Das Bandbreitenmodell –

Ein Gespräch mit Jörg Gastmann

Unsere Gesellschaft braucht dringend eine Vision. Wir alle brauchen endlich ein umsetzbares Konzept, um die existentiellen Probleme unserer Gesellschaft zu lösen - wie z.B. Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne, ausbleibende Familiengründungen und Geburten, unfinanzierbare Sozialsysteme, Staatsverschuldung, etc. Keines dieser Probleme ist konjunkturell/vorübergehend. Alle Probleme sind strukturell/dauerhaft. Also müssen wir die Strukturen ändern, statt wie bisher nur Daumen zu drücken und zu hoffen, daß alles aus unerfindlichen Gründen besser wird.

Greifen wir das größte Problem heraus: den Arbeitsmarkt. Lebensqualität, Kaufkraft, Familiengründungen, Geburtenrate, Sozialsysteme, Staat, Gesellschaft, Perspektiven für unsere Kinder – der Arbeitsmarkt ist DAS existentielle Problem schlechthin.

Wo liegen die Ursachen?

Helmut Reinhardt: Guten Morgen, Herr Gastmann, erst vor wenigen Wochen habe ich hier in der Stadt eine etwa 40jährige Frau gesehen, die völlig verwahrlost, verwirrt und unterernährt wirkte und sich mit stierem Blick hinkend über die Straße dahinschleppte. Das Bild erinnerte mich spontan an Situationen, die ich aus den USA kenne, wo Armut weitaus offensichtlicher in den Blickpunkt gerät als hierzulande.

Erst gestern beschwerte sich eine Bekannte, dass man in den letzten Jahren die Löhne halbiert habe, aber sich die Preise mittlerweile in vielen Bereichen verdoppelt hätten. Ich denke, diese subjektive Ansicht würde von vielen Bürgern geteilt werden. Befinden wir uns in Deutschland mit dem Wegbrechen der Mittelschicht auch auf dem Weg in eine Armutsgesellschaft? Was stimmt nicht mit unserem Wirtschaftssystem und was sollte ein solches überhaupt können?

Jörg Gastmann: Ihre Einschätzung ist entgegen den Jubelmeldungen über angebliche Aufschwünge für wachsende Teile der Bevölkerung bittere Realität. Am heutigen Wirtschaftssystem stimmt so gut wie nichts. Die Regierung folgt dem marktradikalen US-Irrweg der Working Poor. Unsere Gesellschaft ist wie einer Kerze in einer heißen Pfanne: Oben brennt ein kleines Licht, das von unten mit Energie gespeist wird. Die Mittelschicht sieht nach oben und will am Licht teilhaben. Gleichzeitig schaut sie nach unten und sieht, wie die Unterschicht von der Hitze des Marktes verzehrt wird und schon nicht mehr dazu gehört. Die Mittelschicht läßt sich einerseits wie ein Esel mit der Möhre einer vagen Aufstiegschance von der Oberschicht dressieren. Gleichzeitig hat sie eine sehr berechtigte Angst vor dem Abstieg. Angst und Dressur sind systembedingt und von den Mächtigen gewollt. Der zweite große Mangel des Wirtschaftssystems ist das Finanzierungsdefizit, vor allem der Staaten, die durch zu geringe Teilhabe an den Geschäften der Wirtschaft in einem Schuldenstrudel versinken.

Wenn man ein System (gleich, welcher Art) konstruieren will, muß man sich fragen, wem es nutzen und welches Ergebnis herauskommen soll. Im Gegensatz zu Sozialdarwinisten vertrete ich die Philosophie, daß ausnahmslos alle Menschen von einem Wirtschaftssystem sehr großzügig profitieren sollen. Die meisten derer, die in der Lotterie des Lebens das Glück hatten, in wohlhabende Verhältnisse und Länder hineingeboren und/oder mit vorteilhaften Genen bzw. Talenten ausgestattet worden zu sein, wollen hingegen, daß ihre Vorteile möglichst groß bleiben und die Ungleichheit steigt. Diese Menschen regieren die heutige Welt.

