Kaum ein Tag vergeht mehr, an dem es nicht zu hitziger werdenden Diskussionen um die zukünftige Zinsentwicklung in den Vereinigten Staaten kommt. Wurde der Wahlsieg von Donald Trump im Präsidentschaftsrennen in den USA im November letzten Jahres vielerorts so interpretiert, als dass die Zinsen ab diesem Zeitpunkt eigentlich nur nach oben schießen könnten, so haben sich diese Erwartungen mittlerweile stark relativiert.

Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Um seine groß angekündigte Steuerreform auf den Weg zu bringen und umzusetzen, benötigt das Weiße Haus die politische Unterstützung des Kongresses. Doch nicht nur Republikaner und Demokraten führen einen eskalierenden Krieg im Repräsentantenhaus und Senat gegeneinander, sondern auch die Republikaner zeigen sich trotz ihrer Mehrheit in beiden Häusern untereinander heillos zerstritten.

In einem solchen Umfeld dürfte es für Trump alles andere als einfach werden, dessen Wahlversprechen in die Tat umzusetzen. Einen Vorgeschmack gab es in diesem Hinblick unter Bezugnahme auf die bislang verpatzte Reformierung beziehungsweise angedachte Substitution des Affordable Care Act, oder kurz Obamacare.   

Unter den Republikanern mangelt es schlichtweg an politischer Geschlossenheit. Donald Trump hat einfach zu viele Feinde in der eigenen Partei. Hinzu kommt, dass ein spezielles Kongressgremium seinerseits grünes Licht für Trumps Steuerreform geben muss. Dessen Zustimmung ist im Angesicht von anhaltend hohen Haushalts- und Handelsdefiziten bislang jedoch alles andere als sicher.

Wo sind die Details des Infrastrukturprogramms?

Und so geschieht, was geschehen musste. Wenn die Marktmehrheit darauf setzt, dass die Zinsen in den USA nur nach oben schießen können, so tritt in der Realität exakt das Gegenteil dieser Erwartungen ein. Mittlerweile haben die Zinssätze auf langlaufende US-Staatsanleihen schon wieder einen guten Teil ihrer Rallyegewinne nach dem Präsidentschaftswahlsieg Trumps abgegeben.

Dies liegt nicht nur an den Schwierigkeiten, welchen die angekündigte Steuerreform im Kongress entgegenblickt. Noch immer liegen darüber hinaus kaum Details zu dem durch Trump angekündigten Infrastrukturprogramm vor, dessen Verabschiedung dafür sorgen soll, marode Brücken, Straßen, Häfen und Kommunikationsleitungen in den Vereinigten Staaten in den nächsten Jahren zu modernisieren. 

Bislang steht lediglich fest, dass die amerikanische Privatwirtschaft mittels Steueranreizen und Deregulierungsversprechen in eine Public-Privat-Partnership gelockt werden soll, um den Löwenanteil des angedachten Investitionsprogramms in Höhe von mehr als $1 Billion zu stemmen. An der New Yorker Wall Street scheint sich nach euphorischer Freude langsam aber sicher ein Kater einzustellen.

Zinswende nicht in Aussicht

Blickt man auf Amerikas Bondmärkte, so haben sich die Zinserwartungen jedenfalls auch im abgelaufenen Monat abermals ein wenig minimiert. Aktuelle Durchschnittsprognosen gehen nun davon aus, dass die Zinsen auf US-Staatsanleihen mit 10-jähriger Laufzeit zum Ende des Jahres bei 2,7% notieren werden.

Wie aus einer jüngsten Bloomberg-Umfrage unter Zinsanalysten hervorgeht, entspricht dies einem Rückgang von 20 Basispunkten im Vergleich mit einer Umfrage, die vor zwei Monaten abgehalten wurde. Die jüngsten Umfrageergebnisse zeigen, dass die Zinserwartungen in den USA mittlerweile auf das niedrigste Niveau seit Jahresbeginn gesunken sind.

Für Donald Trump und das Weiße Haus verheißt dies gewiss nichts Gutes, zumal die rückläufige Erwartungshaltung auch Indikator dafür sein könnte, dass es in den Vereinigten Staaten anstelle des Einsetzen eines neuen Booms vielmehr zu einer Rezession kommen könnte.

Sonderbar ist diese Entwicklung auch im Angesicht der Tatsache, dass der dritte Rückgang auf Monatsbasis im Angesicht der Erwartung auf eine weitere Leitzinsanhebung der Federal Reserve im Rahmen der nächsten bevorstehenden Zinssitzung stattgefunden hat. Ende der vergangenen Woche notierte der Zinssatz auf 10-jährige US-Staatsanleihen bei gerade noch 2,2%

Einerseits wird an der Wall Street darauf spekuliert, das es mit einer weiteren Zinsanhebung der Fed im laufenden Jahr getan sein könnte. Vor Dezember, so die allgemeinen Erwartungen, werde es an der Zinsfront nach einer weiteren Zinsanhebung im Juni zu keiner Änderung an dieser Front mehr kommen.

Andererseits hatten verschiedene Fed-Mitglieder zuletzt darauf hingewiesen, dass deren angedachte Bilanzschrumpfung langsamer und gradueller von statten gehen werde, als zunächst angenommen. Eines ist auch klar. Die Inflationserwartungen haben unter Händlern und Investoren einen herben Dämpfer erhalten. Zuletzt notierten diese Erwartungen auf dem niedrigsten Niveau seit November letzten Jahres.

Offizielle Inflationsdaten zeigen, dass sich die Preissteigerungen rund um den Globus – bis auf wenige Ausnahmen – nach wie vor in Grenzen halten. Zudem befinden sich die Zinsen weltweit noch immer auf sehr niedrigen Niveaus. Laut Analysten trage dieses Umfeld dazu bei, amerikanische Staatsanleihen für ausländische Käufer nach wie vor attraktiv erscheinen zu lassen.

Hinzu kommt, dass Bondfonds auch weiterhin hohe Mittel zufließen. So erfreuten sich in festverzinslichen Produkten anlegende Fonds in der ersten Juniwoche einem Mittelzufluss in Höhe von $16 Milliarden. Dies entspricht gleichzeitig den höchsten Mittelzuflüssen seit dem ersten Quartal des Jahres 2015.

Bei dem Bondverwalter Pimco, der zuletzt vor düsteren Szenarien für die US-Wirtschaft warnte (ich berichtete), wird mittlerweile darauf gewettet, dass der Zins auf 10-jährige US-Staatsanleihen im Verlauf der kommenden zwölf Monate auf 1,5% sinken wird.  Wer derart offen vor dem Ausbruch einer Rezession in den USA warnt, kann eigentlich schon kaum mehr eine andere Erwartungshaltung im Hinblick auf den Zinsverlauf hegen.