Die schwedische Nationalbank überraschte Anfang Juli mit einer noch nie dagewesenen Maßnahme. Sie senkte die Zinsrate für die Deposit Rate auf minus 0,25%. Das bedeutet nichts anderes, als dass den Geschäftsbanken, die Gelder bei der Zentralbank hinterlegen, Haltekosten für ihre Zentralbankguthaben entstehen. Dadurch sollen die Geschäftsbanken bewegt werden, Gelder nicht bei der Notenbank zu horten, sondern für Kredite an die Wirtschaft bereitzustellen.

„Wenn wir die richtigen Maßnahmen ergreifen, wird Deutschland gestärkt aus der Krise hervorgehen.“ sprach unsere Kanzlerin gerade im Radio. Auf die Maßnahmen selbst ist sie nicht weiter eingegangen. Welche könnten das sein? Wird vielleicht schon an einem Neustart des Systems gearbeitet? Diskussionen über negative Zinsen bei der FED und Äußerungen hinter vorgehaltener Hand bei Top-Bankern lassen vermuten, dass hinter verschlossenen Türen intensiv über eine Neuaufstellung des Weltfinanzsystems beraten wird.

Wie könnten Alternativen zum gegenwärtigen System aussehen?

Der Bancor

Der chinesische Zentralbankpräsident Zhou Xiaochuan machte Anfang diesen Jahres den Vorschlag, eine neue Reservewährung einzuführen. Er griff hierbei das Konzept des berühmten britischen Ökonomen John Maynard Keynes auf, das dieser 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods vorstellte. Keynes wollte, anstatt den US-Dollar zur Weltreservewährung zu machen, eine internationale Verrechnungseinheit namens Bancor einführen. Ursprünglich sollte auch der Bancor eine Golddeckung aufweisen, doch das Besondere an Keynes Vorschlag war, dass diese Verrechnungseinheit ebenfalls Geldhaltekosten auf Guthaben vorsah. Übertragen auf die heutige Zeit bedeutet es, dass zum Beispiel China für seine angehäuften Devisenüberschüsse Zinsen bezahlen würde, solange es nicht bereit ist, dieses Geld wieder zu investieren. Zinszahlungen über Staatsanleihen durch die USA wären also nicht mehr nötig, um die in China ausgegebenen Dollars zurück ins Land zu holen.

Der Bancor wurde in den sechziger Jahren durch den Ökonomen Nicholas Kaldor weiterentwickelt. Die Golddeckung wird bei Kaldors Konzept durch eine Deckung mit den weltweit wichtigsten 30 Rohstoffen ersetzt.

Der Terra

Der belgische Ökonom Bernard A. Lietaer - hauptverantwortlich für die Entwicklung des Euro - entwickelte Ende der neunziger Jahre ein ähnliches Konzept: den Terra.

Die Währung Terra soll auf einen Warenkorb aus den zwölf wichtigsten Waren und Dienstleistungen (gemessen an ihrer Bedeutung im Welthandel) basieren. Stabil gehalten wird Terra durch seine Warendeckung. Es ist ganz einfach: Terra ist im Prinzip nichts anderes als ein Nachweis für Warenvorräte. Die Waren selbst dienen als Deckung der Währung. Die Kosten der Lagerhaltung werden den Inhabern von Terrakonten anteilmäßig als prozentuelle Kosten berechnet und stellen gleichzeitig den Umlauf von Waren und Geld sicher.

Neben dem Terra, der als internationale Verrechnungseinheit dienen soll, befürwortet Lietaer allerdings auch die Beibehaltung nationaler Währungen, sowie die Einführung regionaler und leistungsgedeckter Währungen, die das gesamte Finanzsystem stabil halten sollen.

Der Saber


Ein Beispiel für das Konzept der vielen Gelder von Lietaer ist die Einführung der Bildungswährung Saber in Brasilien. In Brasilien gibt es ein großes Bildungsproblem, weil ungefähr 40 Prozent der Bevölkerung unter fünfzehn Jahre alt ist. Als vor einigen Jahren der Mobilfunk privatisiert wurde, beschloss die brasilianische Regierung, eine einprozentige Abgabe auf alle Telefonrechnungen zu erheben und diese für Bildungszwecke zu verwenden. Bis zum Jahre 2004 sammelte sich eine Summe von ca. einer Millarde US-Dollar (in der Landeswährung drei Milliarden Reais) an. Bernard Lietaer entwickelte daraufhin zusammen mit Gibson Schwartz die Bildungswährung Saber (bedeutet Wissen). Diese Währung wurde in wirtschaftlich gebeutelten Regionen an die jüngsten Schüler verteilt, damit diese damit  Nachhilfeunterricht bezahlen können, der von älteren Schülern erteilt wird.

Die Sabers werden innerhalb der Schulen von Stufe zu Stufe weitergegeben und am Ende der Kette stehen die Schulabsolventen, die damit die Studiengebühren an der Universität bezahlen können. Die Universitäten sind die einzigen Institutionen, welche die Sabers in die Nationalwährung Reais umtauschen können, um damit Kosten zu decken. Die Gutscheine verlieren immer am Ende eines Studienjahres 20% an Wert, weshalb sie von den Schülern schnellstmöglich weitergegeben werden. Aus einer Millarde US-Dollar entsteht so ein zusätzlicher Nutzen für das Bildungswesen in Höhe von circa 10 Millarden US-Dollar. Durch die Bildungswährung Saber wurde in Brasilien ein System geschaffen, das viel für das Lern- und Lehrangebot bringt, jedoch für den Staat kaum zusätzliche Kosten verursacht.