Ich hingegen frage, basierend auf der Gerechtigkeitsidee von John Rawls: Für welches Wirtschaftssystem würden sich Menschen, die die Welt verstehen, in ihrem eigenen Interesse entscheiden, wenn sie vor ihrer Geburt nicht wüßten, mit welchen Genen und Talenten sie in der Lotterie des Lebens ausgestattet würden, und in welchem Elternhaus und Land sie geboren würden? Diese Menschen würden wissen, daß heute global 99% der Menschen so gut wie nichts und 1% fast das gesamte Vermögen besitzen. Sie wissen also, daß die Chance, privilegiert in die Oberschicht hineingeboren zu werden, extrem gering ist. Mit statistisch größter Wahrscheinlichkeit würden sie im heutigen System arm geboren werden und ein ärmliches Leben im darwinistischen Überlebenskampf ertragen müssen. Folglich würden alle gebildeten Menschen, die nach Glück streben, ein Wirtschaftssystem wollen, in dem es ihnen systembedingt gar nicht schlecht gehen kann - selbst, wenn sie ohne Talente mit schlechten Genen in das ärmste Elternhaus eines beliebigen Landes hineingeboren würden. Ein Wirtschaftssystem muß von möglichst allen Menschen, die darin leben, akzeptiert werden. Daher muß es über zahlreiche Gerechtigkeitsphilosophien hinaus gehen und alle wichtigen materiellen Bedürfnisse jedes Menschen befriedigen. Diese Bedürfnisbefriedigung ist eine Grundlage für Freiheit, Zufriedenheit und Glück.

Zweiter Aspekt ist der Output eines Wirtschaftssystems. Erstens muß es alle Menschen mit Gütern und Leistungen für eine zufriedenstellende Lebensqualität versorgen können. Dazu bedarf es vor allem einer möglichst hohen Massenkaufkraft, um den Output auch kaufen zu können. Zudem bedarf es einer Motivation für ausreichend viele Menschen, die Wirtschaft durch Arbeit und Leistung anzutreiben. Deshalb braucht man ein ausbalanciertes Anreizsystem: Wer wenig leisten kann oder will, soll gut leben können. Wer mehr leistet, soll deutlich besser leben können. In diesen Kontext gehört auch, sich vom unsinnigen Fetisch Arbeit zu verabschieden und die Automation zum Wohle der Gesellschaft voranzutreiben. Nächster wichtiger Output sind Steuereinnahmen, die alles finanzieren, was wünschenswert ist. Und schließlich muß ein Wirtschaftssystem nachhaltig sein, also ohne Wachstumszwang und ohne Plünderung des Planeten funktionieren. Jedes Wirtschaftssystem muß also in einem Pflichtenheft an 3 Dingen gemessen werden. Erstens wie gut es für alle Menschen die Ziele Lebensqualität, Freiheit, Wohlstand, Gerechtigkeit, Familientauglichkeit, allgemeine Akzeptanz, Kaufkraft und Güterversorgung erreicht. Zweitens, wie weit es die öffentlichen Haushalte mit allen finanziellen Mitteln für wünschenswerte Ziele ausstatten kann. Und drittens, ob und wie es umsetzbar ist.

Helmut Reinhardt: Sie sprechen die Automation an. Die Entwicklungen im technischen Bereich durch IT- und Computertechnik waren in den letzten Jahrzehnten gigantisch und doch haben sie nicht dazu geführt, dass der allgemeine Wohlstand in Deutschland gestiegen ist.

Obwohl die Anzahl arbeitsloser Menschen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in den letzten Jahren gesunken sein soll, stieg gleichzeitig die Anzahl derjenigen, die von Hartz IV Leistungen abhängig sind auf weit über sechs Millionen Bedürftige an.

Der Menschheitstraum von der Befreiung von mühseliger, körperlicher Arbeit bei gleichzeitig gutem Einkommen scheint sich für viele nicht erfüllt zu haben.

Wie kann man Ihrer Ansicht nach erreichen, dass eine möglichst breite Bevölkerungsschicht am technischen Fortschritt partizipiert?

Jörg Gastmann: Nehmen wir zur Veranschaulichung einen aktuellen Anlass. Am 23.05. hat die Frankfurter Börse den Parketthandel eingestellt und einen Job, der 426 Jahre lang Menschen benötigte, durch Computer ersetzt. Was gestern unvorstellbar war, ist heute Realität, und was sich heute viele Menschen nicht vorstellen können, wird kommen. Die Preisfragen lauten: Ab wann sind Technologien in der Lage, bestimmte Arbeitsplätze zu ersetzen, und ab wann ist die Technologie billiger als menschliche Arbeit? Das betrifft zunehmend Verwaltungsjobs, Dienstleistungen und sogar Forschungsjobs. Automation ist nur einer der wesentlichen Faktoren für den Niedergang der Erwerbsarbeit, und neben der IT hat auch die Robotertechnik enorme Fortschritte gemacht. Automation zur Befreiung der Menschen von mühsamer Arbeit ist eigentlich erstrebenswert, funktioniert im heutigen System aber nicht zum Nutzen der Menschheit, weil die Maschinen den Kapitalbesitzern gehören, die Masse der Menschen produktionstechnisch überflüssig wird und ihr Einkommen verliert. Weitere Faktoren sind die globale Kostenkonkurrenz und das so genannte "Mismatch" zwischen technologischer und menschlicher Evolution, also die wachsende Kluft zwischen den Anforderungen der Arbeitgeber und den Leistungsgrenzen der Menschen. Wobei es philosophisch betrachtet ohnehin absurd ist, die Menschheit im Hamsterrad immer schneller laufen zu lassen.

