Die bisherigen Teile behandelten geopolitische Aspekte des Nahost-Konflikts, die insbesondere auf die Rolle des IS eingingen. Der Einfluss der Terrororganisation, die im Sommer 2014 vermeintlich wie aus dem Nichts auf der medialen Bildfläche auftauchte, hat längst weltweit zugenommen. ISIS stellt vor allem eine große Gefahr für die Menschen im Nahen Osten dar. Mit der Frage, welche Folgen die IS und ihre Terrorattacken für die Entwicklung der globalen Ökonomie mit sich bringt, haben sich mehrere Analysen beschäftigt. Unter anderem in dem letzten Bericht des Weltwirtschaftsforums sowie in einem Report des US-amerikanischen PEW-Centers, das zu den weltweit bekanntesten Meinungsforschungsinstituten zählt, wurde der IS als globaler Risikofaktor deutlich hervorgehoben.

IS-Öl auf dem Schwarzmarkt

Der IS gilt als die reichste Terrororganisation aller Zeiten. Die Schätzungen zum Vermögen belaufen sich zwischen zwei Milliarden und drei Milliarden Dollar. Durch Spenden, Raub, Erpressung oder Ölschmuggel soll es pro Monat über mehr als eine Million bzw. pro Jahr um eine halbe Milliarde wachsen. Im Gegensatz zu anderen Terrorgruppen haben sie ein Territorium von relevanter Größe unter ihrer Kontrolle. In diesem Gebiet sind große Erdölvorkommen vorhanden. Als der IS mit rabiater Gewalt und Terror begann ihre jetzigen Einflussgebiete zu erobern, besetzten sie zentrale Knotenpunkte der fundamentalen Infrastruktur. Dazu zählten insbesondere auch die Ölförderanlagen. Im Herbst 2014 gingen viele Experten noch davon aus, dass dies steigende Ölpreise zur Folge haben werde. Doch mittlerweile ist genau das Gegenteil eingetroffen. Der Kurs für das Barrel ist kürzlich erst auf unter 35 Dollar gesunken. Der Preis bewegt sich auf einem Niveau, das seit 2009 nicht mehr erreicht wurde, als die Weltwirtschaft noch merklich durch die Folgen der Finanzkrise gebeutelt war.

Erdöl ist nach wie vor ein elementarer Rohstoff, um den globalen Wirtschaftskreislauf in Gang zu halten. Der IS fördert ca. 30.000 Barrel Öl pro Tag. Die Länder des OPEC-Kartells fördern insgesamt um die 30 Millionen Barrel täglich, was ca. 40 Prozent der weltweiten Fördermenge ausmacht. Die jeweiligen Zahlen schwanken, können aber als grobe Durchschnittswerte herangezogen werden. Der globalökonomische Vergleich zeigt, dass sich der Anteil der IS im Promille-Bereich bewegt, und somit kein signifikanter Einfluss auf die Ölpreisbildung genommen werden kann.

Das Ölgeschäft ist für den IS von fundamentaler Bedeutung. Laut Nachrichtenmeldungen soll es an die Türkei und sogar an den erbittert bekämpften Erzfeind Syrien verkauft werden. Der Medienkrieg um das Thema nimmt an Schärfe zu. Vor allem Russland bezichtigt die türkische Präsidentenfamilie sich durch den illegalen Ölhandel mit dem so genannten Islamischen Staat privat zu bereichern. Von Russland und den USA wurden schon hunderte Tanklastzüge bombardiert, um die Finanzierung der Terror-Miliz zu unterbinden.

