Viele Dinge in dieser technologisierten Welt laufen immer schneller ab, so dass es mir hin und wieder gar nicht so leicht fällt, all die Themen aufzugreifen, die mir berichtenswert erscheinen. Davon gibt es nämlich zurzeit so viele, dass das Motto lautet: „Wer die Wahl hat, hat die Qual.“

Ich entscheide mich für Stringenz, um bei jenen Themen zu bleiben, die sich gerade wie ein roter Faden durch die internationalen Finanzmärkte und die politische Weltbühne ziehen. Es lohnt sich, einige der Ereignisse Revue passieren zu lassen, die sich gerade in der politisch, finanziell und wirtschaftlich angeschlagenen Türkei beobachten lassen.

Hilflos im Angesicht der Finanz- und Währungskrise

Dass die Regierung von Präsident Erdogan einen recht hilflosen Eindruck in der anhaltenden Finanz- und Währungskrise erweckt, ist inzwischen ein offenes Geheimnis. Es darf durchaus damit gerechnet werden, dass der hoch autoritäre Führungsstil samt einer Rückabwicklung des kemalistischen Systems in der Türkei im Zeichen dieser Krise anhalten wird.

Denn was würde teils höchst fragwürdigen Gesetzen schon besser Tür und Tor im Sinne einer Verabschiedung öffnen, wenn nicht eine Krise, die sich zu einer „Gefahr für die Nationale Sicherheit des Landes“ hoch stilisieren lässt?! Und so nehmen die Dinge im Bosporus-Land ihren Lauf.

Ein wenig Boden unter die Füße der ausgebombte Lira gezaubert – für wie lang?

Um der Lira nach einem Absturz von 45% gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn ein wenig Boden unter der sperrangelweit geöffneten Fallluke zu verschaffen, hat Staatspräsident Recep Erdogan eine Nutzung von US-Dollars und Euros in seiner heimischen Wirtschaft nun offiziell gebannt.

Unternehmen und Haus- oder Wohnungsvermieter dürfen keine ausländischen Währungen im Rahmen von heimischen Transaktionen mehr nutzen, geschweige denn akzeptieren. Laut eines am letzten Donnerstag verabschiedeten Präsidentendekrets avanciert die türkische Lira fortan zur einzig legalen Währung, die in heimischen Zahlungstransaktionen genutzt werden darf (mit wenigen Ausnahmen), um Produkte und Dienstleistungen zu erwerben.

Dieses Präsidentendekret schließt ebenfalls und vor allem Regierungskontrakte mit ein. Denn große Regierungsaufträge zum Bau von Autobahnen, Brücken, Flughäfen, Seehäfen, diversen Pipelines oder zur Instandhaltung der landesweiten Infrastruktur wurden bis dato auf Basis von Euros oder US-Dollars zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern abgewickelt.

Resultat wird „totales Chaos“ sein

Der Vorsitzende der Organisation der Nationalen Einkaufszentren, Hulusi Belgu, erklärte daraufhin gegenüber verschiedenen Medien, dass das Präsidentendekret ein „totales Chaos“ zum Resultat haben werde, zudem es ein Ding der Unmöglichkeit sei, dieses Dekret in dem durch die Regierung vorgeschriebenen Zeitraum umzusetzen.

Dies gelte allein schon aus dem Blickwinkel, dass die Mitglieder der Organisation auf kumulierte Schulden in Höhe von $15 Milliarden US-Dollar blickten, während mehr als 70% aller Mietverträge im Land auf Basis von ausländischen Währungen abgeschlossen worden sind.

Schuldendienst auf Basis einer massiv abgestürzten Lira – wirklich?

Frage aller Fragen, die sich nun stellt, ist, wie diese Auslandsschulden zurückbezahlt und bedient werden sollen, wenn diese ausstehenden Schulden zwangsweise in Lira konvertiert werden müssen? Es bleibt ebenfalls zu bedenken, um wie viel höher diese Schulden auf Basis einer gegenüber dem US-Dollar und dem Euro massiv eingebrochenen Lira-Währung nun sind.

Doch die türkische Regierung scheint diese Bedenken auf die leichte Schulter zu nehmen. Erdogan ließ es sich Mitte letzter Woche überdies abermals nicht nehmen, die türkische Zentralbank öffentlich zu einer Absenkung ihres Leitzinses aufzurufen, um sich der angespannten (Kreditversorgungs-)Lage in der heimischen Wirtschaft entgegen zu stemmen.

Zentralbanker hauen Erdogan mit Zaunlatte vor den Kopf

Die darauf am vergangenen Donnerstag folgende Bekanntgabe der türkischen Zentralbank, den Leitzins von 17,75% auf 24% anzuheben, muss auf Präsident Erdogan so gewirkt haben, als habe ihm jemand mit einer Zaunlatte vor den Kopf gehauen.

Eine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Nur Stunden nach der Entscheidung der türkischen Zentralbank teilte Erdogan mit, dass „seine Geduld mit den Verantwortlichen bei der Zentralbank Grenzen hat“. Derlei Aussagen werfen Schatten voraus, wie es mit der Geldpolitik in der Türkei fortan weitergehen dürfte.

Unabhängigkeit der türkischen Notenbank? Wohl nicht mehr lange…

Wer davon ausgeht, dass die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank in Stein gemeißelt ist, wird sich – wie zuvor im Falle Japans – wahrscheinlich bald noch umgucken und am Kopf kratzen. Denn nichts ist mehr in Stein gemeißelt. Auch einst als „heilig“ bezeichnete Verträge – wie in der EU – nicht, wie die Geschehnisse zeigen.

Da sich die türkische Inflation im Laufe der letzten zwölf Monate von rund elf Prozent auf nunmehr 18% erhöht hat, halten türkische Bürger und Sparer bereits rund die Hälfte ihrer Konten bei türkischen Banken in Form eines ausländischen Währungskontos.

Unter türkischen Unternehmen belaufen sich die ausstehenden Auslandsschulden darüber hinaus zum aktuellen Zeitpunkt aufkumuliert mehr als $335 Milliarden. Gleichzeitig leidet das Land unter stark schwindenden Währungsreserven.  

Erdogan: „Falschberichterstattung“ zeichnet verzerrtes Bild der türkischen Wirtschaft

Aus Sicht Präsident Erdogans handelt es sich bezüglich der aktuellen Ereignisse in der türkischen Wirtschaft um „Falschberichterstattungen“, die einen Beitrag dazu leisteten, um die allgemeine Lage eskalieren zu lassen.

An diesem Vorwurf dürfte letztendlich ebenso viel dran sein, wie an Erdogans Statement, dass „Zinserhöhungen der Zentralbank die heimische Inflation ankurbeln“. Machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken, um die in der Türkei vorherrschende Situation zu bewerten. Aus meiner Sicht dürfte die Ausblendung von Fakten durch hochrangige Politiker noch deutlich getoppt werden, wenn die EU einer neuen Finanzkrise anheimfallen wird.