Irrtum Nr. 1: Schulden wachsen exponentiell

Es ist erstaunlich, wie oft man lesen kann, dass sich Schulden durch den Zinseszins exponentiell vermehren. So liest man bei Wikipedia in einem Artikel zum Zinseszins beispielsweise:

[...] Der Zinseszinseffekt gilt als Hauptgrund für das Anwachsen der Staatsschulden[6]. Die Staatsschulden und die Zinslasten wachsen auf Grund mathematischer Gesetzmäßigkeiten (Zinseszins- und Rentenrechnung) nicht linear, sondern mit progressiver Eigendynamik in Höhe des Zinseszinssatzes (exponentielles Wachstum). [...]
http://de.wikipedia.org/wiki/Zinseszins

Natürlich ist diese Aussage so nicht haltbar. Alle Kreditverträge, - und dazu gehören auch die Staatsschulden in Form von Bundesanleihen (Bonds) - haben einen Rückzahlungstermin. Bei Abschluss eines Kredites oder Kauf einer Bundesanleihe ist die vollständige Rückzahlungssumme inklusive Zinsen und Gebühren bekannt und fix. Schulden wachsen also keinesfalls exponentiell!

Sollten Sie beispielsweise noch einen Kredit für Ihr Häuschen oder Automobil bedienen müssen, so werden Sie anhand Ihrer jährlichen Kreditkontoauszüge feststellen, dass Ihre Schulden keinesfalls exponentiell wachsen, sondern sich von Jahr zu Jahr vermindern. Voraussetzung  dafür ist natürlich, dass Sie Ihre Schulden vertragsgemäß tilgen und genau dieser Verpflichtung kommen die Staaten zurzeit (noch) nach, auch wenn sie für die Bedienung ihrer Schulden neue Kredite aufnehmen müssen.

Es gibt allerdings eine ganz bestimmte Art von Schuld, die exponentiell wächst, - und dieser Umstand führt uns zum nächsten Irrtum.

Irrtum Nr. 2: Das Geschäftsmodell einer Bank ist nachhaltig


Probieren Sie einmal folgendes aus: Vereinbaren Sie bei Ihrer Bank einen Termin, um eine Finanzierung für ein von Ihnen ersonnenes Geschäftsmodell zu beantragen. Erklären Sie Ihrem Bankberater, dass Ihre Geschäftsidee darin besteht, Ihre Schulden dauerhaft exponentiell zu vermehren und Sie gleichzeitig vorhaben, Ihr Eigenkapital - bedingt durch Auszahlung von Zinsen an Ihre Gläubiger – ständig zu vermindern.

Erklären Sie weiter, das Ganze sei abgesichert durch Menschen, Unternehmen und Staaten, die bei Ihnen dauerhaft immer neue und höhere Schulden aufnehmen, um Ihr exponentielles Vermögens-Schulden-Wachstums-Versprechen durch immer größer werdende Leistungsbereitschaft, ständig wachsender Produktivität, mehr Arbeit und Einkommensverzicht dauerhaft zu ermöglichen.  

Wahrscheinlich wird Ihr Bankberater Sie auslachen und fragen, ob Sie noch alle Tassen im Schrank haben, - freilich ohne zu begreifen, dass Sie diese Idee von ihm bzw. seinem Arbeitgeber, - der Bank - gestohlen haben.
 
Wir halten also fest: Die einzigen Schulden, die ein exponentielles Wachstum aufweisen sind die Verbindlichkeiten der Banken. Das liegt daran, dass diese Schulden (bzw. Guthaben - aus Sicht der Geldanleger betrachtet) keinen Rückzahlungstermin aufweisen müssen. Als bestes Beispiel für diesen Sachverhalt wäre das beliebteste Anlagevehikel der Deutschen zu nennen: das gute, alte Sparbuch.

Wir können nun schlussfolgern, dass in unserem Geldsystem nur Geldvermögen ( = Schulden von Banken) exponentiell wachsen können. Um dieses Anwachsen der Geldvermögen möglich zu machen, müssen ständig neue Nach- und/oder Neuschuldner gefunden werden. An dem Tag, an dem keine Neu- oder Nachschuldner in ausreichender Anzahl oder Kredithöhe mehr gefunden werden können, bricht das System zusammen, weil kein Wirtschaftsteilnehmer mehr bereit, fähig und/oder mangels fehlender Sicherheiten kreditunwürdig ist. Game over und tschüss.