Hindernisse auf der Seidenstraße

Die internationale Energiebehörde IEA warnte schon letztes Jahr davor, dass ISIS die Zukunft der Ölversorgung gefährden könnte. Vor allem Kampfhandlungen und Unruhen in irakischen Regionen könnten zu Engpässen und Ausfällen von Lieferungen führen. Im zweiten und dritten Teil wurde darauf eingegangen, dass sich der Wirkungskreis des IS über den Kaukasus über Zentralasien bis zum Südchinesischen Meer verbreitet; er reicht sogar bis nach Nord- und Südamerika. Wie beschrieben, ist es ein Hauptanliegen der chinesischen Regierung, die Energieversorgung des Landes zu sichern. Die Versorgung über die „Seidenstraßen“ sicherzustellen, ist für die Pekinger Regierung von höchstem Stellenwert. Die Seidenstraße führt durch Zentralasien und die maritime Variante verläuft vom Südchinesischen Meer über den Indischen Ozean bis hin zum Persischen Golf bzw. zum Roten Meer. Der wachsende Einfluss des IS in den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken und in den westchinesischen Uiguren-Provinzen ist der Volksrepublik ein Dorn im Auge.

Bei dem geplanten TAPI-Projekt soll turkmenisches Erdgas nach Afghanistan, Pakistan und Indien befördert werden. Dazu wird eine knapp 1.800 km lange Pipeline gebaut, die durch diese vier Länder führt. Turkmenistan hat gewaltige Erdgasvorkommen vorzuweisen, doch in Pakistan und Indien herrscht ein chronischer Mangel an dem Energieträger. Der schon seit Ende der 90er Jahre diskutierte Bau wurde bisher nicht umgesetzt, weil in Teilen Afghanistans und Pakistans der extremistische Terror einen großen Unsicherheitsfaktor darstellte. Der Bau soll nun am 25. Dezember beginnen. Als John Kerry Anfang November Turkmenistan besuchte, wurde ein Abkommen geschlossen. Darin wurde festgehalten, dass in der Stadt Mary ein US-Militärflughafen errichtet wird, und im Gegenzug wird sich die USA um die Sicherheit bei dem Pipeline-Bau kümmern, der für drei Jahre angesetzt ist. Dass dieser Stützpunkt auch nicht weit von der iranischen Grenze entfernt ist, dürfte dabei auch eine militärstrategisch bedeutende Rolle gespielt haben.

Im Zusammenhang mit dem IS und der Ölwirtschaft stellen Sabotage-Akte eine Bedrohung dar. Anschläge auf Pipelines können die weltweite Versorgung mit Erdöl stören. Das betrifft auch den Transport auf dem Seeweg, über den ein Großteil der Öllogistik stattfindet. Wie im dritten Teil beschrieben, gilt das insbesondere für China bzw. die „Maritime Seidenstraße“. Gefährdete Meerengen stellen die Straße von Malakka zwischen Malaysia und Indonesien, die Straße von Hormuz oder der Golf von Aden dar. Im Südchinesischen Meer werden jährlich über 100 Schiffe entführt, wobei manchmal sogar riesige Öltanker unauffindbar bleiben. Die Übergänge von den Piraten zu den Terroristen sind nicht selten fließend. Solche Ereignisse können an den Märkten zwar für Verunsicherung sorgen, doch bleiben die Effekte in einem kurzfristigen Zeitrahmen. Denn so gut wie alle Staaten halten strategische Ölreserven, mit denen ein Ausfall von mehreren Tagen und Wochen kompensiert werden kann.

Zinserhöhungen und andere potenzielle Gefahren

Zu den Bankenkonzernen, die in letzter Zeit Studien zur Gefährdung der globalen Ökonomie durch den IS verfasst haben, gehören Citi und Barclays. Bei Citi heißt es, dass die geopolitischen Risiken auf einem sehr hohen Niveau seien, das seit 25 Jahren nicht mehr erreicht wurde. Barclays hält fest, dass für die Staaten im Nahen Osten und Nordafrika eine neue Ära der Risiken eingebrochen sei. Insbesondere nach den Anschlägen in Paris beschäftigten sich Finanzinstitutionen intensiver mit dem IS als Risikofaktor. Auch bei einer Kongressanhörung der FED-Chefin Janet Yellen stand das Thema Terrorismus auf der Tagesordnung. Sie wurde zu dem Risiko befragt, dass vom heimischen und internationalen Terrorismus für das Wirtschaftswachstum in den USA ausgehe. Da zu dieser Zeit die Anschläge im kalifornischen San Bernardino die US-Nachrichten beherrschten, sagte sie, dass diese keine nennenswerten Effekte gehabt hätten. Sie fügte jedoch hinzu, dass die FED solche Entwicklungen sorgsam beobachte, und dass sie das Potenzial besäßen signifikante ökonomische Auswirkungen mit sich zu führen.

