... oder wie mir meine Mutter die Freiwirtschaft vererbte
von Wera Wendnagel

Es ist immer wieder interessant, in welche politische Schubladen andersdenkende Menschen und Geldsystemkritiker gesteckt werden, obwohl gerade die Konstruktion unserer Geldordnung auf den ersten Blick recht wenig mit politischen Dingen zu tun hat, - befasst sich doch kaum ein Parteiprogramm mit einer Änderung derselben.

Freiwirtschaftler und Anhänger Silvio Gesells sind besonders von diversen Diffamierungen betroffen. Manche Vertreter der linken Fraktion vermuten oftmals rechtsradikale Hintergründe, da Zinskritik mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wird. Nicht nur Bernd Senf sah sich in der Vergangenheit mit diesem Vorwurf konfrontiert [1], auch Margrit Kennedy und andere waren betroffen. Da ich Margrit Kennedy schon vor vielen Jahren als eine äußerst liebenswerte Frau kennenlernen durfte und sie als liebe Freundin äußerst schätze, schmerzen solche haltlosen Vorwürfe besonders.

Andererseits werden die Anhänger der Gesellschen Lehre auch oft in die linke Ecke gestellt. Meistens sind es Goldwährungsanhänger, die die Freiwirtschaft als utopisches, links-sozialistisches Hirngespinst bezeichnen und verlachen, wobei gerade auch bei diesen beiden Geldreformbewegungen erhebliche Übereinstimmungen bestehen, die ich in  meiner Artikelserie „Österreichische Schule, Freiwirtschaft, Go(e)ld, Zins und Eigentum“ hier auf cashkurs.com bereits beschrieben habe. [2]

Überhaupt ist es sehr beklagenswert, dass gerade innerhalb der Geldreformbewegung teils heftige Grabenkämpfe ausgetragen werden, obwohl man sehr ähnliche Ziele verfolgt. Gleichgesinnte werden zu erbittertsten Feinden! Auch wenn man nur in kleinsten Punkten oder Ansichten anderer Meinung ist. Sinnvoller wäre es, die Kräfte zu bündeln und die ganze zerstrittene, meist hochintelligente, quer- und freidenkende Bagage für ein halbes Jahr in ein Kongresszentrum zu stecken, um ein gemeinsames, tragfähiges Zukunftskonzept zu entwickeln, das von jedem befürwortet werden kann.

Kommen wir nun zu einem langjährigen Mitglied und einer Initiatorin dieser Geldreformbewegung. Wera Wendnagel wurde mit Gründung der INWO [3], Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung e.V. im Jahre 1993 zur ersten Vorsitzenden dieses gemeinnützigen Vereins gewählt. 2002 trat Wera Wendnagel aus Altersgründen vom Vorsitz zurück. Ihre Eltern waren überzeugte Anhänger von Silvio Gesell und kannten ihn noch persönlich. In den 1930iger Jahren hatten sie sich dem Widerstand gegen Hitler angeschlossen.  

In ihrem Buch erzählt Wera Wendnagel ihre Lebensgeschichte auf unterhaltsame und spannende Weise. Der Leser wird zurückgeführt in die Zeit der „goldenen Zwanziger“, die Weras Mutter Marianne Höll (*1899 ? 1980) in Berlin erlebt.

Es folgt die große Depression, soziales Elend und Hunger durch Arbeitslosigkeit. Marianne Höll lernt den Sozialreformer Silvio Gesell kennen, der ihr erklärt, warum es - bedingt durch das auf Zins und Zinseszins beruhende Geldsystem - immer wieder zu wirtschaftlichen Zusammenbrüchen, Verelendung, Hunger und letztendlich zu Kriegen kommen müsse. Seine Vorschläge stoßen allerdings auf taube Ohren, - sowohl bei den etablierten Wirtschaftswissenschaftlern als auch bei sozialistischen Gruppierungen.

Wera Wendnagel beschreibt in ihrem autobiografischen Roman den aktiven Widerstand gegen Hitler. Damals sind ihre Eltern engagierte Mitglieder des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) [4], dessen erklärtes Ziel die Beseitigung der NSDAP-Diktatur war. Als siebenjähriges Mädchen muss Wera im Jahr 1938 die Verhaftungen des Vaters und der Mutter miterleben. Der Vater stirbt kurze Zeit später in der Untersuchungshaft, wobei Marianne den angeblichen Selbstmord anzweifelt, um sich später in Gefängnishaft nur wegen der Liebe zu ihrer kleinen Tochter nicht auch selbst zu töten. Ihre Mutter wird die kleine Wera erst zwei Jahre später nach deren Entlassung aus dem Gefängnis wiedersehen.    

[...] Meine Mutter wirkte seltsam gefasst. Wir haben ihr lange nachgeschaut. [..] Ich erinnere mich, dass ich auf einem Stuhl stand. Sie ging zwischen zwei großen Männern in langen Regenmänteln, drehte sich um und winkte fröhlich. [...] Sie behielt diese Haltung, erzählte sie später, bis sie wusste, dass wir sie nicht mehr sehen konnten. Danach ließ sie sich gehen, war nur noch ein völlig verstörtes Wesen, aus dem auch bei strengsten Verhören nichts als Tränen herauszubringen war. [...]

Nach dem Krieg wandert Wera mit ihrer Mutter nach Argentinien aus. Im Laufe der Jahre erkrankt Marianne schwer und wird von der Tochter gepflegt. Von ihrer Mutter erfährt sie von der Freiwirtschaft und Gesells Ideen, doch bedarf es noch einer ganzen Weile bis sie sich aktiv für eine Geldreform engagiert.

Ähnlich der heutigen Situation berichtet die Autorin über Zerwürfnisse innerhalb der damaligen freiwirtschaftlichen Bewegung und über die Kritik ihrer Mutter an manchen von Gesells Ideen. Der Leser erfährt, dass schon damals – lange vor der sexuellen Revolution in den 1960iger Jahren - die freie Liebe unter Freiwirten thematisiert und diskutiert wurde und nimmt intensiv am Leben und Wirken der handelnden Personen teil.

Man muss sich einlassen auf dieses umfangreiche Buch. Auf Mariannes und Weras Leben und den Kampf, der für die kleine Wera schon in jüngsten Jahren beginnt. Doch macht es auch sehr zuversichtlich und gibt einem selbst Kraft, viele Dinge im Leben bestehen zu können.

Mariannes Vermächtnis
... oder wie mir meine Mutter die Freiwirtschaft vererbte
Autorin: Wera Wendnagel
Verlag: Helmer 2010
Ausstattung/Bilder: 2010. 367 S.
Seitenzahl: 367
Deutsch
Abmessung: 207mm x 137mm x 38mm
Gewicht: 480g
ISBN-13: 9783897413047
ISBN-10: 3897413043
€ 29,95

[1] Die irrationale Abwehr der Zinskritik - Bernd Senf

[2] Österreichische Schule, Freiwirtschaft, Go(e)ld, Zins und Eigentum (Teil 1)

[3] Fairconomy – INWO e.V.

[4] Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK)


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