Umlaufsicherung des Geldes


Professor Lietaer greift mit der Umlaufsicherung übrigens ein Konzept von Silvio Gesell auf, der bereits 1916 in seiner „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ auf die Fehlentwicklungen, die durch den Zinseszins entstehen, hinwies und eine Nutzungsgebühr auf Geld, (auch Demurrage oder Liegegebühr genannt) vorschlug, um das Geld im Wirtschaftskreislauf zu halten. Hauptaufgabe des Geldes sollte somit sein, als Tauschmittel zu fungieren, doch wird es trotzdem nicht seiner Funktion als stabiler Wertspeicher beraubt. Geldüberschüsse, die man nicht benötigt, zahlt man bei der Bank auf ein Sparkonto ein. Gelder auf Sparkonten werden nicht verzinst, verlieren aber auch nicht an Wert. Gelder die auf Girokonten oder als Bargeld gehalten werden, werden hingegen mit einer Geldhaltegebühr belastet. Eine Geldhaltegebühr ist heute technisch ohne Probleme möglich. In einem Bericht der Financial Times Deutschland  www.ftd.de/boersen_maerkte/aktien/anleihen_devisen/:Geldpolitik-Fed-w%FCnscht-Zins-von-minus-f%FCnf-Prozent/505988.html vom 28.04.2009 macht der Harvard Ökonom Mankiv folgenden Vorschlag zur Umsetzung der Geldhaltesteuer:

„Harvard-Ökonom Mankiw zieht die Lösung eines seiner Studenten als dritte Option heran. Um die Kapitalinhaber auch bei negativen Zinsen zum Verleihen zu bewegen, könnte folgender Sanktionsmechanismus greifen: Die Fed nennt eine Ziffer zwischen null bis neun. Alles umlaufende Bargeld wird mit einer Seriennummer versehen. Wenn die Nummer mit der jeweiligen Ziffer endet, würde das Geld nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert. Folglich läge die Rendite der Geldhaltung bei Minus zehn Prozent. "Das würde dazu führen, dass die Menschen glücklich wären, zu einem Zins von minus drei Prozent Geld zu verleihen", sagt Mankiw.“

Wir halten also fest: Bargeld und Geld auf Girokonten unterliegt einer Nutzungsgebühr. Sparkonten werden nicht belastet. Der Anreiz zum Sparen bleibt also bestehen, weil das Geld auf dem Sparkonto seinen vollen Wert behält. Braucht jemand einen Kredit, so bezahlt er die Arbeit der Bank und eine Risikoausfallprämie. Diese beiden Gebühren sind übrigens auch heute in jedem Bankkredit enthalten.

Zusätzlich wird die Herausgabe von Geld in die Hände der Staaten zurückgeführt. Die Geldmenge könnte flexibel dem Bedarf der Wirtschaft angepasst werden. Inflation und Deflation, also Ausweitung und Verringerung der Geldmenge in Bezug auf die vorhandenen Waren und Dienstleistungen wären nicht mehr möglich. Banken werden zu staatlichen Institutionen und heutige private Geschäftsbanken wären Geschichte. Geld wäre ein reines Tauschmittel, Wertspeicher und Wertmaßstab, und Geschäftsbanken wären nicht mehr in der Lage, durch ständige Kreditausweitungen und den damit verbundenen Zinszahlungen die Kreditgeldmenge ständig auszuweiten. Ein ständiger Wachstumszwang der Wirtschaft bedingt durch den Zinseszins-Mechanismus des Geldsystems würde somit entfallen.

Besitzer großer Vermögen würden nicht mehr leistungslos reicher wie bisher. Wer viel Geld hat, muss entweder weiter arbeiten oder vom Ersparten leben. Vermögende fallen dadurch nicht in die Armut, aber auch sie würden von einer stabileren Gesellschaft profitieren. Die Schere zwischen Arm und Reich, die in den letzten Jahren in beängstigendem Maße auseinander geklappt ist, würde sich langsam wieder schließen. Gesellschaftliche Unterschiede würden ohne Zweifel bestehen bleiben, aber auch der Anreiz zu Arbeiten.

Unbestreitbar ist die Verwendung von Geld als Tauschmittel eine der genialsten Erfindungen der Menschheit. Doch wurde im Gegensatz zu vielen anderen Erfindungen, die Erfindung Geld kaum weiterentwickelt. Betrachtet man zum Beispiel die Erfindung „Auto“, so sehen wir, dass in den letzten 100 Jahren für jeden Zweck andere Autos erfunden wurden: Personenwagen in allen Größen, SUVs, Busse, Traktoren, Sportwagen, Laster, Pritschenwagen, etc. Warum soll es nicht möglich sein, für verschiedene Zwecke auch unterschiedliche Gelder zu schaffen, die untereinander austauschbar wären. Ähnlich dem Saber in Brasilien könnten auch in Deutschland einzelne Städte eine eigene Geldkarte herausgeben, auf der gemeinnützige Leistungen von Bürgern (Erhalt von Schulen und Kindergärten, Straßenreinigung, etc.), für die das Geld in den Kommunen mittlerweile an allen Ecken und Enden fehlt, honoriert werden. Mit den Guthaben auf der Karte könnten dann Gebühren oder Leistungen, die die Stadt ohnehin zur Verfügung stellt, bezahlt werden: Tickets für Bus und Bahn, Eintritt in Museen, Beiträge für die Stadtbücherei, Schwimmbäder oder der Strafzettel für´s Falschparken.

Demnächst in  Teil 2: Was sind die Sonderziehungsrechte des IWF und wäre eine Rückkehr zum Goldstandard sinnvoll?