Die Einschätzung des indischen Finanzministers Arun Jaitley hingegen war deutlich pessimistischer. Ende November sagte er, dass der IS mit seinen Aktivitäten die Weltwirtschaft enorm schädigen könnte und sogar eine Gefahr für die Zivilisation darstelle. Die Sorgen, dass der Einfluss des IS über die pakistanische Grenze vermehrt nach Indien schwappt, ist in der indischen Politik präsent. Übrigens steht der Präsident der indischen Zentralbank Raghuram Rajan unter besonderem Schutz, da die Terror-Miliz im April gedroht hatte, ihn töten zu wollen.

IT, EMP & CBRN

Die raffinierte Medienpropaganda des IS wird als ein hauptsächlicher Grund dafür gesehen, dass es ihm gelingt, Anhänger zu gewinnen und Kämpfer zu rekrutieren. Die Führung der Terrororganisation preist eine archaische Ideologie an, doch nutzt sie die modernen digitalen Medien äußerst professionell. Die Abteilungen des IS, die sich mit der IT und der Kommunikation beschäftigen, beherrschen ihr Handwerk sehr gut. Sie liefern sich ausgedehnte Digital-Gefechte mit den Hackern der Aktivisten-Gruppe Anonymous. Hillary Clinton und Präsident Obama wendeten sich an die Technologiefirmen des Landes. Auf einer Rede sagte die Präsidentschaftskandidatin Clinton, dass die Kooperation zwischen der Regierung und Silicon Valley ausgebaut werden solle, um ISIS zu bekämpfen.

Als eine große Gefahr gelten die Hacker des IS. George Osborne, der Schatzkanzler der britischen Regierung, warnte eindringlich davor, dass sie in neuralgische Systeme der Infrastruktur eindringen könnten, um dadurch Anschläge zu verüben. Der IS versuche diesbezüglich seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Als mögliche Zielobjekte nannte er mitunter die Luftverkehrsüberwachung und den Schienenverkehr. Durch Cyber-Attacken könnten auch die Versorgung mit Strom oder Wasser lahmgelegt werden.

Als eine weitere Gefahr werden so genannte EMP-Bomben betrachtet, die elektromagnetische Pulse ausstrahlen. Dadurch werden elektronische Geräte funktionsunfähig gemacht oder zerstört. Eine derartige Gefahr sieht der US-Kongress durch Staaten wie Russland, Iran oder Nordkorea, das eine „Super-EMP-Waffe“ entwickelt haben sollen. Dass der IS derartige Möglichkeiten besitzen könnte, ist laut den meisten Experten als eher unwahrscheinlich einzuschätzen.

Ein kürzlich erschienener Bericht des Europäischen Parlaments hat für Aufsehen gesorgt. Darin heißt es, dass sich die Mitgliedsstaaten auf die Möglichkeit vorbereiten müssten, dass der IS auf dem Territorium der EU Anschläge mit biologischen oder chemischen Waffen verübt. Als vor wenigen Tagen Terroralarm in Genf herrschte, kursierte das Gerücht, dass die ISIS einen Giftgas-Anschlag plane. In dem Bericht wird auch auf den Einsatz weiterer nicht-konventioneller Waffen eingegangen, wie beispielsweise so genannte „Schmutzigen Bomben“, bei denen Radioaktivität freigesetzt wird. Für derartige Kampfmittel wird die Abkürzung CBRN gebraucht, die für chemisch, biologisch, radiologisch und nuklear steht.

