbrauchern zum Kauf zur Verfügung stehen, verdoppelt, halbiert sich die Kaufkraft jeder einzelnen Währungseinheit.

Die Reduktion der Kaufkraft jeder einzelnen Währungseinheit wird gemeinhin als Inflation bezeichnet. Regierungen blicken wachsenden gesellschaftlichen Forderungen bei limitierten oder sinkenden Steuereinnahmen ins Auge, was naturgemäß dazu führt, diese Forderungen mittels einer „freien“ neuen Währung zu bezahlen, da die politischen und finanziellen Schmerzen, die durch massiv kletternde Steuern verursacht werden, etablierte Regierungen die politische Macht kosten.

Regierungen werden ohne „Aufseher“ immer zu exzessiver Geldschaffung tendieren

Diese immerwährende Versuchung erklärt die im geschichtlichen Zeitablauf wiederkehrenden Hyperinflationen und Schuldenausfälle. Die immerwährende Versuchung, sich bis über beide Ohren zu verschulden, wodurch sich die zu leistenden Zinszahlungen im Zeitablauf massiv erhöhen, führt letztendlich dazu, dass Regierungen Zahlungsausfälle auf ihre ausstehenden Schulden erklären.

In beiden Fällen – sowohl Hyperinflation als auch Zahlungsausfall auf die ausstehenden Schulden – liegt im Kern eine währungsbedingte Finanzkrise zugrunde, die den Status Quo verändert und umstößt. Hierin spiegelt sich die größte Hürde in Bezug auf Modern Money Theory (MMT): Die Freiheit, neue Währungseinheiten zu emittieren, lässt sich nur schwer bis überhaupt nicht limitieren, da es immer wieder zu neuen Forderungen nach stark kletternden Regierungsausgaben kommen wird.

Im Angesicht des Mangels an „Aufsehern“, welche die Emission neuer Währungseinheiten strikt limitieren und regulieren, um die umlaufenden Währungseinheiten an die Expansion im Bereich der Güter und Dienstleistungen anzupassen, tendieren Regierungen gemeinhin dazu, neue Währungseinheiten in exzessiver Form zu emittieren, womit die Realwirtschaft und deren erzeugtes Angebot schlichtweg nicht mithalten können.

Auch MMT verursacht Inflation!

Hierdurch entsteht Inflation, die im Zeitablauf jedermann verarmen lässt, der oder die diese Währung hält oder nutzt. MMT-Befürworter berufen sich darauf, dass MMT zur Erzeugung von Produkten und Dienstleistungen beitrage, weshalb MMT keine Inflation erzeugen werde. Doch der Wiederaufbau oder die Renovierung einer maroden Brücke erzeugt in der Realität keine neuen Produkte und Dienstleistungen, geschweige denn, dass MMT zu einer Steigerung der Produktivität führen würde.

Mittels MMT werden vielmehr Löhne erzeugt sowie Konsummaterialien und Energie verbraucht. Da es in diesem Zuge nicht zu einer Schaffung von mehr konsumierbaren Gütern und Dienstleistungen kommt, befördern sowohl steigende Löhne als auch eine zunehmende Materialnachfrage die Preise nach oben.

Politischer, nicht wirtschaftlicher Prozess: MMT verleugnet die menschliche Natur

Die größte Schwierigkeit findet sich darin, dass der demokratisch-politische Prozess vor allem auf kurze Sicht plant, und dass sich politisch fragwürdige Dynamiken entwickeln: Politiker fokussieren sich auf Bedürfnisse und Notwendigkeiten, um Wahlen zu gewinnen oder wieder gewählt zu werden. Naturgemäß werden sich diese Politiker auf eine Erzeugung von neuen Währungseinheiten und neuen Regierungsausgaben einlassen, um den Bedürfnissen von ihren Wählern, Lobbyisten und Wahlkampfspendern nachzukommen.

Ich sehe in einem solchen System ehrlich gesagt keine Beschränkungen für politisch fragwürdiges Handeln. Politiker müssen dazu gezwungen werden, Folgendes zu sagen: „Ich weiß, dass Ihre Forderungen und Bedürfnisse legitim sind, doch uns fehlt für deren Umsetzung schlichtweg das Geld.“ Ohne eine natürliche Beschränkung in Bezug auf die Emission von neuen Währungseinheiten, wird Geld im Überfluss emittiert, weil es sich nicht um einen wirtschaftlichen, sondern um einen rein politischen Prozess handelt.

