Das Leben in Stuhm war unerträglich geworden, ob der ständigen Angriffe und Anfeindungen. Das kleine Mädchen war erst zwei Jahre alt, als es zusammen mit seinen zwei Geschwistern, den Eltern und Großeltern die Heimat verlassen musste. Es wohnte auf einem großen Bauernhof in einem schönen, alten Gutshaus. Es gab Ställe für die Tiere und für ein Kind wäre es ein wunderbarer Platz zum Großwerden gewesen. Die Eltern bewirtschafteten damals sechs Hektar landwirtschaftlicher Fläche im Kreis Stuhm.

West- oder Ostpreußen?

Die Stuhmer wussten lange Zeit nicht, ob sie sich nun zu West- oder Ostpreußen angehörig fühlen sollten. Seit dem 1. April 1878 war die Region Bestandteil Westpreußens bis der Kreis Stuhm am 1. Juli 1922 Ostpreußen zugeschlagen wurde. Und nach einer Volksabstimmung am 1. Juli 1920 verblieb der Kreis Stuhm auf jeden Fall beim Freistaat Preußen. Bis 1945 jedenfalls, denn dann kam die Rote Armee und das ehemals deutsche Gebiet wurde unter polnische Verwaltung gestellt.

Morde und Vergewaltigungen

Die Großeltern des kleinen Mädchens hatten Zeit Ihres Lebens über diese schlimme Zeit geschwiegen. Die Ereignisse in den Jahren 1944 und 1945 waren innerhalb der Familie zu einem Tabu-Thema geworden. Erst als Erwachsene erfuhr das kleine Mädchen von den Morden an Frauen und auch Kindern, den Vertreibungen, der Flucht vieler Menschen im eiskalten Winter. Und von der restlichen bestialischen Gewalt vor allem gegenüber Frauen in Form von Massenvergewaltigungen in diesen bösen Jahren.

Arm aber frei

Doch trotz allem blieben die Großeltern in Stuhm, das nun zu Polen gehörte. Sie versuchten mit den neuen Lebensumständen zurechtzukommen. Sie wollten friedlich um ihre Heimat kämpfen. Doch in den vielen Jahren nach Kriegsende hatten sie es weiterhin schwer in ihrer alten Heimat unter polnischer Flagge. Sie blieben „die Deutschen“ und wurden viele Jahre lang als Nazis beschimpft und angefeindet. Bis zum Anfang der 1970iger Jahre als die Familie einen Ausreiseantrag stellte, der nur akzeptiert wurde, weil die Familie sich bereit erklärte ihr gesamtes Eigentum und den Grundbesitz an den polnischen Staat zu überschreiben. Die Familie war nun arm aber frei.

Anfeindungen auch in der neuen Heimat

1974 kam die Familie nach Deutschland in eine Flüchtlingsunterkunft. Die Wohnung, die der Familie zugewiesen wurde war mit knapp 40 Quadratmetern viel zu klein. Die drei Kinder schliefen auf Matratzen in einem kleinen Zimmer. Das andere Zimmer diente als Ess-, Wohn- und Schlafraum der Eltern zugleich. Und die Eltern waren zu stolz, irgendwelche sonstigen finanziellen Hilfen vom deutschen Staat anzunehmen. Doch richtig wohl fühlten sie sich in den ersten Jahren in Deutschland auch nicht. Waren sie in Polen als Nazis beschimpft worden, wurden sie in der neuen Heimat Deutschland als Pollackenpack angefeindet und diskriminiert. Das kleine Mädchen weinte in ihrer Kindheit viel, wurde es doch in der Schule und auf dem Spielplatz oft von deutschen Kindern bespuckt und geschlagen.

Der Lauf der Dinge, der Lauf der Zeit

Doch der Vater fand trotzdem eine Arbeit als Maler- und Lackierer, die Mutter hatte drei Putzstellen und die Kinder waren viel allein zuhause und auf sich gestellt. Und doch schafften alle drei einen Realschulabschluss und sie arbeiten noch heute in ihren jeweiligen Jobs.

Die ganze Familie brachte es im Laufe der Zeit zu einem gutbürgerlichen Wohlstand, niemand hatte Schulden und der fleißige und liebevolle Vater namens Georg buckelte sich im Malerbetrieb vierzig Jahre lang krumm und schief. Das Aufsetzen einer Maske, um sich nicht den krebserregenden Dämpfen auszusetzen galt unter Malern und Lackierern als albern. Und natürlich wollte auch der fleißige Georg unter seinen Kollegen nicht als Weichei gelten.   

Der Bruder des kleinen Mädchens arbeitet heute als Prokurist in einer mittelständischen Elektrohandelsfirma, die Schwester als Altenpflegerin. Aus dem kleinen zweijährigen Mädchen wurde eine sehr intelligente, liebe und hübsche Frau.

Das kleine Mädchen namens Jolanta ist heute meine Gattin und unseren Hochzeitstag feiern wir seit dreizehn Jahren am 26. Oktober.

Meinen wunderbaren Schwiegervater Georg haben wir letzte Woche am 31. August 2015 zu Grabe getragen. Er starb am für seinen Beruf typischen großzelligen Lungenkrebs.

Wie auch immer man zur derzeitigen Flüchtlingskrise steht. Lassen sie uns niemals die einzelnen Menschen hinter der Masse, die einzigartigen Schicksale und vor allem die Menschlichkeit vergessen.