In dem Propaganda-Magazin Dabiq, welches vom IS über das Internet verbreitet wird, stand in der Mai-Ausgabe, dass sie binnen zwölf Monaten eine Atombombe besitzen würden. Diese soll aus Pakistan stammen. Diese Ankündigung mag eher der Verbreitung von Furcht dienen, doch die Gefahr, dass der IS chemische oder biologische Waffen nach Europa bringen könnte, ist laut dem Report des EU-Parlaments als realistisch einzuschätzen.

Fazit

Dass der Terror sowie der menschenverachtende Dogmatismus des IS eine Gefahr für die Politik und das gesellschaftliche Zusammenleben darstellen, ist offensichtlich. Auf die Märkte haben sie aufgrund von Gewohnheitseffekten keine direkten und signifikanten Auswirkungen. Diese Feststellung ist vor dem Hintergrund, dass die Anschläge Menschenleben kosten, zunächst nüchterner bzw. analytischer Natur. Inwiefern eine solch rationale Marktbetrachtung angebracht ist oder nicht, ist eine eher ethisch-philosophische Frage und steht damit auf einem anderen Blatt. Gravierendere und beklemmendere Anschläge, wie beispielsweise Giftgas-Attacken oder gar Schmutzige Bomben, würden sich im öffentlichen Bewusstsein sicherlich sehr tief niederschlagen und auch entsprechend ökonomische Auswirkungen nach sich ziehen. Wie sehr die Absicht, mit Anschlägen die Wirtschaft zu schädigen eine Rolle für die Terrororganisation spielt, ist nicht klar zu bestimmen.

Aus einer umgedrehten Perspektive betrachtet, könnte die Strategie des IS darin bestehen, mit solchen Terroranschlägen zu warten, bis die Weltwirtschaft in große eine Krise gerät. Für die Führungsriege des IS spielen weltwirtschaftliche Zusammenhänge augenscheinlich eine bedeutende Rolle. Im August wurde der Gold-Dinar vorgestellt. Dieser lehnt sich an eine traditionelle islamische Goldmünze an, das in einem eigenen Finanzsystem als Zahlungsmittel dienen soll. Sie begründen die Ausgabe damit, dass sie sich dadurch von der „Dollar-Versklavung“ durch die FED lösen wollen.

Wenn beispielsweise durch die massiven Kapitalabflüsse aus China oder nach einem Platzen der Blase auf dem US-Anleihemarkt die globale Ökonomie in eine schwere Depression stürzen würde, könnte die Panik an den Märkten durch Terroranschläge - beispielsweise mit CBRN-Waffen - noch verstärkt werden. Eine Art Domino-Effekt könnte dazu führen, dass sich die Panik folgenreich auf Politik und Gesellschaft ausweitet. Möglicherweise betrachtet der IS die Fragilität des weltweiten Wirtschaftssystems als eine Achillesferse der Supermacht.

Es sei klar hervorgehoben, dass es in diesem Artikel nicht um Schwarzmalerei geht. Wenn es darum geht ökonomische Risikofaktoren zu bewerten, spielen Worst-Case-Szenarien eine fundamentale Rolle; diese gehen naturgemäß in eine extreme Richtung. Auf der anderen Seite sind selbstverständlich auch Best-Case-Szenarien denkbar, die für eine Betrachtung von Risiken im Wesentlichen ungeeignet ist. Wie das wahrscheinlichste Szenario aussieht, lässt sich jedoch nur im Nachhinein mit Sicherheit sagen.

Die Quintessenz: Der IS ist in unserer gegenwärtigen Zeit nicht nur auf geopolitischer Ebene ein zentraler Faktor, sondern auch auf geoökonomischer.

Der IS wird von allen Seiten angegriffen. Eine der größten Gefahren, die mit der Terrorgruppe verbunden ist, liegt darin, dass es ihr gelingt, die Machtblöcke gegeneinander auszuspielen. Der Wirtschaftskrieg, der bereits zwischen den westlichen und den asiatischen Allianzen herrscht, entwickelt sich in der Tendenz immer mehr zu einem militärischen Konflikt.Darauf wird der 5. Teil eingehen, in dem auch ein Gesamtresümee gezogen wird.