Chinas riesiger Schattenbankensektor stemmt längst schon die Löwenanzahl der neu im Reich der Mitte vergebenen Kredite. Gefährlich ist diese Entwicklung allein schon deshalb, weil die Intransparenz im gesamten Sektor sehr hoch ist, und eine echte Regulierung des Sektors kaum stattfindet.

Vorgänge bei der Mingsheng Bank wohl nur die Spitze des Eisbergs

Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an die Mitte April dieses Jahres zu beobachtenden Turbulenzen bei Chinas Mingsheng Bank, dem größten Privatinstitut des Landes. Damals gab das Institut bekannt, dass sich für eigene Kunden im Schattenbankensektor veranlagte Gelder in Höhe von mehr als 3 Billionen Yuan über Nacht in Luft aufgelöst hatten.

Selbstverständlich wurde der Löwenanteil dieser Gelder in so genannten „Vermögensmanagementpläne“ investiert, über deren Risiken und Gefahren ich Sie in der Vergangenheit wiederholt ins Bild gesetzt hatte. Andererseits drängte an die Oberfläche, dass Mitarbeiter der Mingsheng Bank in Betrügereien verstrickt gewesen sind.

Ein großer Teil der Anlagegelder soll durch diese Bankmitarbeiter in andere Kanäle geleitet worden sein als ursprünglich vereinbart. Manche mit Kunden vereinbarten Anlagen wurden überhaupt nicht investiert. Zu einem späteren Zeitpunkt kam dann heraus, dass Mingsheng-Bedienstete Kundengelder in „Kulturgüter“ und Schmuck zum Eigengebrauch steckten.

Die Vorgänge bei der Mingsheng Bank sind aus meiner Sicht nur die Spitze des Eisbergs für das, was in China in absehbarer Zukunft noch an professionellen Betrugssystemen aufgedeckt werden wird.

„Reise nach Jerusalem“

Sollten sich Fälle wie jene bei der Mingsheng Bank in nächster Zeit häufen, schließen Analysten keineswegs mehr aus, dass es zu einem Run auf Chinas umgerechnet rund $11 Billionen schweres Schattenbankensystem kommen könnte.

Ich empfehle den Lesern zu diesem Thema das Lesen eines jüngst seitens Bloombergs publizierten Berichts, in dem es hieß, dass in China nahezu jeden Tag die „Reise nach Jerusalem“ gespielt werde.
Wer keinen Sitzplatz mehr bekäme, wenn die Musik aufhöre zu spielen, habe eben Pech gehabt. So genannte Vermögensmanagementpläne offerieren ihren risikobewussten Anlegern teils ziemlich hohe Zinsen. Bei Licht besehen handelt es sich bei diesen Anlagen jedoch um nichts anderes als ein riesiges Pyramidensystem.

Auf die Details in Bezug auf Chinas Schattenbankensystem bin ich in der Vergangenheit hinlänglich eingegangen. Ich möchte mich an dieser Stelle also nicht wiederholen. Doch in diesem Zusammenhang ist mir vor kurzer Zeit eine Warnung seitens Foresea Life, dem größten Lebensversicherer Chinas, ins Auge gefallen.

Brief von einem der größten Lebensversicherer zeigt unterliegendes Ponzi-System auf

Danach werde es in China zu „Massenzahlungsausfällen und sozialen Unruhen“ kommen, falls die heimischen Regulierungsbehörden einen vor Kurzem verkündeten Bann im Hinblick auf eine Auflage von Neuprodukten nicht alsbald revidierten, wie es in einem Brief des Versicherers an Chinas Versicherungsaufsichtsbehörde hieß.

Darüber berichtete unter anderem die Financial Times. Auch Foresea Life zählt natürlich mit zu den größten heimischen Schattenbankeninvestoren und ist aus diesem Grunde sehr stark in Vermögensmanagementplänen engagiert.

Wie es seitens des Unternehmens heißt, rechne man bis zum Ende dieses Jahres mit einem Kundenkapitalabzug in Höhe von bis zu umgerechnet US$ 9 Milliarden. Foresea Life werde diesen Kapitalrückforderungen unter den Kunden nicht nachkommen können, falls dem Versicherer nicht die Möglichkeit eingeräumt werde, neue Produkte verkaufen zu können.

