Noch gut kann ich mich an die Zeiten des Neuen Marktes erinnern. Egal wohin man kam, ein jeder sprach damals von Aktien. Alle waren plötzlich nicht nur Aktionäre, sondern auch gleichzeitig Börsenprofis, Anlageberater und Gordon Gekkos in einer Person. Beim Sport diskutierten meine Mannschaftskollegen unter der Dusche die verschiedenen Überfliegerwerte im Nemax, deren Notierungen nur eine Richtung kannten: hoch, höher, Stratosphäre, Mesosphäre, Weltall, Mond. Man fühlte sich reich – steinreich! Die Deutschen waren im kollektiven Börsenrausch. Gehirn ausgeschaltet.

Wie die Geschichte endete, ist bekannt. Klappe zu – Klickaffe tot. Der Markt wusch den Anlegern gründlich den Kopf, was der ein oder andere unter der Dusche zu vergessen haben schien. Ab März 2000 wurde es dann unter den Gemeinschaftsbrausen und im Umkleideraum deutlich ruhiger und vermehrt beschäftigte man sich wieder mit den wichtigen Dingen des Lebens. Spieltaktik, der nächste Gegner oder eine neue Freundin drängten das Thema Börse und blöde Pennystocks in den Hintergrund. Man redete halt nicht gern über Verluste. Mist, verdammter! Doch das Leben ging weiter.

Ich konnte damals nicht mitreden und fühlte mich einsam und allein. Schluchz! Meine Ratschläge zum Kauf von Gold und Silber Anfang der 2000er Jahre wurden nicht nur mitleidig belächelt, sondern vielmehr verhöhnt. So wurde mein erster Edelmetallkauf von der Bankangestellten mit einer besonders witzig gemeinten Frage kommentiert: „Herr Reinhardt, was ist los? Brauchen Sie neue Zähne?“. Beim Kauf von zwei 1-Kilo-Silberbarren wies man mich auf die Gefahr des Anlaufens hin. Gott im Himmel waren ich und meine Barren und Münzen unsexy. Quasimodo war ein Scheißdreck dagegen. Sorry, aber so war‘s.

David M. Reymann, Autor des „Edelmetall Handbuches“ dürfte in den letzten zehn Jahren ähnliche Vorfälle erlebt haben, auch wenn er mit seinen 30 Jahren noch recht jung ist. Beschreibt er doch im Vorwort seines wunderbaren Buches die Tatsache, dass das Stapeln von Goldbarren im Keller lange Zeit als uncool, staubig und fast anrüchig angesehen wurde. Er ist der Meinung, der Wind habe sich in Bezug auf Investitionen in Edelmetalle seit dem Jahr 2008 gedreht. Ja, das ist wohl richtig, und doch denke ich, dass es sich hierbei eher um ein laues Anlegerlüftchen handelt. Zumindest sind die Begriffe Maple Leaf, Philharmoniker oder American Eagle nach wie vor kein Thema in den Nasszellen von Turnhallen. Im Gegenteil: Goldbashing war und ist bis heute ein teils sehr beliebter Sport der Massenmedien und des ein oder anderen Finanzexperten:

Verbraucherzentrale warnt vor Gold-Investments

Experten warnen vor Goldrausch! „Das ist die vielleicht größte Blase der Welt“

[...] Dem Geschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, ist die aktuelle Euphorie fast unheimlich. „Das ist die vielleicht größte Blase der Welt”, mahnt der Aktionärsschützer zur Vorsicht. Ein Gold-Investment könne derzeit risikoreicher sein als der Kauf solider Aktien. Der Goldpreis sei unberechenbar. „Wer einsteigt, macht sich von den aktuellen politischen Entscheidungen abhängig”, gibt Tüngler zu bedenken. [...] „Die Leute sollten jetzt lieber ihr Altgold zu Geld machen, statt zu überteuerten Preisen einzusteigen”, empfiehlt Verbraucherschützerin Oelmann. [...]

Das „Edelmetall Handbuch“ von David M. Reymann ist der Kontrapunkt zu diesen Ratschlägen. Natürlich darf man von Reymann als Vertriebsverantwortlichen eines großen Münchner Edelmetallhauses und Vorstandsvorsitzenden der „Deutschen Edelmetall-Gesellschaft e.V.“ keine Neutralität in Hinblick auf Edelmetallinvestitionen erwarten. Doch jedem, der sich Kraft seines freien Willens für eine Vermögensumschichtung in Edelmetalle entschieden hat, wird dieses Buch eine gute Hilfe sein.

Es berät nicht nur hinsichtlich der Auswahl der verschiedenen Barren, Münzen und Herstellern, sondern zeigt auch die ganze Vielfalt der Edelmetalle auf vielen  Hochglanzabbildungen mit genauer Beschreibung der einzelnen Produkte. Die Wahl der richtigen Kaufmengen in Bezug auf die persönliche Lebenssituation wird genauso behandelt wie eventuell vorzunehmende Echtheitsprüfungen. Reymann empfiehlt den anonymen Kauf von Edelmetallen und geht intensiv auf die Wahl der richtigen Bezugsquelle ein. Es verwundert nicht, dass Fachhändler an dieser Stelle favorisiert werden, wobei der Autor Gott sei Dank auf nervige Eigenwerbung verzichtet. Sehr interessant und hilfreich sind zudem die Kapitel „Wahl des richtigen Ausstiegs“ und „Beispielanleger“, in dem sehr konkret auf die richtige Anlagestrategie einzelner Personengruppen eingegangen wird. Diese Buchabschnitte werden sicherlich dazu beitragen, dem einen oder anderen Affen das Leben zu retten.

Alles in allem finde ich das „Edelmetall Handbuch“ von David M. Reymann äußerst gelungen. Der Preis in Höhe von 14,99 Euro ist nicht nur wegen der zahlreichen farbigen Abbildungen günstig. Auch inhaltlich deckt dieser Ratgeber alle interessanten Themen rund um die Edelmetalle ab. Einziger Wermutstropfen ist für meinen persönlichen Geschmack die zu hohe Übergewichtung von Gold im Verhältnis zu Silber. Reymann empfiehlt eine Gewichtung von siebzig bis achtzig Prozent zu Gunsten des Gelbmetalles. In Bezug auf Silber bin ich an dieser Stelle – Dank an Frank ;-) – erheblich Weißmetall-lastiger gestimmt. Doch das ist letztlich Geschmackssache.

Produktinformation
Taschenbuch: 140 Seiten
Verlag: FinanzBuch Verlag (17. März 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 389879640X
ISBN-13: 978-3898796408
Größe und/oder Gewicht: 22,4 x 14,4 x 1,4 cm
Preis: € 14,99

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