Auf welche Weise die im letzten Sommer ausgebrochene Lira-Krise auf die europäischen Finanzmärkte übersprang, ließ sich anhand deutlich steigender Bondzinsen in Italien und einem plötzlichen Taumeln des Euros ablesen, der zu dieser Zeit noch bei 1,25 gegenüber dem US-Dollar gehandelt wurde.

Selbstverständlich wurden auch die meisten Schwellenländer in den Schlamassel in der Türkei mit hineingezogen, was im Umkehrschluss zu einem deutlichen Anstieg der US-Dollar-Nachfrage in der Welt führte. Seit Jahresbeginn hatte sich die Schwellenländerkrise wieder ein wenig abgekühlt - doch wie sich zeigt, schwelte sie unter der Oberfläche weiter.

Auswirkungen der Fed-Geldpolitik nötigten Erdogan dazu einzugreifen

In der vergangenen Woche sprach der türkische Staatspräsident Erdogan ein Verbot für Lira-Leerverkäufe aus, was sich unter anderem auch als Folge der abrupten Kehrtwende bezüglich der geldpolitischen Strategie der Federal Reserve seit Dezember letzten Jahres interpretieren lässt. An den Bondmärkten ließ eine Antwort auf die Entwicklung nicht lange auf sich warten.

Vielmehr vollzog sich in Reaktion auf die Fed eine plötzlich einsetzende Verschärfung der Inversion der amerikanischen Zinskurve. Hierin spiegelt sich ein abnehmendes US-Dollar-Angebot wider. In der Türkei gerieten die Zinsdifferenzen, Credit Default Swaps und ausländischen Devisenreserven hierauf wiederum massiv unter Druck.

Nur noch Lira-Transaktionen erlaubt – Steigende Nervosität könnte gefährlich werden

Bislang niemals zuvor zu beobachtende Bewegungen führen mittlerweile zu der Vermutung, dass eine rückläufige US-Dollar-Liquidität die Zinsen am kurzen Ende der amerikanischen Märkte in der Mangel hat. Aktuell lässt sich konstatieren, dass die türkische Regierung global aktive Investoren in einer Falle festgesetzt hat.

Inzwischen sind dort alle Transaktionen außerhalb der türkischen Lira verboten. Diese an der Investoren- und Spekulantenfront entstandene Pattsituation macht Händler rund um den Globus immer nervöser, was letztendlich im Ausbruch einer von der Türkei ausgehenden Finanzpanik enden könnte.  

    

Ein bewusstes Spiel mit dem Feuer zur Machtsicherung

Erdogans Regierung wird sich gewiss sein, ein sehr gefährliches Spiel mit den Finanzmärkten zu treiben. Ein vielen Marktakteuren wieder ins Bewusstsein rückendes Nebenprodukt dieses Kampfes ist die Erinnerung daran, wie fragil die Lage an den internationalen Finanzmärkten tatsächlich ist.

Im Angesicht eines möglichen No-Deal-Brexits ist das Spielchen Erdogans von noch weitaus größerer Tragweite. Und hierin spiegeln sich die allgemeinen Probleme mit Politikern. Deren verfolgte Eigen- und Machtinteressen erweisen sich in Krisenfällen wie dem jetzigen als schwere Bürde für den Rest der Welt.

Das Kernproblem, dem die Türkei ins Auge blickt, leitet sich aus der Tatsache ab, dass der Unternehmenssektor des Landes einen immensen Schuldenberg vor sich her schiebt – und zwar auf USD-Basis. Erdogan versucht sich zurzeit an einem Drahtseilakt, indem er seinen Unternehmen eine Priorisierung der Lira verordnet, um deren USD-Schulden zu bedienen, während alle anderen Marktakteure davon abgehalten werden sollen, zum selben Zeitpunkt Angriffe gegen die Lira zu initiieren.

Washington tobt: Türkei wendet sich immer gen Osten

Hinzu kommt, dass sich die politische Lage zwischen den USA und der Türkei stark verdunkelt hat. In Washington wird mit jedermann hart ins Gericht gegangen, der auch weiterhin wirtschaftliche Beziehungen zum Iran zu unterhalten gedenkt, Kritik an Israel übt oder Venezuelas Staatspräsident Maduro im Angesicht des eigenen Regimesturzversuchs den Rücken stärkt.