Die Wurzel allen Übels liegt im globalen, ewigen Kostendruck der Betriebswirte, wie ich ihn unter bandbreitenmodell.de/vision beschreibe. Betriebswirte regieren die Wirtschaft. Alle Betriebswirte müssen die Aufgabe erfüllen, durch Kostenminimierung den Profit der Kapitalbesitzer zu maximieren. Das tun sie vor allem durch Minimierung der Personalkosten. Bei Volkswagen oder Daimler liegen die Personalkosten bei 15%, bei Lebensmitteldiscountern bei 8,5%. Das ist ein grotesk geringer Anteil der Menschen an der Wertschöpfung. Betriebswirte haben durch die globale Kostenkonkurrenz gar keine andere Wahl, als so viele Menschen wie möglich wegzurationalisieren und das riesige Überangebot an Arbeitskräften zu nutzen, indem sie die Übrigen so niedrig wie möglich bezahlen. Das hat zur Folge, daß sie die Kaufkraft ihrer eigenen Kunden und damit ihre eigene Existenzgrundage zerstören. Den Ausweg daraus vermuten sie im Wachstum auf neuen Märkten, aber wie der berühmte Ökonom Kenneth Boulding schon bemerkte: „Jeder der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt für immer weitergehen kann, ist entweder verrückt oder ein Ökonom.“

Die entscheidenden Fragen lauten also: Welches Wirtschaftssystem bringt die Betriebswirte dazu, mit dem Arbeitsplatzabbau aufzuhören? Welches Wirtschaftssystem bringt sie dazu, so viele Menschen einzustellen, daß es keine Arbeitslosigkeit mehr gibt, und die Mitarbeiter möglichst gut zu bezahlen? Wie kann man das trotz globaler Kostenkonkurrenz erreichen? Diese Frage stellen sich z.B. die Spanier, Griechen und Franzosen, die gegen ihre Regierungen protestieren, aber nicht die geringste Antwort auf diese Fragen haben. Deshalb werden die Proteste wirkungslos bleiben. Gegen den Status Quo zu sein, bringt nichts. Sie müssen ein alternatives Wirtschaftssystem fordern, das ihre Probleme lösen kann.

Ein solches Wirtschaftssystem ist das Bandbreitenmodell. Es verknüpft Geschäfte und Beschäftigung regional. Wer in einem Land mit konkurrenzfähigen Preisen Geschäfte machen will, muss im gleichen Land eine entsprechend dem Umsatz hohe Beschäftigung bieten. Der Schlüssel liegt im Binnenmarkt. In Deutschland liegen die umsatzsteuerpflichtigen Inlandsumsätze bei 5,4 Billionen €, also mehr als dem doppelten des BIP. Das ist eine exzellente Verhandlungsbasis für einen Gesetzgeber, der den Unternehmen sagt: Wenn Ihr einen Marktanteil von unserem 5,4-Billionen-Kuchen wollt, müßt Ihr ausreichend viele Inländer beschäftigen. Im Bandbreitenmodell gibt es nur noch eine einzige Steuer, und zwar eine echte Umsatzsteuer wie die US sales tax. Die Höhe des Umsatzsteuersatzes jedes Unternehmens hängt in einer großen Bandbreite (z.B. 20-200%) von dessen Beschäftigungsintensität ab. Je mehr inländische Mitarbeiter ein Unternehmen im Verhältnis zum Inlandsumsatz auf der Gehaltsliste führt und gut bezahlt, desto niedriger ist dessen Umsatzsteuersatz. Mit etwas mehr Mitarbeitern erreicht man viel niedrigere Preise. Oder umgekehrt: Je weniger beschäftigungsintensiv ein Unternehmen ist, desto weniger konkurrenzfähig ist es. Das führt zu einer Nachfrage nach "Gehaltsempfängern als Steuersparmodell", bei der sich der Arbeitsmarkt um 180° dreht. Ausreichend viele Gehaltsempfänger auf der Gehaltsliste zu haben, wird für mittlere und große Unternehmen überlebenswichtig. Dadurch partizipiert die gesamte Bevölkerung an Umsätzen und Fortschritt.

Helmut Reinhardt: Herr Gastmann, Ihr Konzept klingt erschreckend einfach, aber glauben Sie wirklich, dass das in einer von Lobbyisten geprägten Politik in irgendeiner Form durchsetzbar ist?

... wird in Teil 2 fortgesetzt.

Beitrag senden Beitrag drucken