Liebe Cashkurs-Community,

zunächst einmal möchte ich Ihnen alles Gute, Gesundheit und Erfolg für 2014 wünschen.

Es ist schon wieder Weihnachten, die Zeit scheint immer schneller zu vergehen und der Sommer ist schon wieder lang vorbei. Doch die Einladung zu einer Podiumsdiskussion an der Universität Bayreuth mit dem Thema „Brauchen wir eine neue Geld- und Finanzordnung?“ am 3. Juli 2013 brachte das für mich freudige Ereignis mit sich, Herrn Professor Dr. Dr. Helge Peukert kennenlernen zu dürfen.

Spannend war an diesem Tag nicht nur die Debatte zwischen den vier Teilnehmern in Person von Prof. Dr. Bernard Herz (Universität Bayreuth), Prof. Dr. Dr. Helge Peukert (Universität Erfurt), Dr. Michael Schleef (Deutsche Bank AG) und meiner einer. Für mich persönlich waren insbesondere die Sichtweisen von Helge Peukert äußerst aufschlußreich und nachvollziehbar, da er es wie kein Zweiter versteht, diese verständlich zu formulieren. Nicht zu vergessen, dass ich selten jemanden erlebt habe, der sich dabei auf eine so herrlich erfrischende Art und Weise aufregen und erzürnen kann. Leider hat die Deutsche Bank AG bis heute aus mir nicht näher bekannten Gründen keine Freigabe der Diskussion zur Veröffentlichung sowohl im Internet als auch auf cashkurs.com erteilt.

Ergänzend zu dem Interview, das ich mit Helge Peukert geführt habe, möchte ich Ihnen nun sein neustes Buch vorstellen. Es ist übrigens purer Zufall, dass es den gleichen Titel trägt wie das erste Buch von Frank Meyer. Wobei die Veröffentlichung beider Bücher sehr zeitnah und unabhängig voneinander durch verschiedene Verlage erfolgte.       

Zunächst sei gesagt, dass sich das Buch von Professor Peukert in einem wesentlichen Punkt von vielen anderen Büchern, die die derzeitige Krise thematisieren unterscheidet. Helge Peukert lamentiert nicht plump und unbeholfen daher, sondern schlägt glasklare Reformen und unabdingbare Änderungen des derzeitigen Geld- und Finanzwesens vor. Er legt den Finger genau in die Wunden, die seit Jahren hier auf cashkurs.com besprochen, analysiert und natürlich auch kontrovers diskutiert werden.

In Bezug auf nötige Reformschritte zur Beendigung und Lösung der Vermögens- und Schuldenkrise stellt er klar, dass diese aus rein ideologischen Gründen und aufgrund bestehender Interessenlagen seitens der Finanzwirtschaft unterbleiben. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer Ideologisierung der öffentlichen Debatte, die sich beispielsweise darin zeigt, dass bei den Direktankäufen von Staatsanleihen der Krisenländer durch die EZB sofort von „Gelddrucken“ und „Inflation ante portas“ die Rede war, obwohl diese Maßnahmen von der sogenannten Sterilisierung in Form niedrig verzinsliche Termineinlagen begleitet wurden. Das Ziel der Neutralisierung des durch die Ankäufe zusätzlich auf die Märkte gelangten Geldes wurde hierbei vollständig erreicht. Dass die EZB jedoch gleichzeitig bis zum heutigen Tag den Geschäftsbanken durch Vollzuteilung jeden gewünschten Betrag bei den Tenderausschüttungen zuteilt und damit die Sterilisierung ad absurdum führt, wurde und wird in der Öffentlichkeit hingegen kaum als Inflationierung des Euro dargestellt. Und selbst die Vollzuteilung in Höhe von insgesamt 1 Billion Euro im Dezember 2011 und Februar 2012 wurde in der Öffentlichkeit und sogar seitens der sonst eher konservativ eingestellten Deutschen Bundesbank als notwendige und alternativlose Liquiditätszufuhr dargestellt. Grundsätzlich werden also die Staaten regelmäßig zum Sündenbock gestempelt, wohingegen die Bankenrettungen und damit das Retten und Bewahren des bisherigen Systems auf Teufel komm raus der bürgenden Bevölkerung als alternativlos verkauft werden.

Immer wieder wird von verschiedenen Vertretern gefordert, dass sich der Staat und die Politik aus der Wirtschaft möglichst vollständig heraushalten solle. Meines Erachtens wird hierbei vergessen, dass die Situation heute eine völlig andere ist. Die Maßnahmen der uns Regierenden und gerade die deutsche Politik  zielen hierbei eben nicht auf das Volkswohl ab, sondern sind fast vollständig auf die Bedürfnisse und Begehrlichkeiten der übermächtigen Finanzlobby zugeschnitten. Die Staaten und viele Regierungen weltweit sind hierbei zu Erfüllungsgehilfen einer vermögenden, überaus mächtigen Minderheit verkommen, die es zudem noch in dreister Weise schafft, ihre ehemaligen Mitarbeiter selbst in höchste Regierungs- und öffentliche Ämter zu bringen. Hier beispielsweise ein kleiner Auszug von ehemaligen Goldman-Sachs Mitarbeitern, die es in höchste öffentliche Ämter geschafft haben:

  • Henry „Hank“ Paulson, US-Finanzminister (2006-2009)
  • Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank
  • Paul Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank
  • Robert Zoellick, Präsident der Weltbank (2007-2012)
  • Mario Monti, Premierminister von Italien (2011-2013)
  • Romano Prodi, Premierminister von Italien (1996-1998, 2006-2008) und Präsident der europäischen Kommission (1999-2004)
  • António Borges, Europadirektor des IWF (2010-2011) und Berater der portugiesischen Regierung
  • Otmar Issing, Chefökonom der Europäischen Zentralbank, von Angela Merkel Krisenjahr 2008 zum Vorsitzenden der Expertengruppe „Neue Finanzarchitektur“ berufen.