Und hierin findet sich der größte Konstruktionsfehler im Falle MMTs. Sich auf Politiker zu verlassen, Limitierungen im Hinblick auf deren eigene Wünsche zu einer Wiederwahl zu verhängen, verleugnet die menschliche Natur. Eine zweite Besorgnis leitet sich aus den persistenten Vorstellungen über eine „Flaute“ in der Wirtschaft ab – und somit ungenutzte Kapazitäten. Haben Sie selbst schon einmal die Schilder in jeder Home-Depot-Filiale oder vergleichbaren Einzelhändlern und Restaurants mit der Aufschrift „Hilfe gesucht“ bemerkt?

Green New Deal wird Gesellschaftsspaltung voran treiben

Es kommt uns zu Ohren, dass Millionen von Menschen in unserem Land ohne Beschäftigung sind, doch wenn diese Menschen sich auf der Suche nach Arbeit befinden, oder gar arbeiten müssen, warum gibt es dann derart viele offene Stellen? Die Antwort auf diese Frage ist sehr komplex: Die offerierten Löhne sind zu niedrig und bieten keine Anreize zur Arbeitsaufnahme, die Arbeitslosen verfügen nicht über ausreichende Qualifizierungen, etc.

Anders ausgedrückt, erweckt es auf die ein oder andere Weise den Eindruck, als ob sich unsere Wirtschaft nahe ihrer Kapazitätsgrenzen befinden würde. Neue Programmevorschläge wie der New Green Deal werden sich faktisch auf die Jagd nach erfahrenen Arbeitnehmern begeben, um diese von anderen Projekten oder Firmen abzuziehen. Gleichzeitig werden die Löhne klettern (gut für Arbeitnehmer), wodurch sich in der Folge allerdings eine Lohn-Preis-Spirale entwickeln wird (schlecht für jedermann, der oder die keine höheren Lohnforderungen stellen können).

Green New Deal: Infrastrukturprojekte bedürfen qualifizierter Arbeitskräfte

Meine dritte Besorgnis: Da ich jemand bin, der über 45 Jahre Erfahrung in der Konstruktions- und Bauindustrie verfügt, bin ich mir sehr wohl darüber bewusst, dass die Mehrzahl an neuen Infrastrukturprojekten und einschließlich der im Zuge eines New Green Deals anfallenden Ausgaben, die viele meiner Landsleute als der Allgemeinheit dienend betrachten, in erster Linie einmal qualifizierte Arbeitskräfte benötigen.

Der Wiederaufbau oder die Renovierung von Brücken, Elektrizitätsnetzen, usw. setzt einen Einsatz von hoch spezialisierten Arbeitskräften voraus. Auch zur Installation von Solaranlagen braucht es erfahrene und qualifizierte Arbeitskräfte mit körperlicher Ausdauer.

Ausbildung dauert und schafft keine Produkte oder Dienstleistungen

Der Prozess einer Qualifizierung einer großen Gruppe von neuen Arbeitskräften ist nicht nur zeitintensiv, sondern auch teuer. Im Zuge dieses Prozesses werden darüber hinaus nicht notwendigerweise neue Produkte und Dienstleistungen geschaffen.

Anders ausgedrückt, handelt es sich um einen stark inflationären Prozess, über den eine Menge neuen Geldes in die Wirtschaft gepumpt wird, ohne dass es zu einer Erzeugung von neuen Produkten und Dienstleistungen oder deren Ausweitung kommen würde. Zumindest gilt das, solange die neu qualifizierten Arbeitskräfte nicht damit begännen, neue Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen und anzubieten.

Geforderte Ausgaben erhöhen nicht die zum Wohlstandsaufbau notwendige Produktivität

Meine vierte Besorgnis leitet sich anhand der Tatsache ab, dass „Vermögen“ und „Wohlstand“ (gemessen in neuen durch Kapital und Arbeit erzeugten Gütern und Dienstleistungen) durch Produktivitätssteigerung infolge von Investitionen in höhere Effizienz erzeugt werden. Doch der größte Anteil an jenen Ausgaben (Reparatur von Brücken und Straßen, Bedrängung bestehender Energienetze durch den Aufbau von neuen oder alternativen Energienetzen, etc.), welche durch die Verbraucher eingefordert werden, erhöhen nicht notwendigerweise die Produktivität.