Aus Sicht der USA hat Erdogans Regierung gegen alle drei dieser durch Washington in den Sand gezogenen roten Linien verstoßen. Mehr und mehr gerät die Türkei in die Einflusszone der BRICS-Länder, was in den USA verständlicherweise Zorn hervorruft.

Ansteckungsgefahr ist Erdogans Joker: Hohe Milliardenforderungen von europäischen Großbanken bedroht

Der enorme Verschuldungsgrad der Türkei und die Gefahr eines Überspringens der türkischen Währungs- und Schuldenkrise auf die Europäische Union schafft indes eine höchst explosive Lage an den globalen Kredit- und Währungsmärkten.

Dabei hält Erdogan einen Trumpf in der Hinterhand, darum wissend, dass Europas Zombiebanken ihre eigenen Interessen in der Türkei verfolgen und zu schützen versuchen. Es handelt sich nicht um irgendwelche Banken und Kreditgeber, sondern alles dreht sich - wie so oft - um die üblichen Verdächtigen, somit einige der größten Institute Europas.

In der letzten Woche teilte Goldman Sachs hierzu mit, dass die Forderungen der EU-Banken gegenüber der Türkei überschaubar seien. Mit einigen Ausnahmen, zu denen BBVA, ING, Unicredit, BNP und ISP zählten. Die größten Banken Spaniens, Italiens, Frankreichs und der Niederlande blicken auf ausstehende Kreditforderungen in Multimilliardenhöhe im türkischen Unternehmenssektor.

Die Washingtoner Führung ist ob Erdogans außenpolitischer Abkehr von den USA und der EU erbost. Im selben Zuge richtet sich das Bosporus-Land außenpolitisch immer stärker gen Russland aus, was sich wahrscheinlich solange nicht ändern wird, bis Erdogan der politischen Macht in seiner Heimat verlustig geht.

Die Lage ist ernst – doch Hilfe seitens Russlands und Chinas zu erwarten

Es handelt sich im Fall der soeben skizzierten Situation um allseits interdependente Systeme. Unbeabsichtigte Konsequenzen und fast schon perverse Anreize haben die Welt in eine sehr prekäre Lage hinein bugsiert. Es erweckt mittlerweile den Eindruck, als ob die Finanzmärkte die sich in der Türkei entwickelnde Situation nun ernster nehmen als noch im letzten Jahr.

Wird die Türkei dem Sturm trotzen können? Davon lässt sich momentan ausgehen, zeichnet sich doch ab, dass neben Katar auch Russland und China Gewehr bei Fuß stehen dürften, falls es gelten sollte, der Türkei durch einen massiven Schock hindurch zu helfen. Erinnern Sie sich noch an den letztjährigen Stein des Anstoßes für die sich verschlechternden Beziehungen zwischen der Türkei und den USA?

Im schlimmsten Fall ist die Türkei der Anfang vom Ende aller Zombies…

Falls nicht, möchte ich Sie daran erinnern, dass US-Präsident Trump über die Inhaftierung des amerikanischen Staatsbürgers und Pastors Andrew Brunson einen Zoll- und Währungsdisput mit Ankara vom Zaun brach. Seitdem Brunson in seine US-Heimat zurückgekehrt ist, hatte sich wie durch ein Wunder plötzlich auch der massive Druck auf die Lira abgeschwächt.

Trotz allem ist Erdogan dem Weißen Haus ein Dorn im Auge, da sich nicht mehr absehen lässt, ob sich die Türkei auch in der Zukunft als zuverlässiger NATO-Partner erweisen wird. Wahrscheinlich einziger Grund, weswegen die Türkei noch nicht aus dem NATO-Verbund ausgeschlossen worden ist, dürfte die Rückbesinnung unter westlichen Staatsregierungen auf die Tatsache sein, dass Vertragsabschlüsse politische Führungen für gewöhnlich überdauern.

Trotz allem hat das große Gerangel an den Finanzmärkten um den Schutz von adäquaten Sicherheiten begonnen. Für eine Vielzahl an zombifizierten Unternehmen und Banken könnte sich die aktuelle Krise in der Türkei im schlimmsten Fall als Anfang vom Ende des eigenen Daseins erweisen. Warten wir es ab.