Als ich neulich auf einer Veranstaltung war, wurden die vier Podiumsdiskutanten gefragt, wie die optimale Portfolio-Aufteilung ihrer Meinung nach aussehe. Drei dieser Börsenkenner hatten eine genaue Vorstellung, wie viel Prozent von welcher Anlageklasse hinein gehörten. Nur der Letzte in der Runde antwortete lapidar: „Das kann man nicht pauschal sagen.“ D’accord! Es gibt kein Patentrezept, das auf jeden Anlegertyp gleichermaßen anwendbar ist – die praktische Umsetzung der Asset Allocation ist letztendlich ein sehr individueller Prozess.

Chance vs. Risiko

Wie im ersten Teil bereits erwähnt, bilden die erwarteten Renditen, die Risikopräferenzen sowie der Anlagehorizont elementare Faktoren der Vermögensstrukturierung. Das klingt sehr abstrakt und theoretisch – was es auch ist. Konkret bedeutet das, dass sich jeder Anleger zunächst folgende Fragen beantworten sollte:

a)Welche Investitionsziele habe ich? Inwieweit dienen mir meine Investments zur Altersvorsorge oder für geplante Ausgaben? Für welchen Zeitraum lege ich mein Vermögen – bzw. Teile meines Vermögens – an? (Wenn die einzelnen Investments feststehen: ) Welche Renditen erwarte ich jeweils von meinen Einzelinvestments? 

b) Welches Risiko bin ich bereit einzugehen? Wie schwankungsanfällig – und damit riskant – sind meine jeweiligen Investments? Doch die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wieviel Risiko kann ich in Hinblick auf meine persönliche Finanzsituation verkraften?

Die Szenarien

1. Szenario: Best-Case-Szenario

Everything’s gonna be best… Die Kreditklemme löst sich, die Geschäfte der Unternehmen florieren, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, und die Binnennachfrage treibt den Aufschwung weiter voran. Um dem märchenhaften Best-Case-Szenario noch eins drauf zu setzen: Die Zinspolitik der Notenbanken ist sehr gut abgestimmt, sodass die drohende Inflation bezwungen wird, ohne den auf Hochtouren laufenden Wirtschaftsmotor abzuwürgen. Zu guter Letzt greifen die fiskalpolitischen Maßnahmen der Regierungen, und sie sanieren ihre Staatshaushalte.

2. Szenario: Leichter Aufschwung und zunehmende Inflation

Die Konjunkturpakete entfalten ihre beabsichtigte Wirkung, und die Wirtschaft nimmt an Fahrt auf. Ohne weitere staatliche Interventionen bildet sich ein selbst tragender Aufschwung, der in kleinen Schritten vor sich geht. Doch die Wirtschaftsentwicklung zieht auch zunehmende Inflationsraten nach sich.

3. Szenario: Rezession

Ein ernüchternder Realitätsschock trifft die Märkte. Die „Erholung“, die sich momentan noch auf wackeligen Füßen hält, knickt ein. Die Staatshilfen zur Konjunkturstimulation und die Kurzarbeit laufen aus. Es kommt zu Nachfragerückgängen im Konsum und zu Entlassungswellen. Die Weltwirtschaft fällt in eine Rezession zurück, welche die Aktienmärkte mit in den Strudel zieht. Die Staaten, deren Haushaltskassen sich schon ohnehin in einer desolaten Lage befinden, kommen nicht umhin, sich weiter zu verschulden. Es wird noch mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt, und die Inflation wird zusätzlich angeheizt.

4. Szenario: Worst-Case-Szenario

Die eingetretene Rezession nimmt hier derartig gravierende Ausmaße an, dass die Arbeitslosenzahlen sehr stark ansteigen. Die Konjunktur schlittert sukzessive in eine Deflation, die typischerweise sehr schwierig zu bekämpfen ist und sich hartnäckig hält. Zur Bekämpfung der Deflation werfen die Notenbanken weitere Gelddruckmaschinen an. Die Geldmenge bläht sich noch weiter auf, und auf die deflationäre Depression folgt eine Hyperinflation.

Die Kerninvestments

An welchem Szenario sollte man sich nun orientieren? Schließlich ist an der Börse alles möglich – auch das Gegenteil, um es mit den Worten des Börsenaltmeisters Kostolany zu sagen. Daher ist es am cleversten, in erster Linie solche Anlagen auszuwählen, die im Sinne einer Substanzerhaltungs-Strategie möglichst viele Szenarien abdecken. Wir werden dabei die Gefahren einer ansteigenden Inflation in den Vordergrund rücken, da sie in den Szenarien 2 bis 4 Schnittmengen bilden. Aber gleichzeitig werden wir die Gefahren einer vorangehenden Deflation – deren Eintrittswahrscheinlichkeit ich persönlich übrigens bei über 50 Prozent sehe – auch mit einbeziehen. In zweiter Linie sollten sie naturgemäß auch Rendite versprechen. Zu diesem Zwecke eignen sich besonders:

-          Rohstoffe

-          Aktien

-          Anleihen

-          Indexfonds

-          Geldmarkt

Wir werden den Schwerpunkt auf die oben genannten fünf Anlageklassen legen. An dieser Stelle werden wir uns zunächst den ersten drei - Rohstoffe, Aktien und Anleihen - widmen.