Vielmehr verkehrt über eine reparierte oder ausgebesserte Brücke die gleiche Anzahl an Fahrzeugen wie zuvor, so dass es nicht zu einer Steigerung der Produktivität kommt. Im Fall von Effizienz und Produktivität handelt es sich um Kerndynamiken, während der MMT-Prozess bislang hauptsächlich politisch ist. Die Politik zeigt jedoch nur wenig Interesse für Effizienz und Produktivität. Es handelt sich, wie zuvor erwähnt, um einen durch die Politik angestoßenen Prozess. Und Politiker sind an aus ihrer Sicht zweckdienlichen Prozessen interessiert.

Kapitalerträge und Produktivität sind wirtschaftliche Kerndynamiken – Politik verschwendet häufig Kapital, Arbeit und Ressourcen

Wichtige und dringend notwendig zu treffende Schlüsselentscheidungen werden in diesem Zuge immer weiter in die Zukunft verschoben. Im privaten Wirtschaftssektor handelt es sich im Fall von Kapitalerträgen und der Produktivität hingegen um Kerndynamiken. Auf diese Weise werden Entscheidungen getroffen, die einem effizienten Einsatz von Kapital, Arbeit und Ressourcen priorisieren.

Im Falle eines Mangels in Bezug auf das Vorhandensein dieser Kerndynamiken werden knappe Ressourcen nicht selten aus politisch zweckdienlichen Gründen verschwendet. Im Umkehrschluss folgt hieraus, dass Kapital, Arbeit und Ressourcen auch verschwenderisch oder falsch genutzt werden können, was eine Steigerung der Opportunitätskosten zur Folge hat.

MMT: Eine Geldexpansion würde die Fehlallokationen in Sachen Kapital, Arbeit und Ressourcen verschlimmern

All jenes Kapital, all jene Arbeit und all jene Ressourcen, die im Zuge der Renovierung oder Ausbesserung von „Brücken ins Nirgendwo“ – sowie vergleichbaren Projekten –verschwendet werden, stehen nicht mehr länger für eine Nutzung von wirklich produktiven Einsätzen zur Verfügung. Die Schlüsselfrage, um die sich hier alles dreht, lautet wie folgt: Auf welche Weise nutzen wir unsere knappen Kapital-, Arbeits- und Rohstoffressourcen, um einerseits die Produktivität und andererseits sozial-ökologische Investitionen in einer nachhaltigen Weise zu steigern?

Wer sich mit MMT eingehend beschäftigt, wird zu dem Ergebnis gelangen, dass sich dessen Hauptproblem aus einem Mangel an Geld und nicht ausreichenden Währungseinheiten ableitet. MMT-Befürworter, die in der Umsetzung dieser Theorie eine Lösung für all unsere Probleme sehen, gehen davon aus, dass neu erzeugte Geldeinheiten innerhalb des bestehenden politischen Systems auf effiziente Weise zum Einsatz gebracht und investiert werden können, ohne dass es zu einer (Zer-)Störung des ohnehin bereits stark angeschlagenen Finanzsystems kommen wird.

Während die mit MMT einhergehenden Reize auf der Hand liegen, erweckt es aus meiner Sicht den Eindruck, als ob sowohl das politische System wie auch das Finanzsystem auf eine Weise kaputt sind, die sich mittels einer Hinwendung zu MMT – egal wie es auch gemanagt würde – nicht kurieren oder heilen lässt. Hauptproblem ist nämlich, dass wir Kapital, Arbeit und Ressourcen in einem hohen Umfang fehlallokieren. Eine Expansion des Geldangebots und „Kapazitätswachstum“ beheben das zugrundeliegende Problem nicht, sondern würde die Dinge nur noch verschlimmern.