Irrtum Nr. 3: Der Kreditzins fehlt, da er von Banken bei der Kreditvergabe nicht miterschaffen wird

Sie kennen sicherlich das Inselbeispiel, mit dem dieser Denkfehler  immer wieder untermauert wird:  Ein Bankier kommt auf eine Insel, vergibt Kredite in Höhe von € 100,- an jeden der zehn Inselbewohner und fordert nach einem Jahr 10 x € 100,- zuzügl. 10% Zins zurück. Natürlich weisen jetzt die Hardcore-Zinsgegner darauf hin, dass diese Rückforderung frech, da unmöglich sei. Der „Bankster“ habe ja nur € 1000,- an die Inselbewohner ausgezahlt. Woher also sollen die armen Inselbewohner die fehlenden € 100,- hernehmen? Diese € 100,- Zinsgeld existierten ja schließlich gar nicht.

Dieses Beispiel mag zwar in sich schlüssig sein, doch bildet es in keinster Weise die heutige wirtschaftliche Realität ab. Genauso gut könnten Sie einen hervorragenden Zuchtbullen alleine (ohne Kühe) auf eine Koppel stellen, um dem Bauern, - von dem sie das Rindvieh gekauft haben – beweisen zu wollen, dass der Stier zeugungsunfähig ist.

Die heutige Welt besteht aus unzähligen Krediten mit unterschiedlichen Laufzeiten. Ständig wird auf der einen Seite neues Giralgeld durch Kreditvergabe geschöpft und auf der anderen Seite durch Tilgung wieder aus dem System entfernt. Solange Kreditgeber die eingenommenen Zinsen wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückführen, - indem sie die Zinserträge verkonsumieren - fehlt kein Geld, mit dem Kreditnehmer Ihre Schulden und Zinsen bedienen müssen. Geld kann durchaus mehrmals verwendet werden!

Solange nicht alle Kredite zeitgleich endfällig gestellt werden oder die Neuvergabe von Krediten eingestellt wird, wäre ein solches System stabil und funktionsfähig. Probieren Sie es einfach aus! Treffen Sie sich mit ein paar Freunden abends auf ein Bier, ernennen Sie jemanden zum Bankier und spielen Sie das System mit Monopolygeld nach. Solange sich alle an die Spielregeln halten und niemand auf den Gedanken kommt, langfristig zu sparen, wird auch niemals Geld fehlen.

Unsere heutigen Probleme sind entstanden durch die exponentielle Vermehrung von Geldguthaben und der Wiederanlage und Überführung von Guthabenzinsen  in langfristige Geldanlagen, deren Vermehrung zum Selbstzweck erfolgt ohne Aussicht auf Entsparung und Konsumnachfrage. Nicht der Kreditzins verursacht die heutigen Probleme, sondern das langfristige Sparen und der exponentielle Anstieg dieser Geldvermögen.

Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Gegen Sparen mit dem Ziel, das gesparte Geld zu einem späteren Zeitpunkt auszugeben, ist überhaupt nichts einzuwenden. Problematisch ist es jedoch, wenn Geldvermögen einzelner Menschen (mehrfache Millionäre und Milliardäre) zum Selbstzweck gespart werden und jegliche Verkonsumierung ausbleibt oder gar nicht in Anspruch genommen werden kann, da der Geldvermögensbesitzer keinen ausreichenden Konsumbedarf für die teilweise vier- bis sechsstelligen täglichen Vermögenszuwächse hat. Das bedeutet schlichtweg, die Einnahmen sind so übermäßig hoch, dass es für einen Menschen unmöglich ist, sie zu verkonsumieren. Und doch sei an dieser Stelle gesagt: der mehrfache Millionär oder Milliardär ist nicht grundsätzlich böse, - der kann zum großen Teil gar nichts dafür!

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Aussage, die vor kurzem aus dem Mund unseres Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück kam:
„Die Menschen in der Oberschicht müssten erkennen, dass ihre übersteigerten Gewinnerwartungen zur Zerstörung der Marktwirtschaft führen. Und dass ihre persönliche Einkommensentwicklung so nicht weiterlaufen kann.“
http://www.derwesten.de/nachrichten/Steinbrueck-prangert-Gier-an-id3722597.html

Buchtipp: „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach
http://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Billion_Dollar

Irrtum Nr. 4: Fallende Inflationsraten führen zur Aufwertung von Geldvermögen

Bei dieser Ansicht handelt es sich um eine Milchmädchenrechnung par excellence, denn jegliche Geldmengenausweitung führt bei konstantem Waren- und Dienstleistungsangebot zur Geldentwertung. Fällt die Inflationsrate beispielsweise von drei auf zwei Prozent, so erfahren die Geldvermögen keine Aufwertung, sondern die Kaufkraft des Geldes nimmt nur weniger schnell ab.

Nur bei gleichbleibender nachfragewirksamer Geldmenge im Verhältnis zu Waren und Dienstleistungen bleibt die Kaufkraft des Geldes erhalten. Eine Aufwertung von Geldvermögen besteht nur bei einer Verringerung der nachfragewirksamen Geldmenge im Verhältnis zum Angebot von Waren und Dienstleistungen.

Demnächst weiter in Teil 2...

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