Der Brief an die heimische Regulierungsbehörde hat es in sich. Denn hieraus geht für meinen Begriff glasklar hervor, dass es sich im Fall von emittierten Vermögensmanagementplänen in China um ein Ponzi-System handelt, das bust zu gehen droht. Es lässt sich nicht ausschließen, dass die bei Foresea Life zu beobachtenden Vorgänge auch auf Konkurrenten überspringen werden, die ebenfalls stark im Bereich von Vermögensmanagementplänen engagiert sind.

Kapitalabzug intensiviert sich massiv – Panik vor einer Panik

Spätestens seit Dezember letzten Jahres ist bei Chinas größtem Lebensversicherer Feuer unter dem Dach. Denn damals sprach Chinas Versicherungsregulierungsbehörde CIRC gegenüber dem Unternehmen das Verbot aus, Neuprodukte über einen Zeitraum der nächsten drei Monate nicht mehr verkaufen zu dürfen.

Im Februar dieses Jahres wurde Foresea-Chef Yao Zhenhua, einem der reichsten Männer Chinas, dann durch die Behörde ein Arbeitsverbot in der heimischen Versicherungsindustrie über einen Zeitraum der nächsten zehn Jahre auferlegt. Seitdem gehen unter den Kunden des Versicherers Befürchtungen vor weitläufigen Betrugssystemen um.

Resultat ist, dass sich der Kapitalabzug unter den Kunden von Foresea massiv intensiviert hat. Wie aus einem Brief an die Versicherungsregulierungsbehörde vom 28. April dieses Jahres hervorgeht, forderte das Foresea-Management die Behörde dazu auf, den Bann zum Verkauf von Neuprodukten umgehend aufzuheben.

Andernfalls sei nicht auszuschließen, dass es zu einer „ausgewachsenen Panik unter in Vermögensmanagementpläne investierenden Anlegern – was fast auf jeden Chinesen zutrifft –  und der Bildung von systemischen Risiken“ kommen könnte. Gleichsam sei mit dem Ausbruch von sozialen Unruhen weiten Teilen Chinas zu rechnen, wie die Financial Times aus dem oben erwähnten Brief zitiert hatte.

Ähnlich Amerikas Banken im Jahr 2008 scheinen nun auch Chinas Institute und Versicherer die Keule auszupacken, um der eigenen Regierung im Falle eines ausbleibenden Bailouts die gesellschaftlichen Konsequenzen an die Wand zu malen.

Die massenhafte Distribution von Schattenbankenprodukten in China ist größtenteils Resultat der zuvor stattgefundenen Finanzderegulierung. Insbesondere chinesische Versicherer wie Foresea Life und Anbang Insurance Group hatten von jener Finanzderegulierung äußerst regen Gebrauch gemacht, um Schattenbankenprodukte an den Mann und die Frau zu bringen.

Finanzderegulierung Grund für ausufernde Schattenbankprodukte

Die meisten der durch Chinas Versicherer angebotenen Versicherungsprodukte kommen mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren daher. Allerdings bieten sich Kunden und Investoren teils erhebliche Schlupflöcher in den Verträgen, die es ihnen ermöglichen, laufende Verträge ohne eine Hinnahme von hohen Strafgebühren aufzukündigen.

Dass Chinas Finanz- und Schattenbankensektor großen Liquiditätsrisiken unterliegt, zeigt allein schon die durch Foresea Life ausgesprochene Warnung, dem sich unter den eigenen Kunden intensivierenden Kapitalabzug irgendwann nicht mehr nachkommen zu können. Nochmals durchgerüttelt wurde der Markt dann im Mai dieses Jahres.

Denn ab diesem Zeitpunkt wurde auch der Wettbewerber Anbang Insurance Group mit einem Bann in Bezug auf den Verkauf von Neuprodukten durch die CIRC belegt. Seitens der CIRC hieß es unter Bezugnahme auf chinesische Medien, dass die Versicherungsgruppe aufgrund von deren äußerst aggressiven Verkaufstaktiken einen „großen Schaden“ anrichte.

Eine weitaus größere Schwierigkeit leitet sich aus den sich intensivierenden Kapitalabzügen unter Kunden und Investoren ab, die vielleicht selbst die People´s Bank of China nicht wird lösen können. Noch betrifft die Situation „nur“ Foresea Life.

Doch wie lange wird es dauern, bis auch Anbang Insurance Group und der Rest des rund $11 Billionen schweren Schattenbankensystems in China von einer solchen Situation betroffen sein werden und dieses Ponzi-System bust gehen wird?