MMT – Eine System-Notrettungsmaßnahme im „grün-ökologischen Mäntelchen“

Blicken wir nur auf die zig Billionen von US-Dollars, die in jüngster Zeit in neuer Währung emittiert worden sind, und die nun rund um den Globus wandern, um sich auf die Jagd nach Renditen zu begeben, die Billionen von US-Dollars mittels denen Vermögenspreisblasen aufgepumpt wurden, die lediglich den Wenigen an der Spitze des Systems dienlich sind sowie die horrende Verschwendung von Kapital, so fällt es aus meiner Sicht äußerst schwer, MMT nicht als das zu betrachten, was es letztendlich ist: Nämlich eine Notrettungsmaßnahme, die im „grün-ökologischen“ Mäntelchen zur Unterstützung eines deutlich angeschlagenen, verschwenderischen und nicht nachhaltigen Systems daher kommt.

MMT würde den existierenden Status Quo unberührt lassen und zementieren und würde obendrein noch mit der Emission von gewaltigen neuen Währungseinheiten samt massiv steigenden (Staats-)Ausgaben einhergehen, Hierdurch würde sich der Konsum wahrscheinlich nochmals über eine Zeit ankurbeln lassen – doch zu welchem Preis würde dies geschehen? In einer Welt, die einer Verschwendung von knappen Ressourcen ohnehin seit Jahrzehnten kein Augenmerk schenkt!

Auch „grünes Wachstum“ würde die systemimmantente Zerstörungskraft erhöhen – wir brauchen grundlegende Abkehr von konsumgetriebenener Wirtschaft

Im Fall von MMT handelt es sich deshalb nur um einen weiteren Versuch, einen dysfunktionalen Status Quo durch die Emission von neuen Währungseinheiten in gewaltiger Menge und „Wachstum“ zu erhalten. Doch mehr „Wachstum“, selbst jenes, das in die Kategorie grün-alternativ fiele, wird die Destruktivität unseres Systems noch erhöhen. Was wir als Menschheit jedoch dringender als alles andere benötigen, ist eine radikale Senkung unseres Konsums und eine Abkehr von unserer rein durch Konsum getriebenen Wirtschaft.

Wir benötigen stattdessen ein Wirtschaftssystem, das durch nachhaltige Anreize anstelle von Slogans „Mehr von allem“ im Namen des „Wachstums“ bestimmt wird. Ich könnte mir aus diesem Blickwinkel ein neues System vorstellen, das auf einer privatwirtschaftlichen Währung und vor allem Dezentralisierung fußt. Gleichzeitig muss es zur Institutionalisierung von nachhaltigeren (und weniger destruktiven) Anreizen kommen, um das zu heilen, was im aktuell bestehenden sozio-ökonomischen Wirtschaftsmodell kaputt ist.

MMT ist der Startschuss für weiteren Kaufkauftverlust bis hin zum Zusammenbruch unseres Geldes

Doch das heißt nicht, dass MMT nicht ausprobiert werden wird, da die drei Säulen des wirtschaftlichen „Wachstums“ – kletternde Verschuldung, Finanzialisierung und Globalisierung – über den Verlauf der letzten zwanzig Jahre allesamt ins Stocken geraten sind. Zusammenfassend lässt sich sagen: MMT wird den Bürgern als Lösung für das „Problem“ von unzureichenden Regierungsfinanzen präsentiert. Doch hierin liegt nicht das tatsächliche Problem.

Das echte Problem ist die Kaufkraft unser Fiat-Währung, die im Zuge von MMT in Form von Billionen von neuen US-Dollars emittiert würde. Es handelt sich um das Rezept für einen Zusammenbruch unseres Geldes, wie wir es heute kennen.

Ihr Charles Hugh Smith

Gastbeitrag für CK*Wirtschaftsfacts / © 2019 Charles Hugh Smith / The Daily Reckoning / Agora Publishing

„Was heißt das konkret für mich!?“

Die Verfolgung der in den USA auf höchster Ebene geführten Diskussionen zur Umsetzung eines Green New Deal, verbunden mit der Modern Money Theorie könnte der Antizipation der Entwicklungen dienen, die auch hier in Europa stattfinden könnten. Ob man Charles Hugh Smith in seiner Sichtweise beipflichten möchte oder nicht, so dienen diese theoretischen Überlegungen sicherlich als Anregung, um über grundlegende systemische Mechanismen nachzudenken, Dinge zu hinterfragen – und somit den eigenen Horizont zu erweitern.