   

Helge Peukert ist sich dieser Umstände bewußt und spricht dabei in seinem Buch von einem labilen Bündnis zwischen Politik, Wählern und Finanzwirtschaft, die er als „Internationale der Gläubiger“ bezeichnet. Doch hält er eine Kaperung der Politik durch die Finanzwirtschaft in noch größerem Stil noch nicht einmal für unbedingt nötig, da die Politiker - er nennt sie meist „Politikdarsteller“ - aus Angst vor den kurzfristigen Auswirkungen einer nachhaltigen Politik fast schon von selbst spuren würden. Was im Klartext heißt, eine Politik im Sinne der Finanzlobby zu verfolgen und durchzusetzen.

An dieser Stelle beginnt der Lösungsansatz in Professor Peukerts Moneyfest. Aus seiner Sicht kann eine dem Volk dienende Politik mit dem Ziel einer nachhaltigen Lösung der Finanzkrise nur durch mehrere ineinander verzahnte Maßnahmen erreicht werden. Und hier stellt Helge Peukert elf klare Forderungen:

1. Beendigung des Geldschöpfungsprivilegs der Geschäftsbanken und die Finanzierung der Staatshaushalte über die Zentralbank

  • Einführung eines Vollgeldsystems, zinslose Direktfinanzierung der Staaten durch die Zentralbank
  • Verbot der Neuverschuldung über die Ausgabe von Staatsanleihen


2. Begrenzung der Größe von Geschäftsbanken auf eine Bilanzsumme von maximal 100 Milliarden Euro

  • Zerschlagung systemrelevanter Großbanken mit dem Hintergrund politisches Erpressungs- und Drohpotential zu verhindern

3. Drastische Erhöhung des Eigenkapitals von Banken, Schattenbanken, Hedge- und Geldmarktfonds auf 30 Prozent der Bilanzsumme

4. Einführung eines Trennbankensystems

  • Aufspaltung und Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken
  • Finanzierung von Investmentbanken nur durch Aktien und Anleihen, um Geschäftsbanken bei riskanten Kreditvergaben nicht zu gefährden

5. Schrumpfung des Finanzsektors

  • Verbot von Leerverkäufen und Kreditausfallversicherungen
  • Eindämmung der Finanzderivate

6. Einführung einer Finanztransaktionssteuer und Beendigung des Hochfrequenzhandels

7. Verkaufsverbot von undurchsichtigen Finanzprodukten an Kleinanleger

8. Abbau der Schuldenberge auch über eine Reichensteuer – Einführung von     Obergrenzen für Vermögen

9. Demokratische und soziale Reform der EU

  • Einführung rechtmäßiger und geordneter Banken- und Staatsinsolvenzen
  • Einführung von EU-Außenzöllen gegenüber Schwellenländern, die sich durch Lohndumping und Verletzung ökologischer Standards Wettbewerbsvorteile verschaffen

10. Wiedereinführung nationaler Parallelwährungen

  • Das Beispiel Griechenlands zeigt, dass es dauerhaft im Euro-System nicht möglich sein wird, ohne Transferzahlungen auszukommen.
  • Die Wiedereinführung nationaler Parallelwährungen ist daher nötig, um nachhaltig die Einkommensentstehungskraft eines Landes mit Hilfe dieser flexibleren Zusatzwährungen zu sichern.
  • Der Euro kann als Währung nur erhalten werden, wenn die Währungspolitik eines Landes die Menschen und ihre Einkommenssituation in den Vordergrund stellt.
  • Die Wiedereinführung nationaler Regiogelder bedeutet nicht, den Euro abschaffen zu wollen.

11. Abschaffung des Zwangs zu mehr Wirtschaftswachstum

  • Hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs muss ein Umdenken einsetzen, um den ökologischen Grenzen des Planeten gerecht zu werden.
  • Das Verfolgen einer Postwachstumsökonomie ist unbedingt notwendig und beinhaltet einen Wandel hin zu einem anderen kulturellen Wertehorizont, der im Gegensatz zum heutigen Konsumkapitalismus steht.

Selbstverständlich kann und muss man über einzelne Punkte in Helge Peukerts Manifest diskutieren. Beispielsweise könnte man die Sinnhaftigkeit eines generellen Verbots von Leerverkäufen durchaus anzweifeln.

Nichtsdestotrotz ist das Moneyfest von Helge Peukert ein überaus lesenswertes Buch, das die Fehlentwicklungen, Versäumnisse der Politik und den Wildwuchs der Finanzindustrie schonungslos aufdeckt. Gleichzeitig nennt Professor Peukert eine Vielzahl miteinander in Bezug stehender Lösungsansätze, die in Folge zu einem gänzlich anders aufgestellten Finanz- und Wirtschaftssystem führen würden. Ein System, dass den Menschen und unserem Planeten sehr viel gerechter werden würde, als das bisherige.  

Autor: Helge Peukert

Broschiert: 157 Seiten

Verlag: Metropolis; Auflage: 1 (20. September 2013)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3731610426

ISBN-13: 978-3731610427

Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,6 x 1,4 cm