Rohstoffe

Ganz weit oben auf der Liste der Rohstoffe steht Gold. Nicht selten wird Gold als Investment kritisiert, dass es keine Zinsen oder Dividenden abwerfe. Es sei reine Spekulation, und der Preis sei ohnehin schon rasant angestiegen. Es sollte bei Goldanlagen jedoch nicht um Zinsen, Dividenden oder Renditespekulationen gehen, sondern vor allem um Sicherheit! Gold ist ein klassisches Kriseninvestment und seit Jahrtausenden relativ wertstabil. Es ist einer der wenigen Anlagen, die sich sowohl in Zeiten der Inflation wie auch der Deflation als robust erweist. Wenn man den historischen Kursverlauf inflationsbereinigt betrachtet, ist außerdem noch langfristig genug Potential nach oben hin offen. 5 bis 20 % (physisches!) Gold gehören in jedes Depot! In Form von Wertpapieren, sollte es unbedingt physisch hinterlegt, währungsgesichert und als Sondervermögen (kein Emittentenrisiko) deklariert sein.

Industrierohstoffe wie Kupfer und Aluminium sind in Zeiten hoher Geldentwertung ein gutes Investment, da ihre Preise automatisch mit den Inflationsraten steigen. Doch im Gegensatz zu Edelmetallen neigen die Kurse der Industrierohstoffe eher zur Schwäche, wenn das Wachstum stagnieren sollte während die Inflation gleichzeitig ansteigt (Stagflation).

Aktien

100 minus Lebensalter = Aktienquote!? Diese Faustregel ist nicht mehr zeitgemäß. Die Krise hat die Investmentlandschaft radikal verändert. Dennoch gehören Aktien nach wie vor als Basisinvestments in ein gut strukturiertes Portfolio. Den Löwenanteil der Anlageklasse Aktien sollten Defensive Titel ausmachen, also solche Papiere, die weitgehend krisenresistent bzw. konjunkturunabhängig sind. Zu diesen Branchen zählen Konsum, Gesundheit, die Versorger und die Telekommunikation. Essen und Trinken, Medikamente, Strom und Öl sowie ein Telefon und das Internet sind in allen Konjunkturphasen kontinuierlich nachgefragt. Doch wie und welche Aktien sollten nun genau ausgesucht werden? Das Schlüsselwort lautet: Value-Investing. Auf Folgendes sollte der Anleger achten, wenn er sich auf die Suche nach Substanzwerten macht:

Das Unternehmen sollte eine starke Marktpositionierung innehaben. Das bedeutet eine monopolartige Stellung, Markführerschaft oder zumindest eine führende Rolle in der jeweiligen Branche. Die Gewinnentwicklung in der Vergangenheit sollte stabil verlaufen sein. Das Unternehmen sollte - vor allem auch in Krisenzeiten - innovationsfähig sein bzw. bleiben. Eine stabile Bilanzsituation, sprich: keine Überschuldungstendenzen und genügend liquide Mittel, sind Grundvoraussetzung bei der Value-Strategie.

Aktien werden in Zeiten hoher Inflation, wie Sachwerte, bevorzugt. Denn genau genommen erwirbt man mit Aktien auch Anteile an Unternehmen – und damit an realen Werten. Inflation nutzt bekanntlich den Schuldnern, weil sich deren realen Schulden durch die Geldentwertung verringern. Aktien von Unternehmen, deren Verbindlichkeiten hauptsächlich langfristig und fest verzinst sind, haben in Inflationszeiten dadurch eine gewisse Verlässlichkeit. In Phasen der Deflation hingegen werden die Schulden durch die gesteigerte Kaufkraft des Geldes real erhöht. Unternehmen, deren Verschuldung in Deflationsphasen gering ist, sind gegenüber der Konkurrenz klar im Vorteil. Wenn die Zinsen zur Deflationsbekämpfung gesenkt werden (bzw. bleiben), haben sie die Möglichkeit, sich zu günstigen Konditionen mit frischem Kapital einzudecken. Da es letztendlich auch nicht verkehrt ist, während einer Inflation in Unternehmen investiert zu sein, die es nicht nötig haben viele Schulden zu machen, sind derartige Unternehmen in jedem Szenario ein Kauf – wenn ihre Aktien günstig bzw. fair bewertet sind. 

Anleihen

Staatsanleihen mit höchster Bonitätsstufe galten in Vergangenheit als „Sicherer Hafen“. Doch das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit der Staaten schwindet zusehends. Zahlreiche Länder haben massive Schwierigkeiten mit ihren Staatshaushalten. Beispielsweise Ungarn, Island und Lettland mussten von der EU gerettet werden, und Großbritannien hat mit der schlimmsten Haushaltslage seit den 50er Jahren zu kämpfen. Mittlerweile ist die Liste der Krisen-Länder so lang geworden, dass schon Akronyme wie PIIGS (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) kreiert werden müssen. Doch nicht nur EU-Länder sind davon betroffen. Der Zwerg-Staat Dubai hat einen Wüstensturm an den Börsen ausgelöst, und die Rating-Agentur Fitch vergab Bonitätsnoten die Bonitätsnote BBB (nur BB ist noch schlechter) unter anderem an Russland, Thailand, Mexiko, Litauen oder Kalifornien.

Vor gut einer Woche hat der US-Finanzminister Timothy Geithner in einem Interview des Fernsehsenders ABC auf die Frage, ob die Kreditwürdigkeit der USA von der höchsten Stufe „AAA“ heruntergestuft würde, geantwortet: „That will never happen to this country!“( - das werde diesem Land niemals passieren…). Die Frage hatte den Hintergrund, dass die Rating-Agentur Moody’s gegen Ende des letzen Jahres laut über die Eventualitäten einer Herabstufung nachgedacht hatte. Staatsanleihen gehörten früher zu den sichersten Wertpapieren überhaupt. Auch wenn sie in Krisenstimmung immer noch stark nachgefragt werden, sprechen heutzutage genügend Gründe dafür, tunlichst die Finger davon zu lassen.

Inflationsgeschützte Anleihen werden immer beliebter. Die Inflationsraten dienen als Basis für die Verzinsung des Kupons, und es gibt noch einen geringen Aufschlag (meist ca. 1,5 Prozent) drauf. „Wenn die Inflation steigt, dann steigt schließlich auch meine Rendite!“, denkt sich der Investor. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn es gibt genügend Stolperfallen. Beispielsweise werden die offiziellen Inflationsraten mit „kreativen Berechnungsmethoden“ ermittelt, die die wahre Inflation nicht widerspiegeln. Den eingezahlten Nominalbetrag gibt es zwar zurück, doch ist meist nur der Zinskupon inflationsgeschützt. Und wenn dann noch die Abgeltungssteuer am Gewinn nagt, kann man wagen zu bezweifeln, ob der Anleger mit diesem Instrument der Inflation wirklich ein Schnippchen schlägt…

Unternehmensanleihen haben sich in der Krise, vor allem 2009, zu einem echten Verkaufsschlager entwickelt, die den Anlegern teils gute Gewinne beschert haben. Die  Anleihekurse sind während des Booms gut gestiegen und sind nicht mehr so billig zu haben. Die Banken haben bei den niedrigen Leitzinsen lieber Kredite aufgenommen, und sie in Staatsanleihen angelegt – anstatt damit Kredite an Unternehmen zu vergeben. Die Kreditvergabepraxis der Banken sollte sich nicht so schnell ändern. Daher sollten die Neuemissionen in diesem Jahr auch wieder Refinanzierungsmöglichkeiten für die Unternehmen und attraktive Renditemöglichkeiten bieten. Ein Blick in die zweite Reihe, wie z.B. bei M-DAX-Unternehmen mit soliden Bilanzen, könnte sich lohnen. Doch folgende Alternative in punkto (Unternehmens-)Anleihe zählt momentan für den Anleger zu den interessantesten: die Wandelanleihe.

Wandelanleihen sind festverzinsliche Anleihen, die – nach festgelegten Bedingungen – in Aktien umgetauscht werden können. Damit ließe sich dem Inflationsrisiko stückweit entgegenwirken. Und bei einer Deflation? Falls der Aktienkurs sinkt, hat der Anleger immer noch die Chance die Zinsen der Unternehmensanleihe in Anspruch zu nehmen. Da die Kaufkraft des Geldes im Deflationsszenario steigt, kann die Realverzinsung sich als attraktive Rendite herausstellen. Es kann sich als sehr gute Strategie erweisen, sich anstatt der substanzstarken Value-Aktien, die man unter Beobachtung hat, Wandelanleihen des jeweiligen Unternehmens ins Depot zu legen. Doch Vorsicht: Wandelanleihe ist nicht immer gleich Wandelanleihe. Die Konditionen sollten genauestens studiert sein, bevor man investiert.

Derivate, Währungen & Co.

Mit Rohstoffen, Aktien und Anleihen sind bereits drei (traditionelle) Assetklassen abgedeckt. Im dritten Teil werden wir uns den restlichen zwei Anlageklassen des Kerninvestments - Indexfonds und Geldmarkt - sowie weiteren Anlageklassen wie Immobilien, Derivaten und Währungen widmen.